Von Menschen und Molchen
Zu Bodo Kirchhoffs neuem Roman „Wo das Meer beginnt“
Die Liebe ist ein seltsames Spiel. Okay, das wissen wir. Aber hilft uns das weiter? Kein bisschen. Denn mit dieser Weisheit in der Tasche ist nicht viel gewonnen. Erst recht nicht, wenn wir selbst Teil des Spiels sind und herumsausen wie die Silberkugel im Flipper. Spätestens jetzt würden wir gern erklärt bekommen, wie die Regeln des Spiels lauten, wer hier überhaupt mit wem spielt und zu welchem Zweck. Aber verrät uns das jemand? Überall blinkt und pfeift es. Die richtigen Felder müssten wir jetzt treffen, bekommen wir signalisiert, dann winke ein Sonderbonus oder ein Extraball. Aber was um Himmels willen sind nur die richtigen Felder?
Gesegnet ist, wer sich da an einen Lehrer wenden kann. Viktor Haberland, Erzähler in Bodo Kirchhoffs neuem Roman „Wo das Meer beginnt“ hat einen solchen Lehrer. Oder genauer: hatte. Denn dieser Dr. Branzger ist vor zwölf Jahren gestorben. Ein paar Wochen bevor Viktor sein Abitur machte. Ein paar Wochen nachdem Viktor in eine Affäre geschliddert war, die sein Leben veränderte.
Tizia Jentsch, die mit Viktor damals das Frankfurter Hölderlin-Gymnasium besuchte, bildete das Zentrum, um das herum die Gefühle wie bei einem Taifun wirbelten. Da war die abendliche Theaterprobe zu einer Schüleraufführung. Da war der Heizungskeller des Gymnasiums, in den Viktor und Tizia nach der Probe verschwanden. Und plötzlich war da das Wort „Vergewaltigung“. Tizia hatte es ausgesprochen. Von da an hatte Viktor ein Problem.
Zwölf Jahre später – Haberland arbeitet inzwischen für das Lissabonner Goethe-Institut – erinnert er sich, wie damals ein Erdbebenriss durch ihn gegangen ist. Vielleicht wäre er davon verschluckt worden, hätte es den Deutschlehrer Branzger nicht gegeben. Branzger schloss mit Viktor einen Pakt: In allen Einzelheiten würde er von der Lehrerkonferenz berichtet, in der über den vermeintlichen Vergewaltiger zu Gericht gesessen wurde, wenn Viktor ihm im Gegenzug erzählt, was sich wirklich im Heizungskeller abgespielt habe.
Um es vorwegzunehmen: Zu letzterem kommt es in „Wo das Meer beginnt“ nicht. Entschieden wichtiger sind Kirchhoff zwei andere Aspekte. Da ist zum einen die Posse der Lehrerkonferenz – eine wunderbare Lektion in satirischer Typenschilderung. Und zum anderen sind da Branzgers weise und letztlich erschütternden Auslassungen über die Liebe an sich und im Besonderen.
Sie sind es, die diesen Roman zum Glühen bringen. Was Kirchhoff dem unscheinbaren, in Wahrheit höchst empfindsamen und zugleich rasiermesserscharf denkenden Kauz in den Mund legt, ist eine kolossale Geschichte über die Janusköpfigkeit des Menschen. Die Liebe vermag es, dass er sich zu Göttergröße aufschwingt, um vom Leben dann wieder ins Molchenstadium zurückverwandelt zu werden.
Kirchhoff erzählt davon eindringlich und hauchzart zugleich. Nie läuft er Gefahr, sich in Effekthascherei oder gar Voyeurismus zu verstricken. Einer anderen Gefahr hingegen ist der Autor erlegen: Nebensächliches zu berichten. Dazu gehört sein kaum verschlüsselter Kommentar zur Suhrkamp-Krise nach dem Tod von Verlagschef Siegfried Unseld, dazu gehört das viel zu breit angelegte Frankfurter Lokalkolorit oder seine Bemerkungen über eine „heute“-Moderatorin.
All das bläht dieses Buch auf und stört mitunter gewaltig. All diese Banalitäten lenken davon ab, dass Kirchhoff unendlich sanft, unendlich traurig und unendlich wahrhaftig über die Liebe geschrieben hat.
Peter Zemla
in: Applaus Kulturmagazin, 09/2004.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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