"Auf einmal war ich der gefressene Narr"
Bodo Kirchhoff und seine Novelle "Der Prinzipal"
Armer, alter, reicher Mann. Es ist der Geburtstag des 64-jährigen Principale, sogenannt wegen seiner Affinität zur Lebensweise der Italiener. Auf seinem luxuriösen Boot filmt ihn sein Enkel Viktor, den er bis dahin nicht kennen gelernt hat, amateurhaft, und erfährt dabei en passant die Vita des Großvaters, bei dem es sich um Manager Peter Hartz handeln könnte.
Beiläufig, dennoch gezielt, spricht der Großvater dem Enkel Lebensregeln in die Kamera. "Die Natur, fährt der Prinzipal oder Principale fort, gibt es jedenfalls umsonst, der See ist die gebührenfreie Kulisse, für alles Übrige solltest du Rat einholen, Kostendämpfung war das Ziel aller Reformen."
Arrogant wirkt er, der Prinzipal, kalt und oberflächlich, dann wieder weich und sensibel, mit einer Prise Selbstmitleid. "Alle, die mich fallen ließen, hatten einen Narren an mir gefressen, und auf einmal war ich der gefressene Narr", sagt er, sich rechtfertigend. Macht er sich gar lustig über den 18-jährigen Enkel, der zumeist schweigt, bestenfalls ein knappes Nein, Ja oder Weiß-nicht zum Besten gibt? Mal versucht der Prinzipal, über seinen Enkel etwas in Erfahrung zu bringen, bleibt von dessen kurzen Antworten oder Schweigen ungerührt, mag ohnedies lieben von sich selbst erzählen. Der Leser blick in die erkaltete Ehe des Prinzipals, in das lieblose Verhältnis zu seiner Tochter, die Fremdheit zu seinem Enkel.
Schließlich schwenkt die Geschichte der großväterlichen Monologe ins Novellenhafte, als Viktor den Kamerafocus auf eine junge Surferin richtet, die im See verunglückt ist. Das Buch nimmt ein seltsames Ende.
Kirchhoffs akribische Beschreibungen lassen die Landschaft rund um den See, die Figuren der beiden Protagonisten, Viktor und der Großvater, von Mutter, Großmutter und Ehefrau vor Augen des Lesers deutlich vorüberziehen. Es ist die erzählerische Art des Autors, die die Bilder für den Leser zeichnet. Ein echter Kirchhoff eben mit seiner Lust zum minutiösen Erzählen.
Inga Renneberg
in: Gießener Allgemeine, 21.04.2007.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
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