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S e k u n d ä r l i t e r a t u r
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Pia Reinacher
Liebe, Lüge, Libertinage
Eine Expedition zu den Leidenschaften in der zeitgenössischen Literatur
Berlin University Press 2008
Erste Auflage März 2008
ISBN: 978-3-940432-22-3
S. 94-103
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Leseprobe
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Glücksgewinn
Bodo Kirchhoff: Wo das Meer beginnt
Als einer der Spezialisten der Begierde in der aktuellen deutschen Literatur entpuppt sich der Schriftsteller Bodo Kirchhoff. Das Erotische in all seinen Schattierungen und Abschweifungen ist von Anfang an Thema seiner Bücher. In den achtziger Jahren wird er deshalb oft als Erotomane abgestempelt. Schnell einmal gilt er als literarischer Sachverständiger für das Rotlichtmilieu. Bereits in seiner ersten Prosaarbeit, der Novelle Ohne Eifer, ohne Zorn (1979) vertreibt sich die Hauptfigur Branzger die Zeit gerne mit Telefongesprächen mit weiblichen Kontaktpersonen sowie mit Body-Building, Schreiben und Masturbation. In seinem zwei Jahre später erscheinenden Prosatext Die Einsamkeit der Haut (1981) taucht Branzger erneut auf und wird rücksichtslos beobachtet. Wieder kreist sein Denken um die Körper von Prostituierten, die er studiert und bis ins kleinste Detail beschreibt. Er besucht Kneipen und Peep-Shows und wird nach diesen Selbstfindungsritualen wieder auf seinen eigenen Körper zurückgeworfen, der sich im dreigeteilten Spiegel mit Unendlichkeitseffekt bricht.
Gut fünfundzwanzig Jahre später gelingt Bodo Kirchhoff mit dem Roman Wo das Meer beginnt (2004)58 die schwerelos ausbalancierte Darstellung von Sexualität, Zärtlichkeit und Gewalt. Und schon ist Branzger wieder da. Das Zentrum seines Denkens dreht sich um Liebe, Begehren und ungezügelte Gier. "Wo das Meer beginnt" bezeichnet einen magischen Ort an der portugiesischen Küste, wo das Land endet und das weite Meer beginnt. Kirchhoff meint es metaphorisch. Es ist ein bezwingend schönes Bild für die Liebe: "Sie ist der
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Ort, an dem wir den Boden unter den Füßen verlieren und von den Wellen getragen werden, die uns im nächsten Moment zu verschlingen drohen. Auch den Abgrund in Kauf zu nehmen, das ist eine der Einsichten, die der philanthropische Egomane Branzger vermitteln will - wenn es sein muss, mit Gewalt."59 Drei Liebesgeschichten überkreuzen sich in diesem Roman und werden kunstvoll ineinander verwoben. Der alte Lehrer Branzger liebt Viktor, seinen ehemaligen Schüler. Ihre tastenden Gespräche über die Erotik und ihre Abgründe ziehen sich über Wochen dahin und schnüren den Roman wie mit einem Netz zusammen. Liebe in ihrer übersteigerten Form, die sich über Grenzen hinwegsetzt, ist ihr Thema, und es kristallisiert sich in zwei Episoden heraus. Viktor, der inzwischen dreißigjährige Ich-Erzähler, weiht seinen Lehrer in die Geschichte seiner Schülerliebe zu der schönen Schülerin Tizia ein. Auf der Klassenreise nach Lissabon hatte er sich in sie verliebt, was wenig später in ein Drama ausartete. Der alte Branzger wiederum liebt nicht nur seinen Schüler, sondern trauert der Theaterlehrerin Kressnitz nach, mit der er eine leidenschaftliche Affäre hatte. Das sind die beiden Pole des Textes, in denen sich das Grundthema kristallisiert.
Erwartungslust des Lesers
Bodo Kirchhoff zeigt sich in der Darstellung der Begierde als perfekter Regisseur, der die Neugier des Lesers auf raffinierte Weise anstachelt. Nie erfährt dieser die ganze Geschichte zwischen Tizia und Viktor. Sie wird im Gespräch zwischen Lehrer und Schüler stückweise erinnert, manchmal fast träumerisch enthüllt und sofort wieder verhüllt. So spielt der Schriftsteller virtuos mit dem Lusterlebnis des Lesers, der an den Emotionen der Protagonisten teilhaben möchte. Wie sieht die dramaturgische Strategie aus? Der Autor hebt das Erregungsniveau und schürt die Erwartungslust des Lesers,
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das Absenken der Spannung wiederum aktiviert seine Befriedigungslust. Tizia und Viktor werden in einen Strudel wilder Emotionen gerissen, die aus der Kontrolle geraten. Aber die Neugierde des Lesers ist lange zuvor geweckt. Das entscheidende Gespräch zwischen den beiden findet im Bus während eines Ausflugs statt. "Noch lange vor der Stunde im Keller - während des Ausflugs von Lissabon an ein Kap - hatte sie mich so weit, dass ich ihr sagte, ich sei auf sie neugierig, wobei ich unter dieser Neugierde etwas völlig anderes verstand. Ich wollte wissen, wie sie war, und zwar im Bett: Wie ein so kluges, wohlerzogenes Mädchen seinen ganzen Verstand und alle Erziehung über Bord wirft, um sich gehenzulassen, Wörter auf den Lippen, die sie sonst kaum zu denken wagt. Und nichts hätte damals lustvoller sein können als die scheinbare Abwesenheit jeglicher Lust bei ihr, der ich jede Form von Lust zutraute. Bei diesem Ausflug hatte sie neben mir im Bus gesessen, reglos, als hätte sie kein Geschlecht, und ich flüsterte ihr zu, dass sie mich verrückt mache, im Kopf und woanders, aber vor allem woanders, und sie sagte, du reduzierst mich, und ich erwiderte, nein, es sei wie bei der Bruchrechnung, ich würde nur kürzen, das Resultat sei dasselbe, immer noch Tizia, aber im Bett. Ich sei einfach scheißneugierig, flüsterte ich, anstatt ihr zu sagen, ich hätte Lust auf sie, mea culpa, auch wenn die Scheißneugier gar nicht so weit entfernt ist von der verdammten Lust."
Die Affäre eskaliert allerdings schon wenig später, symbolischerweise im Heizungskeller der Schule, einem Ort, mit dem man ohne nachzudenken das Dunkle, das schwül Verbotene, das triebhaft Untergründige assoziiert. Nach der Probe zu einer Schüleraufführung von Shakespeares Sommernachtstraum findet die Liebesszene zwischen Pyramus und Thisbe im Heizungskeller des Hölderlin-Gymnasiums eine Fortsetzung. Viktor und Tizia fallen aufeinander zu. Der Hausmeister wird durch Geräusche aufgescheucht, die er nicht einordnen kann und deren genaue Bestimmung er lieber dem
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Lehrerkollegium überlässt, das er während der Geburtstagsfeier der Direktorin im benachbarten Restaurant alarmiert. Als Tizia und ihre Mutter am anderen Tag bei der Schulleitung eine Vergewaltigung anzeigen und den Schulverweis des Ministersohnes fordern, stehen die Lehrer vor einem kniffligen Problem. Wem sollen sie glauben? Viktor oder Tizia? Gewalt oder Liebe? Macht oder Verführung? Dass Bodo Kirchhoff ein gewiefter Kompositeur ist, der mit seinen formalen Mitteln umzugehen weiß, zeigt sich in dieser Passage. Er zögert die Auflösung des Rätsels hinaus, mehr noch: Es wird nie wirklich aufgelöst. Im Gegenzug dazu eröffnet er einen Raum der Suggestion, in dem alles möglich scheint.
Der Lehrerkonvent strengt in seiner Sitzung eine Indiziensammlung mit anschließendem Urteil an, kommt aber zu keinem eindeutigen Ergebnis. Bruchstücke dessen, was sich wirklich im Keller abspielte, erfahren wir aus dem Gespräch zwischen Viktor und seinem Lehrer, der vom Schüler Jahre später die volle Wahrheit fordert. Aber was ist die Wahrheit? Klar wird, dass die beiden sich beim Licht zweier Kerzen näher kamen. Klar wird auch, dass Musik zu hören war, eine Art Wiegenlied. Und klar ist, dass Tizia geweint hat. Branzger will es genau wissen. Er zwingt seinem Schüler das Unmögliche ab, nämlich sich zu erinnern und über seine Gefühle zu sprechen. Schließlich gesteht dieser im Verhör durch den alten Lehrer, er habe gewusst, dass Tizia schluchzte: "'Und das hast du gesehen"', fragt ihn Branzger. "'Gespürt. Meine Hand war auf ihrem Mund, die Tränen liefer mir über die Finger.' 'Daraus schließe ich, die Tatsache der Schwerkraft einbezogen, dass du auf ihrem Rücken gelegen hast.' 'Ja, aber nur vorübergehend.'"
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Schwierige Wahrheit
Während Branzger dem Schüler die Wahrheit entlockt und ihn durch eigene Selbstoffenbarungen in einen Strudel der Geständnisse reißt, ist das behutsame Erforschen, Abwägen und Beurteilen dem Lehrerkollegium vorbehalten. Worüber verhandelt und zu Gericht gesessen wird, ist allerdings nichts Geringeres als die widersprüchlichen Gesetze der Leidenschaft und das gleitende Terrain der Begierde, wo der feste Boden endet und der Sog des Meeres beginnt. Wo Gewalt anfängt, wenn zwei sich lieben, fragt die Kressnitz laut in den Sitzungsraum hinaus und macht damit nach all den unbeantworteten Fragen wieder ein neues Fass auf. Die Lehrer wollen sich bei ihrer Suche nach der Wahrheit erst einmal über Begriffe verständigen. Ob die beiden überhaupt ein Pärchen waren, ob sie miteinander gingen? Was das heiße, miteinander zu gehen? Ob da einer nur ein bisschen liebe und der andere mehr? Und wo die Vergewaltigung anfange, wenn einer den anderen mehr liebe? Dass es Zustände gäbe, wo die Liebe auch Not sei, gaben sie zu Protokoll.
So geht das hin und her, allerdings ohne dass die Lehrer zu einem brauchbaren Urteil kämen. Im Gegenteil, sie sind, je länger das Gespräch dauert, desto verwirrter und verlieren sich im Gestrüpp der Widersprüche. Inmitten des Durcheinanders spricht jetzt die Kressnitz den entscheidenden Schlüsselsatz: "'Die wollten es wissen, und sie haben es erfahren!' - Das rief sie mit erstickter Stimme, und ausgerechnet die Cordes hakt nach: Was die zwei denn erfahren hätten? Und da kam ich der Kressnitz, die sich wieder hingesetzt hatte und ihre Beine festhielt, zu Hilfe: Dass Sex kein Streichelzoo sei. Darüber heftiges Murmeln, Widerspruch, Kopfschütteln, aber auch leise Zustimmung, besonders von Blum, und nach dieser Woge Totenstille." So geht es noch eine Weile hin und her auf der Suche nach handfesten Beweisen. Von Sperma-
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spuren und blauen Flecken ist die Rede und dass erst diese richtige Beweise wären - und die fehlten offensichtlich. Eine Frau, ruft Studienrätin Stubenrauch jetzt in die Runde, die vergewaltigt worden sei, dusche hinterher, bis ihr die Haut runterfalle. - Gemeinplätze werden ins Gefecht geworfen - ob ein hübsches Mädchen vielleicht selber schuld sei, wenn man es im Keller überfalle - und sofort wieder verworfen. Indizien werden gefunden, aber keine harten Fakten. Opfer und Täter sind nicht genau auszumachen. Eine einzige Wahrheit gibt es offenbar nicht, es gibt nur mehrere Wahrheiten. Also gibt es auch kein Urteil - ein Abgrund öffnet sich.
Aufregend an dieser Verhandlung eines heiklen Falles ist, dass Bodo Kirchhoff alle Eindeutigkeiten umschifft und den Leser auf unsicheren Boden führt. Er soll zusehen und sich seine eigene Meinung bilden. Das Problem, das er ungeniert beleuchtet, gehört zwar aufs Terrain des gesellschaftlichen Verschwiegenen, ist aber aktuell und weit verbreitet. Das belegen Forschungen und Statistiken. "Verabredungsvergewaltigungen", also Vergewaltigungen, die nach einem gemeinsam verbrachten Abend vorkommen, so schreibt der Anthropologe und Ethologe Karl Grammer in seiner Untersuchung zum Paarverhalten, seien häufiger, als man denke. Untersuchungen unter Universitätsstudenten zeigten, dass zumindest einer von vier Studenten entweder ein Opfer von Gewalt geworden war oder sich selbst gewalttätig verhalten habe.60 Es gäbe eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz von Gewalt bei Verabredungen, die aber nicht für Vergewaltigungen durch Fremde gälte.
Ein Faktor für die Eskalation sei die in der Flirtphase typische Zweideutigkeit. Zwischen instrumentellem Gebrauch von Erreichbarkeitssignalen und männlichen Tendenzen zu Dominanz und Aggression scheine eine Grauzone zu liegen, die nicht einfach so zu erhellen sei. Aggressionskontrolle sei demnach auch eines der wichtigsten Mittel des Flirts. Allerdings, so Grammer, seien Männer nicht einfach Opfer ihrer
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Physiologie, sie seien aufgrund ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit durchaus in der Lage, moralische Entscheidungen zu treffen.61 Zwischen Sexualität und Aggression gäbe es allerdings nur eine sehr dünne Wand, da beide Geschlechter entsprechende Fantasien produzierten - wobei Untersuchungen zeigen, dass Frauen dabei, ganz im Gegensatz zu Männern, keine Schmerzfantasien suchen.62
Bodo Kirchhoffs Erörterung eines prekären Falles zeigt den gesellschaftlichen Paradigmenwechsel ganz deutlich, der sich ebenso in der Literatur vollzogen hat. Das Beurteilungsraster für Anstößiges verändert sich nach der sexuellen Revolution grundsätzlich. Zu Anfang des 21. Jahrhunderts können auch heikle und ambivalente Komponenten von Wollust und Begierde thematisiert werden, ohne dass dies besonderes Aufsehen erregen würde. Ein kleiner Seitenblick auf den Film zeigt, wie sehr die Akzeptanz für das Suggerieren provozierender sexueller Inhalte gewachsen ist. Noch 1972 wurde Bernado Bertoluccis Film Der letzte Tango in Paris in hohem Maße als skandalös empfunden und rief die Zensoren auf den Plan. Sie sprachen von obszönem Inhalt, der das sittliche Empfinden beleidige, niedere Libido-Instinkte anspreche und sich mit obsessiver Selbstgefälligkeit präsentiere. Marlon Brando (Paul) und Maria Schneider (Jeanne) spielen ein Paar, das sich während dreier Tage in einem anonymen, verwinkelten Pariser Appartement nur zu einem einzigen Zweck trifft: entpersonalisierter Sex, entgrenztes Begehren - eine Erotik des Unverstellten. Damals war das ein Bruch mit den Konventionen und versetzte eine ganze Generation von Zuschauern in Schauder.
Die Rezeption von Bodo Kirchhoffs Buch belegt deutlich den Wandel. Niemand nahm Anstoß. Faszinierend ist allerdings weniger das Thema des sexuellen Aktes als die Leistung der Literatur, ein zwiespältiges Problem mit der notwendigen Differenziertheit zu reflektieren. Kirchhoffs Darstellung erlaubt es dem Leser, auch die abgespaltenen, ver-
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leugneten und verdrängten Komponenten der Sexualität zu überdenken. Er sieht immer beides zusammen und zur gleichen Zeit: die Vernunft und die Willkür der Sinnlichkeit, das Verbot und die Lust der Übertretung, die Moral und den Trieb, der alles außer Kraft setzen will. Damit leistet der Schriftsteller mehr, als es jeder Moralist mit erhobenem Zeigefinger zu leisten imstande wäre. Er liefert dem Leser einen unmittelbareren Erkenntnisgewinn zu den Zusammenhängen von Identität und Sexualität, als jede rationale Analyse dies vermag. Kirchhoffs Roman spielt im Kernbereich der menschlichen Existenz. Schon Foucault sah im Willen zum Erfahren der Wahrheit über die Lust den Schlüssel zur Wahrheit über die eigene Identität: "Um zu wissen, wer du bist, musst du wissen, was mit deinem Sex los ist. Stets war der Sex der Knotenpunkt, an dem sich gleichzeitig die Geschichte unserer Spezies und unsere 'Wahrheit' als menschliches Subjekt verknüpften."63
Ars amandi
Wie sehr es dem Schriftsteller gelingt, die nie ganz fassbaren sexuellen Grundkräfte auszuleuchten, die den Menschen beherrschen, zeigt auch der Kontrapunkt der Szene im Heizungskeller. Jetzt wird die Schule der Liebe aus der Sicht des alten Branzger weitergeführt. Wieder erfährt man nur durch den Filter der stockenden Konfessionen zwischen dem Lehrer und dem Schüler die Details der Affäre zwischen ihm und der schönen, verschlossenen Theaterlehrerin. Im Laufe des zögernden Zwiegesprächs werden die Bruchstücke der Liebesnacht in Lissabon ans Tageslicht gehoben. Die Idee mit der ersten gemeinsamen Nacht in der Pension oberhalb des Bahnhofs kommt von Kristine. Sie schlägt Branzger während des Ausflugs unvermittelt vor, eine Absteige zu suchen, wo es keine Schüler gäbe. "Wir waren verrückt nacheinan-
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der, die Kressnitz und ich", gesteht der Lehrer dem Schüler. Den ganzen Tag über mussten sie sich zusammennehmen, zuerst im Museum, dann auf der Exkursion zum "Cabo da Roca, dem westlichsten Punkt unseres Kontinents, ein dem Meer zugeneigtes Plateau, hoch über der Brandung, die mit langem Anlauf gegen den Fels rollt, ein immer dem Wind ausgesetztes Stück Land, unberührt trotz eines Leuchtturmes, der einfach dort hingehört." Ein zeichenhafter Grenzpunkt, den sie überschreiten und dabei alles hinter sich lassen. Am Kap scheint die Sonne, "auf eine Inschrift, die wie gemacht war für uns - Das ist die Stelle, wo das Land aufhört und das Meer beginnt -, klarer kann man es nicht sagen, an dieser Grenze verlief unser Glück."
Als sie endlich in dem billigen Zimmer stehen, ratlos, glücklich wie zwei Verirrte, die sich im Wald verlaufen haben, fällt ihnen kein einziges Wort ein. Kristine öffnet das Fenster, und jetzt fallen die Rollen von ihnen ab. Und wieder geht es Kirchhoff nur vordergründig um den Körper. In Wahrheit geht es um viel mehr: um den Triumph des Lebenstriebes über den Todestrieb, um den Sieg der Liebe über die Zerstörung: "Wer noch jung ist und nichts weiß, sieht im Sex die simpelste Antwort auf das Komplizierteste des Lebens, aber einer wie ich antwortet damit höchst kompliziert auf das Einfache des Todes, in beiden Fällen auch die frechste Antwort, deshalb fühlen wir uns ja so gut." Es ist allerdings ein Spiel, das aufs Ganze geht. Kirchhoff umkreist mit aller Deutlichkeit und Diskretion die Verschränkung des Animalischen mit dem Sinnlichen. Die beiden überschreiten eine Grenze, ihr Ziel ist das reine Glück.
Die Einsicht, dass mit der Wollust archaische Kräfte ins Spiel kommen, gehört längst zum Allgemeingut von Kulturgeschichte und Sexualpsychologie. Der Soziologe Rüdiger Lautmann schreibt in seinem Buch über Die Pornographie des Begehrens, dass aggressive Elemente, die ins Sexuelle hineinspielen, nicht zwingend als jenseits der Norm betrachtet wer-
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den können: "Die Allgegenwart des Konflikthaften in den menschlichen Beziehungen macht vor dem scheinbar bloß Zärtlichen nicht Halt. Liebe ist nicht bloß Harmonie, und Erotik nicht stets das Friedfertige. In der Sexualität geht gar nichts ohne ein Quentchen Aggression."64
Im Abwerfen der bürgerlichen Masken, im kopflosen Sich-Treibenlassen der Körper zeigt sich zwar der Kontrollverlust, der das Paar ergriffen hat. Aber dieser Vorgang ist nur eine Vorleistung zum Glück, und Kirchhoff zögert nicht, immer wieder darauf zu insistieren in seiner "Ars amandi", die er dem Roman einschreibt. Branzger und die Theaterlehrerin wollen das Ganze. Sie wollen sich in einen anderen Aggregatszustand katapultieren.
Kirchhoffs Bild des sexuellen Aktes beschreibt unumwunden das Pendeln zwischen Selbstvergessen und Glücksgewinn. Darin liegt seine wahre Leistung. Mit Hilfe der wollüstigen Illustrationen instruiert er den Leser, was dabei zu gewinnen ist: das Ideal eines Menschen, der Sucht und Sehnsucht zulässt. Die Rückbindung des Animalischen an das Seelische. Der Akt der Entäußerung läuft auf den Wiedergewinn des Kindlichen, des Schöpferischen und des Erfinderischen hinaus - die Urquellen des Lebens, die in einer entzauberten, nützlichkeitsfixierten Welt gekappt wurden. Seine Figuren sind zwar gefallene Engel. Sie haben ihre Eindeutigkeit verloren, aber im gleichen Zug ihre Instinktsicherheit zurückgewonnen. Das sind die Wurzeln des entrückten Zustandes, in den Branzger und die Kressnitz im schäbigen Hotelzimmer beim Bahnhof fallen. Beide gleiten auf luxuriöse Weise und ohne diesen bewusst herbeizuführen in einen undefinierbaren Zwischenzustand. Dort richten sie sich ein.
58 Bodo Kirchhoff: Wo das Meer beginnt. Frankfurt a.M. 2004.
59 Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.9.2004.
60 Vgl. Grammer 1995, S. 414.
61 Vgl. ebd., S. 413.
62 Vgl. ebd., S. 423.
63 Foucault 1978, S. 176.
64 Lautmann/Schetzsche 1990, S. 89.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlages
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