Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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R e z e n s i o n e n
zu »Der Sandmann«

Eine schwarzromantische Woche in Tunis-Kulissen

"Der dritte Roman von Bodo Kirchhoff, ein großzügig gesetztes Stück Prosa, kündigt schon im Titel an, welches Risiko er einzugehen bereit ist. Das Titelbildmotiv indes zeigt einen ins Blaue schreitenden Kapuzenmenschen, also so sinnfällig einen Sand-'Mann', daß keiner auf die Idee kommt, daß er von E.T.A. Hoffmann stamme. Wenn einer aber dann auf die Idee kommt, wird er sich sagen: Aha, ein Nachtstück, wird also von vornherein keine ganz und gar ausgeleuchtete Geschichte erwarten, sondern eine Fantasie 'in Callots Manier'. Wer aber dann sich die Hoffmannsche Erzählung über Nathanael, der begierig einem (weiblichen) Phantom erliegt, nämlich seinen eigenen Projektionen, noch einmal vornimmt, der wird weniger über die unerhörten Begebenheiten sich wundern als über die stupende Reflexivität, mit der da erzählt wird. Nicht nur werden eine aufgeklärte Version jenes Phantomschmerzes - 'Es gibt keinen Sandmann' - und eine okkulte - 'Er ist ein böser Mann' - gegeneinander ausgespielt, es wird nachgedacht auch über die Erzählbarkeit des Unheimlichen, insbesondere über die Möglichkeit eines kongenialen Einstiegs. Hoffmanns Erzähler ringt sich dazu durch, 'gar nicht anzufangen', und setzt mit einem zunächst dubiosen Dreieck aus Briefen ein, dem 'Umriß des Gebildes', in das er erzählend 'immer mehr und mehr Farbe' hineintragen werde. ('Briefe' und eine Sender/Empfänger-Vertauschung werden auch bei Kirchhoff eine Rolle spielen, aber daß Schreiben immer auch Vorspiegelung bedeutet, wird nicht nur, gleichsam nonverbal, 'hergestellt', sondern auch noch beim Namen genannt ...)  (...)"

Hermann Wallmann
in: Süddeutsche Zeitung, 19.09.1992.




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