Nachhall des letzten Sommertheaters
Ein Rückblick auf die Literaturkritiken zu Bodo Kirchhoffs "Schundroman"
Von Sebastian Domsch
Im Bücherherbst des Jahres 2002 hat sich die schon fast vergessene literarische Postmoderne in Deutschland zu einem späten Höhepunkt aufgeschwungen. Dieses Kunststück gelang mit dem "denkwürdigen Sommertheater" (Eckhard Fuhr, Die Welt) um Martin Walsers "Tod eines Kritikers" und Bodo Kirchhoffs selbstreflexiven "Schundroman", das die Grenzen von Fiktion und Wirklichkeit, von Ernst und Satire in viel radikalerer Weise in Frage stellte als mancher Roman von Eco und manche Geschichte von Borges. Die Flut der Anklagen, Rezensionen und Brandschriften rund um die beiden Romane ist ein Beleg dafür, dass der Betrieb in seiner narzisstischen (oder literaturwissenschaftlich geadelt: metafiktionalen) Selbstbespiegelung sich noch immer selbst genug ist.
So sehr haben sich im Fall des fiktionalen doppelten Kritikermords Autoren und Rezensenten, Produzenten und Rezipienten ineinander verbissen, dass dem Knäuel kein Anfang mehr zu entnehmen ist. Mit einem Ende rechnet ohnehin keiner. Was war zuerst da, Beleidigung des Autors durch den Kritiker oder Rache des Autors, Empörung oder Rechtfertigung? Wer heute ein Exemplar von "Schundroman" in die Hand nimmt, der kann auf der Umschlagrückseite eine lange Reihe lobender Kritikerstimmen lesen, die im Stil von Tickermeldungen zu Schlagworten von Reich-Ranickischer Prägnanz verdichtet und verkürzt werden. Es grüßt die Bild-Aktion gegen lange Sätze. Im Folgenden soll den Rezensionen etwas mehr Raum gelassen werden.
Nachdem über "Tod eines Kritikers" von Martin Walser in einem beispiellosen Wettrennen bereits lange vor seiner Veröffentlichung gerichtet wurde, entwickelte sich die Rezeption von "Schundroman" deutlich ruhiger, aber natürlich fast zwangsläufig über den Vergleich mit dem Skandalvorläufer. Jens Jessen imitierte in seiner Kritik in der Zeit gar den Produktvergleich einer Automobilzeitschrift, aufgeteilt nach verschiedenen Kriterien wie Verarbeitung, Motor (Hassantrieb) oder Bremsweg. Für diesen wie auch die meisten anderen direkten Vergleiche gilt Stefan Martus' Beobachtung in der Berliner Zeitung, nachdem Walser alle negativen Energien auf sich gezogen habe, blieben für Kirchhoff eher Wohlwollen und Sympathie übrig. Denn, wie Andreas Platthaus in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung betont, während beide Romane sich in manchen Motiven gleichen, ist ihr Weg doch ein sehr unterschiedlicher. Peter von Becker bezeichnet im Tagesspiegel Kirchhoffs Roman daher als Satyrspiel am Rande. Für Kolja Mensing (taz) allerdings liegt die Vergleichsbasis vor allem in der eingeschränkten Haltbarkeitsdauer: "Morgen schon sind sie vergessen."
Die an Walser von Frank Schirrmacher und Marcel Reich-Ranicki herangetragenen und hitzig diskutierten Vorwürfe ziehen unweigerlich auch die Rezeption von "Schundroman" in die erweiterte Debatte um Antisemitismus. Die Kritiker wenden sich dieser Frage pflichtschuldig zu, gehen dann aber erfreulich schnell zu Anderem über. Für Andreas Platthaus und Kathrin Hillgruber (Freitag) steht fest, dass es bei Kirchhoff antisemitische Klischees nicht einmal in spielerischen Andeutungen gibt, und auch für Reinhard Helling im Rheinischen Merkur und Jens Jessen bleibt der Antisemitismusverdacht "jenseits der Messbarkeitsschwelle". Hajo Steinert spricht dem Roman im Deutschlandradio sogar jegliches Potential zur Provokation ab, was vielleicht auch an der augenzwinkernden Selbsteinordnung als "Schund"-Roman in die Trivialliteratur liegen könnte.
Denn während bei Walser unüberhörbar eine echte und hohe Literatur gegen ihre Verächter verteidigt wird, unterläuft Kirchoff die gegnerische Angriffslinie mit einem gezielten und unverdeckten Tiefschlag. Der Schund steht schon im Titel, wenn auch in der festen Annahme, dass er ironisch gelesen wird. Andreas Platthaus spricht denn auch von einer Hommage, Kathrin Hillgruber von einem Revival der Pulp-Literatur der dreißiger und vierziger Jahre. Für Kolja Mensing werden die Bemühungen um dieses Genre allerdings von Seite zu Seite halbherziger. Für ihn bleiben am Ende nur "blasse Zitate von Zitaten." Petra Kohse (Frankfurter Rundschau) freilich hat gegen gut gemachte Reißerliteratur "prinzipiell nichts einzuwenden", zumal wenn, wie bei Kirchhoff, "die Anschlüsse stimmen, die Pointen sitzen und die Motive interessieren." Roman Bucheli setzt dem in der Neuen Zürcher Zeitung sogar noch einen drauf, denn für ihn parodiert Kirchhoffs Roman das Genre nicht nur, sondern "steigert es zur vollendeten Kunstform." Das fördert allerdings bei ihm wie auch bei Reinhard Helling den Verdacht, mit dem offensichtlichen literarischen Trash habe Kirchhoff nun "die seinem Temperament gemäße Gattung gefunden".
Wahrscheinlicher ist wohl, dass er die seinem Subjekt gemäße Gattung gefunden hat. Schließlich geht es um den Literaturbetrieb, und dessen Beschreibung scheint die Form der trivialen Farce geradewegs zu verlangen. Andreas Platthaus sieht hier einen weiteren Unterschied zu Walsers Roman, denn im Gegensatz zu diesem gelinge es Kirchhoff, seine Farce überzeugend zu machen. Vielleicht liegt das daran, dass es, wie Petra Kohse zu bedenken gibt, nicht Kirchhoffs erste literarische Reaktion auf den so genannten Betrieb sei. "Wer so viel Verdacht schöpft, macht sich natürlich selbst verdächtig." So bleibt der vorgezogene Veröffentlichungstermin, der eine deutliche Unterordnung unter die Gesetze des Betriebs und des Markts war, nicht unbemerkt. Von Kolja Mensing wird er ironisch kommentiert, von Eckhard Fuhr aber auf der Haben-Seite verbucht. Angesichts der verletzten Schriftstellerehre, die sich auch bei Kirchhoff deutlich ausmachen lässt, herrscht bei den Kritikern einige Ratlosigkeit, schließlich wurden sowohl Walser als auch Kirchhoff laut Hajo Steinert "von uns Rezensenten eher gepflegt als getreten."
Das Betriebskarussell wird von Bodo Kirchoff in seinem Roman kunstreich verspottet, doch bringt er es nicht zum Stehen, sondern sorgt am Ende nur für eine weitere Drehung. Im Kontext des Walser-Streits nimmt "Schundroman" daher tatsächlich die Form eines Satyrspiels ein, deutlich abseitiger und ironischer, aber eben doch Teil der Festspiele. Der unmittelbare Bezug zur Gegenwart lässt Rezensenten wie Kolja Mensing, Andreas Platthaus oder Jens Jessen zweifeln, ob der Roman auch über seine Schlüsselfunktion hinaus interessiert, wenn auch an Kirchhoffs erzählerischem Können nichts auszusetzen ist. Trotz der wildesten "Kapriolen, wie man sie selbst bei einem so ausgebufften Erzähler wie Bodo Kirchhoff nicht für möglich gehalten hätte" (Hajo Steinert) passt am Schluss laut Eckhart Fuhr alles. "Schundroman", der auch von der Faszination für Uhren erzählt, ist selbst ein hochpräzises Uhrwerk. Die Zukunft wird zeigen, wie lange der Mechanismus läuft.
Rezensionen:
Bucheli, Roman. "Trash als Kunstform." Neue Zürcher Zeitung, 18.7.2002.
Fuhr, Eckhard. "Vergesst den Walser-Skandal." Die Welt, 27.6.2002.
Helling, Reinhard. "Nachahmungstat." Rheinischer Merkur, 18.7.2002.
Hillgruber, Kathrin. "Jetstream Love." Freitag, 26.7.2002.
Jessen, Jens. "Walser TeK gegen Kirchhoff SR." Die Zeit, 4.7.2002.
Kohse, Petra. "Tatoo am Bauchnabel vom Umriss des Gardasees."Frankfurter Rundschau, 13.7.2002.
Martus, Steffen. "Schreiben als Verbrechen." Berliner Zeitung, 8.7.2002.
Mensing, Kolja. "Ich Autor, du Freytag." taz, 26.5.2002.
Platthaus, Andreas. "Hätte er die Liebe nicht." Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.6.2002.
Steinert, Hajo. Deutschlandradio, 26.6.2002.
von Becker, Peter. Tagesspiegel, 27.6.2002.
Sebastian Domsch
(http://www.sebastian.domsch.de)
Erstveröffentlichung
Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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