Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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R e z e n s i o n e n
zu »Wo das Meer beginnt«

Lieber lernen

Deutsche Autoren haben die Schule als Stoff entdeckt. Was sich in den Klassenzimmern tut, ist äußerst lehrreich. Aber nicht immer lehrplangemäß.

Ganz leise zogen sie sich zurück. Sie wollten herausfinden, was sich da versteckt unter den Kleidern des anderen. Und was vielleicht noch so alles zum Vorschein kommen könnte unter Haut und Haaren und hinter den Lippen. Aus dem Staub gemacht haben sie sich, die beiden Gymnasiasten Viktor Haberland und Tizia Jentsch, nach einer Theaterprobe. Im Heizungskeller ihrer Frankfurter Schule sollte es passieren. Da waren Kerzen und eine Luftmatratze. Und ein alter Plattenspieler ließ Mick Jagger sehnsuchtsvoll „Tell me“ singen. Alles hätte wunderbar sein können. Doch dann war da ein Schrei, der zu dem Ganzen nicht passen wollte. Der Hausmeister alarmierte das Lehrerkollektiv. Die Tür zum Heizungskeller wurde aufgerissen, und von Romantik wollte keiner mehr reden. Doch sicher wäre all das schnell wieder vergessen worden, wäre am nächsten Tag nicht plötzlich das Wort „Vergewaltigung“ – von Tizia ausgesprochen – im Raum gestanden.

Soweit die Ausgangssituation, aus der Bodo Kirchhoff seinen Roman „Wo das Meer beginnt“ entwickelt. Es handelt sich – neben so manch anderem, darunter ein kaum verschlüsselter Kommentar zur Suhrkamp-Krise nach dem Tod von Verlagschef Siegfried Unseld – um eine Schulgeschichte. Auffallend ist, dass von dieser Gattung in diesem Jahr noch einige Bücher erscheinen sind. Offenbar haben die deutschen Schriftsteller Gefallen gefunden an muffigen Schulfluren, an Matheformeln und in der Früh eilig abgeschriebenen Hausaufgaben. Wirkt sich hier PISA literarisch aus? Schon eher dürfte eine Rolle gespielt haben, von jungen Menschen zu erzählen, die ihren Platz im Leben zu finden versuchen. Und von Lehrern, die ihnen dabei zur Seite stehen oder aber mit dieser Aufgabe hoffnungslos überfordert sind.

Zurück zu Kirchhoff, bei dem so ein Lehrer die Regie des Buches übernimmt. Dr. Branzger heißt er. In die Jahre gekommen ist er und von Schülern wie von Kollegen wird er in der Kategorie „unspektakulär“ abgelegt. In Wirklichkeit aber haust in ihm ein hellwacher Geist, einer, der rasiermesserscharf zu denken versteht und – für Viktor weitaus bedeutender – zu den tiefsten Gefühlen befähigt ist.

Branzger schließt mit Viktor einen Pakt: In allen Einzelheiten wird er von der Lehrerkonferenz berichtet, in der über den vermeintlichen Vergewaltiger zu Gericht gesessen worden ist, wenn der Schüler ihm im Gegenzug erzählt, was genau sich im Heizungskeller zugetragen hat. Um es vorwegzunehmen: Zu letzterem kommt es in „Wo das Meer beginnt“ nicht. Anderes ist Kirchhoff wichtiger.

Die Lehrerkonferenz etwa. Eine Posse hat Kirchhoff daraus gemacht, in deren Verlauf sich die Damen und Herren Pädagogen der Reihe nach bloßstellen. Karrieregeile Strategen entlarven sich genauso wie betonierte Dummköpfe oder beziehungsgestörte Monster. Was sich in dieser Runde rar macht, sind hingegen einfühlsame Erzieher, die ihren Schülern ein Wegweiser durch den Lebensirrgarten sein könnten.

Branzger ist so einer. Wie Viktor feststellt, als er ihn zu Hause besucht. Aus den Gesprächen, die sich da entspinnen, lernt Viktor mehr als in zwölf Jahren Schule, mehr als ihm seine alkoholkranke Mutter und sein dauerabwesender Politikervater je beigebracht haben. Denn Branzger doziert ohne zu belehren, er erzählt über das Leben, den Tod und vor allem über die Liebe. Direkt und sanft zugleich, weise und nie sentimental.

Wenn Branzger sagt „Lieben, das aufs Ganze geht“ mache „einen nicht ganz, es entzweit dich, in einen liebenden Gott und eine bangende Kreatur“, dann spricht aus ihm kein Buchwissen, sondern Erfahrung. Eine Beziehung mit einer sehr viel jüngeren Kollegin hat Branzger hinter sich. Eine tiefe, mächtige Liebe ist das gewesen, mit all dem stillen Bangen, mit all dem Jauchzen und den unheilbaren Schmerzen, die zu einer solchen gehören.

Was der ältere Herr davon preisgibt, das hat Kirchhoff erschütternd und ganz ohne Effekthascherei beschrieben. Viktor Haberland erinnert sich zwölf Jahre später daran zurück. Er arbeitet inzwischen für das Lissabonner Goethe-Institut und hat die Schauspielerin Tizia Jentsch zu einem Vortragsabend eingeladen, Vielleicht wird Viktor sich wieder in das Labyrinth der Liebe wagen. Bestimmt aber wird er die Sackgasse meiden, in die er einst im Heizungskeller seiner Schule geraten ist. Immerhin hat er den Ariadnefaden in der Tasche, den Branzger ihm vermacht hat.

Auf die Suche nach einem solchen Faden begibt auch die 15-jährige Ada aus Juli Zehs voluminösem Roman „Spieltrieb“. Ada ist der Prototyp dessen, was Zeh als „Urenkel der Nihilisten“ bezeichnet: „Diese Jugend hatte keine Wünsche, kein Überzeugungen, geschweige denn Ideale, sie strebte keinen bestimmten Beruf an, wollte weder politischen Einfluss noch eine glückliche Familie, auch keine Kinder, keine Haustiere und keine Heimat, und sehnte sich ebenso wenig nach Abenteuern und Revolten wie nach dem Althergebrachten und Vorgestrigen.“
Was bleibt dann noch? Man lässt sich treiben. Oder man spielt. Als der mysteriöse Alev auf Adas Schule, einem Bonner Privatgymnasium, kommt, weiß sie, dass sie den richtigen Spielgefährten gefunden hat. Alev, ein Jung-Mephisto, der es liebt gefährliche Liebschaften zu entfachen und Menschen zu manipulieren, entwirft einen perfiden Schlachtplan mit dem naiven polnischen Sportlehrer Smutek im Zentrum. Ada wird ihn verführen und auf diese Weise erpressbar machen. Nach ihrer Pfeife werden sie ihn tanzen lassen. Und wenn sie ihm überdrüssig sind, werden sie ihn brechen.

Denn Ada und Alev sind Kinder, die die Welt noch nicht oder auch nicht mehr verstehen. Sie nehmen sich das Spielzeug, das ihnen gefällt. Sie machen es kaputt, um dahinter zu kommen, wie es im Innersten funktioniert. Doch alles, was sie finden – so Zehs düstere Zeitdiagnose – ist nur eine Leere, die einen schaudern lässt.

Marcus Jensen weiß um diese Art von Leere. Auch wenn es ihm – im Gegensatz zu Zeh – nicht um eine Beurteilung unserer heutigen Gesellschaft geht. Die Bedeutungslosigkeit aller uns angebotenen Sinnangebote ist in Jensens „Oberland“ von umfassenderer Natur. „Oberland“, dieser bereits im Frühjahr erschienene Roman, ist ein Buch über den Tod. Sein (Anti-)Held und Erzähler Jens Behse ist von diesem schwärzesten aller Löcher bereits verschluckt worden. Nicht vollständig allerdings. Drei Tage lang schwebt er über seiner gerade abgeschlossenen Existenz. Und gestattet sich und uns Ein- und Rückblicke auf markante Wegstrecken seines kurzen Lebens.
Den größten Raum nimmt dabei Behses neuntes Schuljahr an einem Pinneberger Gymnasium ein. Jensen erzählt von Pubertätsnöten und Selbstfindungsqualen. Er schildert, wie Behse vom Außenseiter zum spirituellen Führer aufsteigt, zu einem allseits geachteten Verkünder des Nichts. Wie er auf Distanz geht zu seinen ihn missverstehenden Eltern, wie er mit dem Selbstmord experimentiert, einen Mord begeht, sich in den Gefilden des Eros verirrt und einer Klassenkameradin verfällt.

Neunt- und Zehntklässler sollten irgendwie unbeschwerter sein als jene, die uns Jensen und Zeh in ihren vielschichtigen Büchern vorführen. Sie sollten anderes im Kopf haben als Erpressung und Demagogie, als Wertlosigkeit und Tod. Aber wer könnte ihnen dies Andere aufzeigen? Wo sind die charismatischen Lehrer, wie Bodo Kirchhoff einen gezeichnet hat? Jensen und Zeh kennen da nur blasse Gestalten. Oder solche, die ihrem pädagogischen Auftrag angesichts übermächtiger persönlicher Probleme nicht mehr gerecht werden können.

Einen von dieser Sorte porträtiert Jakob Arjouni in „Hausaufgaben“. Es ist ein gewitzter, fast schon hinterhältiger Roman über einen Lehrer geworden, bei dem man bis zuletzt im Unklaren gelassen wird, ob man es mit einem Täter oder einem Opfer zu tun hat. In jedem Fall mit einem Exemplar der 68er-Spezies. Deutschlehrer Joachim Linde ist immer locker, immer diskussionsbereit. Jedenfalls sieht er sich so und hätte es gerne, die anderen würden ihm da gleichtun.

Dumm nur, dass Lindes Fassaden aus Toleranz und Gutmenschentum auf wackeligem Fundament steht. Seine Frau schwankt von einem Nervenzusammenbruch in den nächsten. Die Tochter ist aus dem Elternhaus geflohen, während der Sohn sich schwer tut, seine Rolle im Leben zu finden. Kann es sein, dass Linde der Grund dafür ist? Hat er wirklich einst seiner eigenen Tochter nachgestellt? Als in seiner Klasse die Sprache auf die braune deutsche Vergangenheit kommt, drängt mit aller Macht auch all das Beiseitegeschobene in Lindes eigener Geschichte wieder an die Oberfläche.

Innerhalb kürzester Zeit und mit viel Lust an der Gnadenlosigkeit verwandelt Arjouni das Leben des Lehrers in einen Strudel aus Katastrophen. Ob Joachim Linde darin untergeht, lässt der Autor offen. Unstrittig ist jedoch die Botschaft, die uns Arjouni mit auf den Weg gibt: Wir sind mit unseren Hausaufgaben – in jeder Hinsicht – allzu nachlässig umgegangen. Kirchhoff, Zeh und Jensen dürften ihm dabei zustimmen. Sie alle zeigen junge Menschen, die in entscheidenden Momenten allein gelassen worden sind. Das darf nicht sein. Dafür sind sie einfach zu kostbar.

Peter Zemla
in: buchjournal, 03/2004.


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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