Nippel rechts, Nippel links
"(...) Bodo Kirchhoff hat, ein Jahr nach seiner Novelle 'Wider die Laufrichtung' und ein halbes Jahr nach seinem Tagebuch von der imaginären Front in Somalia, wieder ein Büchlein veröffentlicht. Es ist gleichzeitig ein Theaterstück, das gegen Ende dieser Saison in Köln unter der Regie von Thorsten Fischer uraufgeführt werden wird: Ein Monolog, in dem ein Ansager einen Striptease ankündigt, der dann nicht der angekündigte ist, sondern die innere und äußere Entblößung - fast hätte man es sich gedacht - des Ansagers selbst. Der Plan ist zwar trotz seiner Schlüpfrigkeit eher konventionell, doch das ist nicht so schlimm. Denn Bodo Kirchhoff beherrscht die Register des Gefallens an sich selbst: 'Ohne die Eitelkeit wären wir friedliche Säuger, mit ihr sind wir unersättliche Mensche.' (...)
Vielleicht ist Bodo Kirchhoffs Buch vom Striptease eine Allegorie auf das Schreiben. Und der Ansger, der sich in der Ankündigung eines nie eingelösten Versprechens selbst entblößt, ist möglicherweise der Schriftsteller selbst. Doch wen kümmern Lust und Ekel eines Menschen, der sich leidenschaftlich auszieht? Ganz gleich, ob er es gern tut oder für Geld oder sich deswegen verachtet. Ein 'Po, garantiert unmuskulös, dazu weiß, wie ein Laken' ist ja nicht einmal obszön. Und so bleibt die Szene ohne Wahrheit - eine Pose, die bloß gefällt oder auch nicht, auf sechzig Seiten in einer Schrift, so groß wie in Kinderbüchern, zum Seitenpreis von fünfunddreißig Pfennigen."
Thomas Steinfeld
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.1994.
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