Mit heiler Haut im Mark erschüttert
Sommernachtstraum, später: Bodo Kirchhoffs Roman "Wo das Meer beginnt"
(...) Zur dramaturgischen Einheit passt die stilistische. Den ganzen Roman hindurch hält Kirchhoff den bekannt gelassenen Ton seines eleganten Parlando, das er durch eine immer wieder virtuose, sich gelegentlich über zwanzig Zeilen hinziehende und doch übersichtlich bleibende Satz-Mischung aus Aussagen und Einschüben bildet: „Wir saßen nun einfach beieinander, jeder den Kopf im Nacken, mit Blick auf eins der Fenster, auf ein tintiges Blau im Vorhangspalt, und ich weiß nicht mehr, wer von uns, er oder ich, schließlich als erster das Ende der Nacht bemerkt hat und kurz einen Finger hob, Richtung Fenster; ich weiß nur, dass danach noch etwas Zeit verging und der Fuß wieder zu bluten begann und dass mein alter Lehrer Branzger plötzlich Ich verblute gesagt hat, ehe er meine Hand nahm und (...).“
In diesem Ton wirkt jeder Abgrund gespenstisch und doch auch leicht, erzeugt und aufgehoben durch Rhythmus und Melodie der Sprache, die in den meisten Fällen auch den aktuellen Kontext erträgt, den Kirchhoff seinem Konzept von Gegenwart schuldig zu sein glaubt: Amüsant ironisch konfrontiert er Haberlands Überlegungen zur eigenen Willensfreiheit im Heizungskeller mit Spekulationen zur Hirnforschung, denn der Abend, den Haberland vorbereitet, wird unter dem Titel „Das traurige Ich“ eine pikante Kombination präsentieren: Die Portugiesen tragen Fado vor und demonstrieren Saudade, die Deutschen schicken einen Herrn vom Max-Planck-Institut, der Traurigkeit mit ein paar Formeln erklären soll. Haberland muss sich einlesen.
Das zweite Hauptthema des Buchs ist das Alter. Es ist nicht nur Branzgers Angelegenheit, auch die anderen trüben Lehrerfiguren, vom alternden Casanova Blum bis zum noch jungen späten Mädchen Kressnitz, alle leben sie schon mit dem Trauerrand, der wissen lässt, dass Lust und Liebe vergänglich sind. Und selbst Tizia Jentsch und Viktor Haberland, die sich schließlich, kaum über dreißig, noch einmal treffen, haben schon ausgespielt: „Als sie mich ansieht, eine Hand in der Höhe des Kinns, wie um zu winken, und die andere im Haar, sind wir beide die ältesten Menschen, die ich kenne.“
Hans-Peter Kunisch
in: Süddeutsche Zeitung, 10.09.2004.
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