Lebensstoff
Bodo Kirchhoff verwandelt in seinem neuen Buch "Eros und Asche" die Beziehung zum toten Freund in einen Roman. Kann das gutgehen? Sehr gut sogar.
"Pack unsere Dinge in einen Roman" - so lautet der letzte Wunsch des Freundes -, und genau das tut der Schriftsteller Bodo Kirchhoff, der um ihn trauert. Als "autobiografisch" deklariert er seinen Freundschaftsroman. Aber: Geht das überhaupt? Ergeben die zusammengefügten Splitter eines Lebens zuverlässig das ursprüngliche Ganze? Gewiss, der Autor wirft immer wieder schwungvoll das Netz aus und zieht triefenden Lebensstoff an Land: Erinnerungsfetzen, Anekdoten, Emotionen, Abenteuer, Lebenskatastrophen. Was er aus dem Fluss des Gedenkens zieht, breitet der Schriftsteller vor dem Leser sorgfältig aus. Natürlich wird das Wort "authentisch" im Laufe dieses Selektionsprozesses obsolet. Denn im Erinnern des Lebens von M. verfliessen die Konturen der Realität. Herausragende Momente werden stilisiert, Verstörendes verdrängt, Versteinertes plötzlich von einer unerwarteten Seite beleuchtet. Immer aber transportiert diese Rückschau in den Tiefen die letzten Fragen mit sich: "Wer bin ich?", "Wer war ich in Bezug auf den Freund?" und "Wohin hat uns das Leben getrieben?"
Genau auf diesem Feld liegen die Chancen eines solchen literarischen Unternehmens, und Bodo Kirchhoff nutzt sie: Aus dem Privaten destilliert er das allgemein Verbindliche heraus und treibt durch das Nachdenken über die Wirrnis des Lebens den Leser zu eigenen Erkenntnissen über die Freundschaft. Dass die autobiografische Bild- und Textmaschine nach den Prinzipien des Zerstampfens und Neugewinnens funktioniert, weiss Kirchhoff. Es ist kein Zufall, dass er gegen Ende seines Erinnerungsromans auf einer knappen Seite die prosaischen biografischen Fakten gegen das imaginierte Leben aufrechnet: M., dem er seit der frühen Begegnung im evangelischen Internat in Gaienhofen auf der deutschen Seite des Bodensees verbunden war, wurde 1947 geboren - ein Kind seiner Generation. Die Eltern flüchten schon früh aus dem Osten. Der Vater baut in Karlsruhe ein florierendes Ingenieurbüro auf. Der Sohn studiert in Freiburg Medizin, wird Neurologe und 1983 Oberarzt am Klinikum Steglitz. Plötzlich kommt es zum Bruch, die banale Ordnung des Curriculums wird jäh gestört - und genau da liegt das faszinierende Futter für den Biografen. Warum einer plötzlich aus der Kurve getragen wird, möchte der Chronist wissen. War es eine bewusste Entscheidung oder driftete M. immer weiter ab, bis eine Rückkehr unmöglich wurde? Der Neurologe nämlich verlässt Posten und Beruf. Ohne feste Anstellung schlägt er sich mehr schlecht als recht durch, arbeitet unregelmässig in Antiquariaten, als Notarzt, verkauft Fotos. Fünf Jahre später wird er krank, zwei Jahre danach stirbt er.
Ein Geflecht von Lüge, Liebe, Leben
In seinem Nachlass finden sich neben Tagebüchern und Fotos Hunderte von Briefen an Frauen, die nicht von Liebe zeugen, schon eher von innerem Überdruck und Ventil. Zu distanziert klimpert M. auf der Klaviatur der Gefühle, zu unverbindlich erscheint das geschriebene Pathos. Es sind Briefe, die von Surrogatsbeziehungen zu Frauen zeugen, in denen Lüge, Liebe und Leben untrennbar ineinander verschmelzen. Die Liebe war für M. offenbar immer ein Schauspiel - mehr unter seiner Regie als mit ihm in einer Rolle. Er wollte lieben, aber bloss nicht in die Liebe verwickelt werden.
Das Herz ist ein wahlloser Sammler, und weil das so ist, provoziert dieses Buch das Vergnügen des Lesers. Szenen wie die gemeinsame Flucht der Freunde aus dem Internat gehören zu den kostbar funkelnden Episoden. Eines Tages entschliessen sich die Pubertierenden, die im Internat ständig den Bodensee vor Augen, die Schweiz gegenüber und die fernen Eltern sowie protestantische Unlust im Nacken haben, abzuhauen. Mit ein paar Mark in der Badehose schwimmen sie über den Seearm nach Steckborn. M. nennt es Flucht, ein Sich-Absetzen ins neutrale Ausland. Erschöpft landen sie am Landungssteg und schleichen sich zum nächsten Kiosk. Das Geld reicht für eine Tafel Sprüngli-Schokolade, vier Maryland-Zigaretten und eine Cola. Die Szene ist real und symbolisch und einer der Höhepunkte des Romans: Real, weil hier eine lebenslange Freundschaft in den komplizenhaften Grenzüberschreitung ihren Anfang nimmt, symbolisch, weil dieses Abdriften zum eindrücklichen Bild für die alten Fragen wird.
Pia Reinacher
in: Die Weltwoche, 27.09.2007
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
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