Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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R e z e n s i o n e n
zu »Drei Fische für zwei Paare«

Mündlicher Sex
Bodo Kirchhoffs "Drei Fische für zwei Paare" in Karlsruhe

Von Martin Krumbholz

Vielleicht hätte Mercedes Estrella ja gern ein Kind von ihrem Mann Aldo. In dem Moment jedenfalls, als Ingrid Brausen, unterbeschäftigte, unbefriedigte und ebenfalls kinderlose Ehefrau des Fernsehvorabendserienautors Erik Brausen, behauptet, Aldo hätte sie soeben definitiv geschwängert, verliert Mercedes, genannt Mercy, die Nerven. Sie stürzt sich auf Ingrid und will sie erwürgen. Frauen unter sich, die Männer schauen nur zu. Brausen sagt dann schlicht: "Lassen Sie das." Wer weiß, wozu er seine Frau noch braucht. Mercy lässt von ihrem Opfer ab. "So was geht nicht", raunt Brausen ihr väterlich zu. Und Aldo hat eine Erklärung: "Es ist das Heimweh ..."

Mercy kommt von den Philippinen; in Neustadt betätigt sie sich als Assistentin des berufsmäßigen Lovers Aldo, dessen Geschäfte nicht sonderlich florieren. Zum Beispiel tötet sie die Fische, nimmt sie aus und bereitet sie zu, wenn anspruchsvolle Kunden wie die Brausens im Anschluss an den Sex ein leichtes Abendmahl wünschen. Zu dritt, also ohne Mercy. Der Titel von Bodo Kirchhoffs Lustspiel signalisiert die fehlende Balance: Der vierte Fisch bleibt vorerst im Wasser, die Assistentin isst später, wenn sie gekocht und serviert hat. Was indes den Sex betrifft, liegen die Dinge ein wenig anders. Während Aldo die nicht unkomplizierte Ingrid zu befriedigen versuchte, waren Brausen und Mercy in einem Hotel, vorgeblich auf der Suche nach einem Geldautomaten, und Mercy, dieser allseits dienstbare Geist, hatte dort Brausens "Geschichte im Mund". So rekonstruiert Ingrid, nicht ohne den Hautgout der Eifersucht, die Chronik der Ereignisse, weil sich bei ihrem Mann ja berufsbedingt alles zu einer Geschichte kristallisiert. Aber nicht immer lässt sich glücklich ins Fiktive sublimieren, was auf baren fleischlichen Tatsachen beruht. Das Mündliche immerhin, so weit liegt Ingrid richtig, hat in der abendländischen Kulturgeschichte eine altehrwürdige Tradition.

Kirchhoff spielt in seinem Text recht virtuos alle denkbaren Finten, Varianten und Hypothesen der Liebesarithmetik durch - in der verführerischen Form des Boulevards. An griffigen Pointen mangelt es nicht. Aber die Geschichte hat auch einen dramatischen Kern. Die Arrangements des käuflichen Sex können noch so schlau eingefädelt sein, wo die ganze Sache sozusagen den Wellness-Bereich überschreitet, wo die Spaßzone fahrlässig verlassen wird, wo also die wirkliche, die schreckliche Lust ins Spiel kommt - da erweisen sich die Häute als dünn und die Nerven als blank. Der Furor der rasenden Eifersucht bricht urplötzlich aus den agilen Menschlein hervor. Und in diesem Fall gibt es keine Ausnahmen, keine Ausgrenzungen, alle sitzen mit am Tisch, buchstäblich jeder und jede ist auf jede und jeden so mordsmäßig eifersüchtig, dass man einander an die Gurgel gehen könnte oder es tatsächlich tut.

Krampf im Bett

Am Badischen Staatstheater Karlsruhe, bei der Uraufführung des Lustspiels, hat man die Fallstricke der boulevardesken Form unterschätzt. Eva Humburgs Bühnenbild will anscheinend die Ausstattungsstereotypen des Boulevard sanft auf die Schippe nehmen, indem es sie verdoppelt: Das repräsentative Doppelbett, der Esszimmertisch, die Küchenzeile, alles ist zweimal vorhanden, einmal plastisch und einmal gemalt - doch der Effekt verpufft, weil er nicht wirklich plausibel ist. Und die Inszenierung von Hans-Peter Schenck gerät auf der Suche nach Leichtigkeit und einer locker-flockigen Spielhaltung in eine chronische Unterspannung, für die die vier Darsteller zu büßen haben. Peter Bamler ist als käuflicher Liebhaber Aldo vom ersten Auftritt an zu weich, zu effeminiert: Er müsste schon auch den Macho durchblicken lassen, um in der Konkurrenz mit dem intellektuell agileren Brausen nicht von vornherein ins Hintertreffen zu geraten. Ähnliches gilt für Anja Reßmers Mercy: Der fernöstliche Stoizismus steht ihr zwar gut, aber sie kann eben auch kaltblütig Fische killen (die in Karlsruhe freilich bereits mausetot auf die Bühne getragen werden) - hier fehlt ebenfalls die grausame Komponente, und folgerichtig geht von der Mordattacke am Schluss keine ernsthafte Bedrohung aus. Bettina Franke ist als Ehefrau Ingrid weniger anspruchsvoll und eigensinnig als hypernervös und zickig - ein Klischee. Am ehesten bringt Harald Heinz seinen Erik Brausen in die Nähe einer Lustspielfigur, die ihre Lustspielhaftigkeit nicht ständig demonstrativ vor sich her trägt.

Vielleicht hat Bodo Kirchhoff aber bereits beim Schreiben seines Stücks zwei Dinge vernachlässigt: Erstens nämlich, dass auf deutschen Bühnen keine Tiere getötet werden dürfen, auch nicht zum Zweck des Verzehrs. Der zweite Punkt betrifft den Verkehr, den geschlechtlichen: Authentischer Sex ist auf deutschen Bühnen schlechterdings nicht darstellbar; das betrifft in der Regel auch die notwendigen Vorbereitungen dazu. Dass also die zentrale Bettszene des Abends in Krampf ausarten würde, war nach menschlichem Ermessen vorhersehbar; man kann es nicht allein den beiden Schauspielern anlasten, die gewiss ihr Bestes gaben.



Martin Krumbholz
in: Theater heute, 03-2002.



Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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