Was damals im Heizungskeller wirklich geschah
Bodo Kirchhoffs Roman "Wo das Meer beginnt" erzählt von der Unzuverlässigkeit der Fakten
Da war die Luftmatratze, da waren die Kerzen. Da war die Musik, von einem alten Plattenspieler. Im Heizungskeller des Hölderlin-Gymnasiums zu Frankfurt am Main wollen Viktor und Tizia die Liebe ausprobieren. Gerade sind die Proben zum "Sommernachtstraum" (Theater-AG) zu Ende, die beiden sind aufgeheizt von einer gewagten Liebesszene. Die ersten Küsse sind getauscht - und dann schreit Tizia. So laut, dass Hausmeister Zimballa in den Schulkeller eilt.
Die Sache ist heraus, und Viktor Haberland ist erstmal beurlaubt. Versuchte Vergewaltigung. Das Lehrerkollegium hat darüber zu befinden, ob Haberland der Schule verwiesen wird.
Nicht um den fiktiven Tod eines Kritikers geht es wie im knalligen "Schundroman" des 54-jährigen Gardasee-Fans. Um Wirklichkeit und Wahrheit dreht sich Bodo Kirchhoffs neuer Roman "Wo das Meer beginnt", um die Beschreibung von Fakten, die jeder anders sieht, weil sie jeweils andere Hirne und andere Herzen durchlaufen haben, wenn sie ausgesprochen werden. Darum wird auch nur vordergründig aufgedeckt, was in jenem Heizungskeller vor zwölf Jahren geschah.
Eigentlich geht es dem wortverliebten Autor - wie schon in "Parlando" - um die Sprache, die wie eine Katze träge weite Kreise um ihr Revier zieht. Sprache ist der Kitt zwischen Geschichten, die Kirchhoff nicht ganz organisch montiert hat: Erzählt wird in der Ich-Form aus der Perspektive Viktors, der heute, zwölf Jahre später, am Goethe-Institut in Lissabon arbeitet und alte Notizen sichtet. Wochenlange Gespräche mit seinem alten Lehrer sind Gegenstand dieser Notizen, und diese Gespräche bereiten das eigentliche Vergnügen beim Lesen des Romans.
Denn Dr. Branzger (ein alter Bekannter aus "Parlando"), hat mit Viktor ein Geschäft gemacht: Das detaillierte Protokoll des Lehrertribunals (nebst persönlicher Eindrücke) gegen die genaue Schilderung der Ereignisse im Heizungskeller. Doch während Viktor nicht wirklich viel einfällt, öffnet Branzger den Kosmos einer exzessiven Gedankenwelt, die akribisch um die Puzzlesteine menschlicher Wahrnehmung ringt.
Mit bemerkenswerter Plastizität enthüllt sich in der banalen Schilderung einer Lehrerkonferenz ein Geflecht emotionaler Perspektiven, und Branzger ist deren teuflischer Chronist. Messerscharf zeichnet er die Schwächen seiner Kollegen nach, und mit wohliger Fabulierlust phantasiert er aus Fakten mögliche Szenarien. Er ist ein eloquenter Kauz, der literweise tintenschwarzen Kaffee trinkt, unter der Tapete eine kostbare Kunstsammlung entdeckt und nebenbei eine unerwartete Liebesgeschichte enthüllt. Und der am Ende die wahre Tragik für sich reserviert hat.
Viel hat dem Kirchhoffs Held Viktor nicht entgegen zu setzen. Er bleibt über weite Strecken - fasziniert - Zuhörer dieser verbalen Urgewalt, die er aus dem fernen Lissabon beschwört. Doch so richtig will der Sprung von dort, "Wo das Meer beginnt", in die Imbissbuden-Tristesse der Geldmetropole Frankfurt mit ihrem düsteren Erinnerungs-Altbau nicht gelingen.
Birgit Eckes
in: Kölnische Rundschau, 14.09.2004.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Heinen-Verlages
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