In den Fängen der Urologin
"Daß das Weib das Schicksal des Mannes ist, hat sich in der Weltliteratur seit geraumer Zeit herumgesprochen. Humbert Humbert verfällt Lolita, Antony verfällt Cleopatra, Dr. Schön verfällt Lulu, Herakles verfällt Omphale, Ritter Huldbrand verfällt Undine, Professor Unrat verfällt Marlene Dietrich, Nathanael verfällt der mechanischen Olimpia, und als es auf dem Rhein noch Berufsfischer gab, verfielen sie laufend der Lorelei, die sich im Freien zu frisieren pflegte. Bis zu Bodo Kirchhoffs jüngstem Werk schien das Innovationspotential dieser tragischen Konstellation erschöpft. Jetzt aber darf von einem neuen Durchbruch gesprochen werden. Erstmals in der Weltliteratur verfällt ein Mann seiner Urologin. Und erstmals rückt diese medizinische Disziplin, die bisher als ruhiges, auf einen begrenzten Ausschnitt der Natur konzentriertes Gewerbe galt, in ein dämonisches Licht. Was mag, fragt sich der Leser - und beklommener fragt es sich der Leser als die Leserin -, was mag in diesen unauffälligen Praxisräumen landesweit gelaufen sein, bis endlich ein Autor es wagte, den Schleier vor den Untersuchungstischen wegzureißen und die Schuppen von den Augen einer aufschreckenden Öffentlichkeit zu fegen? (...)"
Peter von Matt
in: Die Zeit, 08.10.1993.
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