Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


    home  news   werke   biographie   gespräche   sekundärliteratur   newsletter   gästebuch   dank  




[ zurück ]




R e z e n s i o n e n
zu »An den Rand der Erschöpfung weiter«

Ein Stück Bodo Kirchhoffs im Frankfurter TAT

Zuschauer am Rande der Erschöpfung

Was macht ein Mann zwischen elf und zwei Uhr nachts allein in seinem Zimmer? Nichts. Oder besser: fast nichts. Er sucht seinen Hut, spricht laut mit sich selbst, erinnert sich an Kleinigkeiten des vergangenen Tages und droht gelegentlich (mal im Imperfekt, mal im Präsens und schließlich gar im Futur II) einen Menschen umzubringen.
Um diese keineswegs weltbewegenden Vorgänge kreist die auch sonst nicht sehr dramatische Handlung des neuen Ein-Figuren-Stückes "An den Rand der Erschöpfung weiter" von Bodo Kirchhoff, das jetzt im Frankfurter Theater am Turm in der zurückhaltenden Regie von Serge Roon uraufgeführt wurde. Ein Stück, das der Autor ohne Rücksicht auf die sehr unterschiedlichen Bedürfnisse von Auge und Ohr sowohl als Schau-, wie auch als Hörspiel bezeichnet.
Und an ein Hörspiel mußte man sich zumindest zu Beginn der Premiere auch erinnert fühlen: auf einer leeren, ganz im glänzendem Schwarz gehaltenen Bühne rezitierte der Darsteller Peter Drescher mit dem Rücken zum Publikum seinen Text. Zwar wendet er sich im Verlauf des Stückes den Zuschauern zu, doch sein Aktionsradius bleibt weiterhin auf eine, auf dem Boden ausgebreitete schwarze Wolldecke begrenzt, die - neben einem Borsalino, der verlassen in einer Ecke liegt - das einzige Requisit darstellt.
Auf dieser Decke steht, kniet und liegt Peter Drescher den ganzen Abend, hier kriecht und krabbelt er, windet sich und rollt sich ein, und von hier aus spricht, schreit und stottert er auch seinen ganzen Text. Ihm und auch dem Regisseur kann man keinen Vorwurf machen, sie haben sicherlich ihr Bestes gegeben, um dieser Rolle alle nur denkbaren komödiantischen Effekte abzugewinnen; doch welch magere Ausbeute wurde ihnen zuteil.
Kirchhoffs Stück besteht aus lose zusammenhängenden, in kleine Teile zerrissenen Sätze, aus Wortbruchstücken und einer Reihe zyklisch wiederkehrender Leitmotive. Es ist kein Bewußtseinsstrom à la James Joyce und auch kein sprachkritisches Theaterexperiment nach dem Vorbild des "Kaspar" von Peter Handke. Am besten läßt sich das Ganze vielleicht als der assoziative Monolog eines Vereinsamten beschreiben. Jedoch kann man weder Anfang noch Ende, weder Struktur noch Ziel dieser zerbröckelnden Wortkaskaden ausmachen. Rasch macht sich das Gefühl von Beliebigkeit breit.
Trotz allem oder gerade deshalb ließe sich nun sicher sagen, daß Kirchhoff mit diesem Stück seine schriftstellerische Subjektivität auf die Spitze treibt. Ihn hemmt keine Fabel und kein dramatischer Aufbau mehr daran, sich auszusprechen. Allerdings hat er mit dieser Gipfelstürmung auch einen Höhepunkt der Belanglosigkeit erreicht. Seine Figur redet nur von sich nund nur für sich. Das Publikum ist überflüssig, vielleicht stört es gar.
In einem seiner Essays hat Kirchhoff die Überzeugung vertreten, daß seine Arbeit als Autor nur Spracharbeit sein könne. Tatsächlich finden sich - im Gegensatz zu den beiden ersten Stücken "Das Kind" und "Body-Building", in denen hauptsächlich psychologische und psychoanalytische Motive im Vordergrund standen - in seinem jüngsten Schauspiel einige ganz reizvolle Sprachspiele. Allerdings können auch sie die Konzentration und das Interesse nur schwerlich über die Länge eines Abends wachhalten.
An dem Ast zu sägen, auf dem er als Schriftsteller sitzt, hat Bodo Kirchhoff schon häufiger in Ausätzen als eine seiner Lieblingsbeschäftigungen bezeichnet. Es ist zu befürchten, daß er diese Arbeit schon recht bald zu einem erfolgreichen Ende bringt.


Uwe Wittstock
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.1980.



Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors.
[ zurück ]










   impressum