Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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R e z e n s i o n e n
zu »Wo das Meer beginnt«

Hilflose Schreie nach Liebe
"Wo das Meer beginnt" / Dialog zwischen Lehrer und Schüler

Ein Schrei gellt durch das verlassene Schulgebäude. Die eiligst vom Hausmeister herbeigerufene Lehrerschaft findet in einem Kellerraum einen Schüler und eine Schülerin vor. Das Wort Vergewaltigung fällt.

Was sich wie ein Krimi anlässt, ist in Bodo Kirchhoffs neuem Roman "Wo das Meer beginnt" der Ausgangspunkt für ein langes Gespräch, in dem der Lehrer Branzger herausfinden will, was im Kellerraum der Schule nach der Theaterprobe zu Shakespeares "Sommernachtstraum" wirklich vorgefallen ist. Zu diesem Zweck bestellt er den beurlaubten Schüler Viktor Haberland zu sich nach Hause und schlägt ihm einen Deal vor: Branzger gibt als Gegenleistung zur Wahrheit die Inhalte der eilig einberufenen Lehrerkonferenz preis. Was zunächst arg konstruiert wirkt, zumal sich der Ich-Erzähler Haberland zwölf Jahre später in Erwartung eines neuen Treffens mit seiner damaligen Angebeteten Tizia rückblickend über dieses Gespräch äußert, entwickelt sich dank der einfallsreichen Sprache Kirchhoffs zu einem lesenswerten Dialog.

Beginnend bei den humorigen Ausführungen Branzgers über die Schwächen seines Kollegiums, die die Konferenz schnell zu einer Farce werden lassen, wendet sich allmählich das Verhältnis zwischen dem Lehrer und seinem Schüler. Branzger schwadroniert zunächst selbstgefällig, fährt seinem Schützling über den Mund, wenn dieser seine Gefühle zu Tizia nur unzulänglich und zögerlich schildert. Doch allmählich wird deutlich, dass diese Souveränität nur aufgesetzt ist, dass auch Branzger ebenfalls nach Liebe sucht, aber angesichts seines Alters nur Mitleid zu erfahren glaubt.

"Wo das Meer beginnt" - die westlichste Stelle des europäischen Kontinents nahe Lissabon, wo Kirchhoff die Liaison zwischen Haberland und Tizia beginnen und ihr Wiedersehen zwölf Jahre später stattfinden lässt, dient dem Romancier als Symbol. Die Grenze zwischen Land und Wasser ist zugleich Sinnbild für den schmalen Grat zwischen Liebe und Verlangen, zwischen ehrlicher Zuneigung und Mitleid, auf dem sich die Protagonisten bewegen.

Kirchhoffs Erzählstil ist entsprechend bilderreich, aber klar. Dabei gelingt es ihm, trotz des konstruiert wirkenden Plots schnell einen Spannungsbogen aufzubauen, den er geschickt auf das dramatische Ende des Romans zutreibt. An einem "Schundroman" ist Kirchhoff zuletzt gescheitert, mit "Wo das Meer beginnt" ist ihm nun das Gegenteil gelungen.


Mario Vitt
in: Siegener Zeitung, 13.10.2004.

Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors

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