Sprachlicher Striptease
"(...) Ist Bodo Kirchhoff mit seinem neuen Büchlein das Opfer seines eigenen Autor-Images geworden? Denn noch vor zwei Jahren, anlässlich seines 'Sandmann'-Romans, wurde etwa die 'Verführungskraft seiner Stimme' betont, die zeige, 'wie Sprache als Medium erotischer Kommunikation eingesetzt werden kann' (Roland Mischke in der 'Frankfurter Rundschau'). Dieses Lob scheint wiederum den Autor verführt zu haben: zu einer allzu direkten Umsetzung dieser Stimme in einen literarischen Plot. Dieser hat aber leider keine sprachliche Verführung, eher einen Striptease seiner literarischen Fähigkeiten zum Ergebnis. Der Text macht zum Thema, was er praktizieren will. Denn ganz offensichtlich geht es Kirchhoff um eine Rettung - 'der Striptease, privater Gottesdienst' -, um die Rettung der Erotik vor deren Verschwinden in der Bilderflut des Fernsehens, wo die Leistungsschau der Pornos bruchlos an die Sportschau anschliesst. 'Das Fernsehen ist der Totengräber der Erotik.' Sein Monolog vermag es jedoch nicht, mit Hilfe einer Sprachmagie die Leiche wieder zum Leben zu erwecken. (...)"
Sigrid Weigel
in: Neue Zürcher Zeitung, 22./23.01.1995.
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