Unmöglichkeit der Liebe
Bodo Kirchhoffs neuer Roman "Wo das Meer beginnt"
"Wer etwas erzählen will, muß einen Berg versetzen. Erst trägt man ihn nach und nach ab und lernt dabei alles kennen, was später in der Geschichte vorkommen soll, dann richtet man ihn unter noch ungleich größerer Mühe anstelle der Wirklichkeit wieder auf. Und das nicht in der Reihenfolge, in der man ihn abgetragen hat, da hätte man sich die Plackerei sparen können, sondern nach den Gesetzen der Schönheit ..."
Bodo Kirchhoff, aus dessen neuen Roman "Wo das Meer beginnt" dieses Zitat stammt, ist einer der deutschen Autoren, die in der Literaturkritik einen guten Namen haben. Das liegt auch daran, dass der Sprachkünstler das beherzigt, was er in diesem Fall dem alten Lehrer Branzger in den Mund gelegt hat. Kirchhoff, der mit "Infanta" seinen ersten großen Auftritt hatte, jongliert mit Stilen und Stoffen: In "Parlando" etwa, in dem er einen großen Roman aus einem Redestrom entwickelte und im "Schundroman", in dem er den Leser mit Enthüllungen aus der Literaturszene lockte. Sein neuester Roman ist eine Mischung zwischen beiden. Es geht um Liebe, besser: um die Macht des Verlangens. Jenes Verlangen, das jung und alt befällt, Eltern und Kinder, Schüler und Lehrer und das auch keine Rücksicht auf das Geschlecht nimmt.
Der Schüler Viktor Haberland, Sohn eines bekannten Politikers, wird nach einer Theaterprobe vom Lehrerkollegium im Keller des Gymnasiums ertappt, als er Sex mit der Mitschülerin Tizia hat, Tochter einer ehrgeizigen allein erziehenden Mutter - gegen Tizias Willen, wie das Mädchen später beteuert. Gegen den Ausschluss des Jungen aus der Schule spricht sich in der anschließenden Lehrerkonferenz vor allem Dr. Branzger aus. Viktors alter Lehrer zitiert den Schüler allerdings in seine Wohnung, um von ihm zu hören, was wirklich im Keller geschah. Im Gegenzug bietet er ihm eine minutiöse Schilderung der Lehrerkonferenz an.
Jahre später, als Viktor in Lissabon - dort, wo das Meer beginnt und wo auch seine und Tizias Geschichte begonnen hat - vor einem Wiedersehen mit Tizia steht, holt er mit den alten Notizen seines Lehrers die Vergangenheit in die Gegenwart. Aus dem Dialog zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, entwickelt der Sprachkünstler Kirchhoff eine Tragikkomödie, die in ihren Irrungen und Wirrungen an Shakespeare erinnert.
Die Seele in der Spielbank
Wie Shakespeares Sommernachtstraum, für den Viktor und Tizia an jenem Abend probten, kreisen auch die Gespräche zwischen Lehrer und Schüler um das Verlangen, um den "Ort, an dem wir uns ruinieren", wie der alte Branzger sagt, "die Spielbank der Seele". Auch Viktor ahnt die Unmöglichkeit der Liebe: "ebensogut könnte ich versuchen, das Meer im Ganzen zu sehen." Die Angst vor dem Uferlosen lähmt, und so bleiben sie beide, Lehrer und Schüler, wo das Meer beginnt.
Lilo Solcher
in: Augsburger Allgemeine, 09.09.2004.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin
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