Pyramus und Thisbe werden von der Realität entzaubert
Vielleicht nur eine Nacht lang
Bodo Kirchhoffs Männergeschichte "Wo das Meer beginnt"
Mit tiefer und tiefgründelnder Ernsthaftigkeit beschäftigt sich Bodo Kirchhoff in seinem neuen Roman mit der Macht des Eros. Das zieht sich unaufregend über erinnerte Gespräche eines jungen Mannes mit seinem Lehrer hin. Und entwickelt dennoch Sogwirkung.
In den Büchern des Frankfurter Schriftstellers Bodo Kirchhoff ist das immer wieder aufs Neue so: Er hebt die Liebe und das Begehren gern auf das Podest des Geheimnisvollen, des Mysteriums. Er hat oft überkandidelte, pathetische Gedanken. Immer müssen seine Helden die Versuche ihrer Selbstfindung an einem anerkannt schönen oder angeblich aufregend exotischen Ort dieser Welt austragen. Wobei diese Helden ihr Innerstes nach außen kehren und sich und dem Leser am Ende ein Stück näher gekommen sind, im wesentlichen Kern aber doch fremd bleiben.
Trotzdem das stets so läuft und das Bedeutungsschwangere stört, das bei Kirchhoff über der Handlung, den Personen wabert, bleibt man an seinen Geschichten dran. Das kommt davon, dass er erzählen kann und dass er das Erzählen selbst zum Hauptthema seines Schreibens macht. Vor seinem Vertrauen in die klärende Kraft des Erinnerns und mithin: der Sprache muss man sich geschlagen geben. Das ist - nach "Parlando", das letzte Buch "Schundroman" lassen wir mal weg - jetzt wieder so, wenn ein neuer Kirchhoff-Held erfährt: "Wo das Meer beginnt". Wobei dieser Viktor Haberland im Unterschied zu seinen Vorgängern nicht ruhelos in eigener Mission herumjetten muss. Er befindet sich bereits eingangs im für dunklen Herz-Schmerz prädestinierten Lissabon. Aber nicht sein eigenes Leiden wird schlussendlich offenbar, sondern das eines anderen...
Viktor, Anfang 30, aus einem Frankfurter Politikerhaus, ist in der portugiesischen Hauptstadt am Goetheinstitut beschäftigt. Er bereitet eine Veranstaltung unter dem Titel "Das traurige Ich" vor. Und hat dazu aus Deutschland eine junge Schauspielerin engagiert, die keine Ahnung hat, wem sie das entgegenfahren wird. Es ist Tizia, mit der zusammen Viktor kurz vor dem Abitur im Gymnasium als Pyramus und Thisbe auftreten sollte. Doch was damals nach einer Probe im Heizungskeller der Schule folgte, war kein Sommernachtstraum, endete vielmehr in einem dicken Skandal.
Der Hausmeister erwischte die beiden auf der Matratze, das ganze Lehrerkollegium versammelte sich alsbald vor der Tür und später x-mal am Konferenztisch, um den Vorfall und seine Konsequenzen zu klären. Dass Viktor nicht geächtet und ohne Abitur bliebt, hatte er seinem Lehrer Dr. Branzger zu verdanken. Mit ihm hatte er damals über viele Nächte hingweg in Gesprächen die missglückte Liebesstunde durchgenommen - und mehr: Umkreist wird das ganze Rätsel des jetzt und hier und nur auf diese eine Person bezogenen Verlangens. Das "Gesetz von der Schwerkraft der Liebe". Die Einsicht, dass man nur einmal wirklich liebt im Leben, "unter Umständen nur eine Nacht lang".
Ja, wie gesagt, das ist halt Kirchhoff. Aber wie Viktor jetzt, viele Jahre später, durch den vom Lehrer hinterlassenen Notizenstapel die Intensität und die Unvereinbarkeit dieses intimen Erfahrungsaustauschs zwischen Jung und Alt noch einmal durchlebt, das übt einen Sog auf den Leser aus. Kriminale oder humoreske Einsprengsel (Frankfurter Prominenz geistert wieder durch den Band) sind zwar willkommen, was an die Geschichte bindet, ist die melancholische Aura.
Petra Kollros
in: Südwest Presse, 05.10.2004.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
|