Es lockt der See
"(...) Nicht minder kunstfertig Kirchhoffs Miniatur über die Genese einer Mordlust aus der bloßen Gelegenheit zum Mord ('Das Loch'), und am stärksten das Protokoll der Verstörung eines Fünfjährigen, der über Stunden - so wenigstens erscheint es ihm - den Lauten und dem Anblick des elterlichen Beischlafs ausgesetzt ist ('Aber daran erinnerte er sich').
Diese 'Kindheitsgeschichte', deren Rhythmus und Tempo mit dem flachen Atem eines verängstigten Jungen gehen, überragt die übrigen Erzählungen bei weitem: Ihm ekelt, er bangt um die Mutter, dann wieder um den Vater, ahnt zugleich, daß es sich um anderes handelt als einen Kampf, fürchtet auch, die beiden zu unterbrechen, schämt sich der Zeugenschaft, tut schlafend, obwohl die Blase drückt.
Leiden eines Knaben, Pein, die sich unmittelbar übersetzt - anders als die Gefühlswirren elaborierter Charaktere in bukolischer Landschaft, als all die mehr oder weniger interessanten Fallgeschichten von Leuten mit Zweitwohnsitz, die kaum weitertragen als bis zum 'So what?'. Oder, um es ungelenk, aber treffend mit dem naturmagischen Novizen Kirchhoff zu sagen: 'Es war dem See sozusagen gleichgültig, ob unser Boot auf ihm trieb oder in ihm versank.'"
Andreas Nentwich
in: Die Zeit, 26.03.1998.
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