Ekel und Erotik
"Da kommt einer zurück. Aufgebrochen in die Wirren des philippinischen Bürgerkriegs ('Infanta', 1990), umherirrend durch die engen Gassen der Kasbah von Tunis ('Der Sandmann', 1992), kommt Bodo Kirchhoff zurück nach Frankfurt am Main, in 'Goethes Geburtsstadt', wie es im 'Sandmann' so hübsch prätentiös hieß, wo aber auch der Autor, Kirchhoff selber, lebt, wenn er nicht auf Reisen ist wie unlängst wieder im Wüstensand von Belet Huen ('Staub in allen Briefen', 'Der Spiegel' vom 26. Juli 1993). 'Unsere Neurosen sind nicht abendfüllend', hatte er vor Jahren verkündet, um deutlich zu machen, wieso er hinfort fesselnde Bücher nach der Art südamerikanischer Autoren schreiben wolle. Und nun kommt er zurück nach Frankfurt, setzt sich mit seiner schmalen Novelle 'Gegen die Laufrichtung' am Opernplatz ins Café, ausgerechnet da, wo die Neurosen begonnen hatten, als das Café zu 68er Zeiten noch 'Libresso' hieß, blickt auf die Mainanlagen, die Deutsche Bank und das Zürichhochhaus und fängt an zu erzählen: 'Der Entlassene, ein nicht mehr junger Mann von Anfang dreißig, begibt sich vom Gefängnis am Rande der Stadt zu einem Café im Zentrum, dem Ort, an dem sein Verbrechen geschah, als er nämlich einen Mann erstach, den die Frau, an die der Entlassene immer noch denkt, eine Ärztin, ihm, der ein bekannter Tennisspieler war, plötzlich vorgezogen hat.' (...)"
Rolf Hosfeld
in: Die Woche, 19.08.1993.
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