Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n



Trunkenheit am Schreibtisch

Rede anläßlich der Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille,
Mainz, 18. Januar 2008



Ihr lieben Nächsten und guten Freunde, die ihr nach Mainz gekommen seid, sehr geehrter Herr Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, der Sie heute an einen toten Autor erinnern, indem Sie einen lebenden auszeichnen, meine Damen und Herren, die Sie daran so erfreulich zahlreich teilnehmen!

Da erhält man am späten Vormittag einen Anruf, den man schon nach den ersten Worten als mysteriös empfindet - ein Ministerialrat fragt mit leicht gedämpfter Stimme, ob man auch der sei, den er zu sprechen beabsichtigt, und der Angerufene bestätigt dies, nicht ohne ein flaues Gefühl: warum er wohl das Augenmerk einer Behörde erregt haben mag, aber da legt der Anrufer bereits die Karten auf den Tisch, weiterhin mit gedämpfter Stimme: Er habe die Mitteilung zu machen, daß die Carl Zuckmayer Medaille an mich vergeben worden sei und mir an Zuckmayers Todestag im Rahmen einer Feier verliehen werde, sofern ich die Auszeichnung an dem betreffenden Tag - ein anderes Datum komme dafür nicht in Frage - auch entgegen nehmen könnte; ich hätte mich nicht sofort zu entscheiden, sollte es aber doch so rasch wie möglich tun, weil man sich sonst anderweitig umsehen müsse. Und dann fielen einige Namen illustrer Vorgänger im Empfang der Medaille, die, wie noch einschränkend gesagt wurde, nicht mit Geld verbunden sei, sondern mit Wein, abgefüllt in einem Faß, und zwar der Sorte, die Zuckmayer bevorzugt getrunken habe. Mit diesem Hinweis war das Telefonat beendet, der Angerufene war mit der Neuigkeit allein.

Eine Medaille - damit hatte ich bisher den sichtbaren Ausdruck einer Würdigung sportlicher Leistungen verstanden; wo wird sie ihren Platz finden, fragte ich mich, Vitrinen und ähnliches fehlen in meiner Wohnung, aber vielleicht könnte man sie an die Bände einer Zuckmayer-Ausgabe lehnen, auch wenn diese erst angeschafft werden müßte, womit noch nichts über mein Verhältnis zu dem Autor aus Nackenheim gesagt ist. Denn schon während dieses ersten Anrufs aus dem Ministerium - es folgten noch etliche, aber sie galten meiner Frau und hatten mit der Gestaltung der heutigen Feier zu tun, und der Ministerialrat erwies sich dabei als ebenso umsichtiger wie geduldiger Zeremonienmeister, der seine und meine Ideen in Einklang zu bringen vermochte -, schon während seiner überraschenden Eröffnung, verbunden mit den Namen Zuckmayer, war mir durch den Kopf geschossen, wie sehr mein Kinderleben Anfang der fünfziger Jahre in Hamburg mit zwei der Zuckmayerschen Werke verknüpft war. Der heutige Empfänger der Medaille war im psychoanalytisch berüchtigten Alter zwischen vier und fünf Jahren, als seine Mutter, damals Schauspielerin, über zweihundert Mal die Annemarie im Fröhlichen Weinberg gespielt hatte und nicht weniger oft die Olivia in Des Teufels General; er mußte also an den Abenden eines ganzen Jahres ohne Mutter auskommen, weil diese im Deutschen Schauspielhaus mit Herrn Zuckmayer beschäftigt war - Umstände, die der Jury bei ihrer Empfehlung eines Kandidaten zum Glück ebenso wenig bekannt waren wie dem Rheinland-Pfälzischen Ministerpräsidenten, der am Ende das letzte Wort hatte, sonst wäre der Gedanke der Wiedergutmachung womöglich ein Teil der Erwägungen geworden.

Doch das ist nur die schicksalhafte Pointe, die mich mit Zuckmayer verbindet, es gibt auch eine Nähe, die im Schreiben liegt, genauer gesagt, in der Sprache dieses Autors, im Zusammenklingen von Denken und Fühlen. Unmittelbar nach dem Anruf durch den Ministerialrat las ich eine längere Passage aus einer Zuckmayer-Erzählung nach, die meine Frau und ich vor vielen Jahren in eine Anthologie über Verliebtheit aufgenommen haben, und zwar die Seiten, auf denen sich der Ich-Erzähler, hinter dem sich zweifelsohne der Autor verbirgt, in die schöne Kellnerin eines Berggasthofes bei Bozen verliebt; und diese wenigen Seiten, die ich aus dem Gedächtnis verloren hatte, gefielen mir beim Nachlesen so gut, daß ich den Übermittler der Nachricht gleich zurückrief. Ich sagte ihm, ich fühlte mich geehrt und gab meine Zusage für den unverrückbaren Todestag-Termin, obwohl dieser Abend eigentlich vergeben war, verbunden mit lukrativen Aussichten, wie sie sich einem Literaten nicht alle Tage bieten. Aber es war, wie gesagt, dieser kurze Text, der mich überzeugt hat, mehr als alle prominenten Namen von Vorgängern oder die Aussicht auf einige Resultate fröhlicher Weinberge, und ich will die Gelegenheit hier nutzen, Sie etwas an der sprachlichen Überzeugungsarbeit, die an mir, dem Leser, geleistet wurde, teilhaben zu lassen: an dem, was sich hinter allen Worten und Auszeichnungen verbirgt - letztlich an der Kehrseite der Medaille, die für einen wie mich immer das Interessantere ist. Die Vorderseite ist den Menschen zugewandt und glänzt, nicht nur, weil sie von sich aus diesen Effekt hat, auch weil das Publikum den Glanz will und selbst da noch sieht, wo er nur aufpoliert wurde, heute mehr denn je, und die Kehrseite ist im Grunde unsere Erfahrung vom Flüchtigen allen Glanzes: das Bewußtsein des Vergeblichen. Aber warum dann als Autor nicht ganz auf die schöne Vorderseite setzen, schon aus finanziellen Gründen? Die Antwort ist in meinem Fall einfach, auch wenn sie etwas kompliziert klingt: Wenn ich denn auf ganzer Linie so fühlte und dächte, würde ich gewiß nur menschenfreundliche, oder wie man auch sagt: volkstümliche Dinge schreiben wollen, um die Kassenlage zu verbessern, allerdings wäre ich dann auch ein ganz anderer Mensch und würde wahrscheinlich, im Unterschied zum Namensgeber der Medaille, bei allem Wollen gar nicht schreiben oder höchstens das Schreiben anderer - möglichst nahe am Intellektuellentümlichen, das es ja auch gibt - kommentieren.

Nicht unser Wollen, nur das Leben selbst bringt die zwei Seiten der Medaille unter einen Hut - volkstümlich Effektvolles und abgründig Einsames kamen bei Zuckmayer immer zusammen, in einem Leben, das sich über beide Weltkriege erstreckt hat, mit Jahren im Exil und einem Lebensabend mit Schweizer Paß, bis zu seinem Tode 1977, auf den Tag genau vor einunddreißig Jahren. Überschwang und Stille ziehen sich durch das gesamte Werk, auch durch den Hauptmann von Köpenick oder das Drehbuch zu Der blaue Engel, ja, sogar durch die Gedichte, die dem Wein galten - noch ein Moment, das mich anspricht: seine, wie man es nennen könnte: dionysische Intelligenz in allem scheinbar nur Hingesagten über den Genuß und das Leben. Vermeide stets, dich einsam zu besaufen und laß es bleiben, wenn du traurig bist - oder: Es ist auch manchmal gut, zu zweit zu trinken und sich die höchste Freude anzutun, bis dann die Leiber auf ein Lager sinken, wo sie gesättigt miteinander ruhen... Und diese Strophen sind nicht etwas nachgeschlagen oder gar ergoogelt worden, nein, sie kamen auf mich zu, wie die heutige Ehrung - kaum hatte sich die Neuigkeit herumgesprochen, rief meine Mutter an, die seinerzeit von Zuckmayer auf die Bühne entführte, und sagte mir die Strophen am Telefon auf, nicht ohne die ihr eigene Bühnenreife, eher mahnend im Ton als heiter, als sei der Sohn alkoholgefährdet, wo ich doch nur schreibsüchtig bin, sprachbesessen und manchmal auch worttrunken, wie Zuckmayer es war, immer in der Versuchung, sich der Trunkenheit am Schreibtisch (die nur die Philister gefährdet) zu ergeben - und damit komme ich auf die erwähnte Erzählung, die mich den Grad der Auszeichnung schlagartig erkennen ließ, einen Text, dessen Widerspenstiges oft bis in die einzelnen Sätze hineinreicht, mit den Verschränkungen von Wein und Verlangen, von Schlaf und Tod, von höchster Freunde und dem gesättigten miteinander Ruhen, in einem Himmel auf Erden oder vorgezogenen Doppelgrab.

Salwàre oder die Magdalena von Bozen, wie die ganze Erzählung heißt, spielt in der Nähe meiner Wahlheimat, die am Gardasee liegt, nämlich in der schönen erhöhten Welt Südtirols, zwischen Tal und Gebirge, in einer Art Übergangsregion, in der ein Wanderer schon die Verpflichtungen des Tals hinter sich gelassen hat, ohne in die Anforderungen des Gebirges eingetreten zu sein, in der er folglich zum Leichtsinn neigt: eine Gefühlslage, die Zuckmayer sehr vertraut war, besonders in den jungen Autorenjahren, auch das eine Verbindung zwischen ihm und mir. Und die Geschichte beginnt auch damit, daß sich der Wanderer verirrt hat und schließlich aufs Ganze geht - ein wunderbarer Vorgriff auf das spätere Tun gegenüber der Kellnerin. "So haute ich mich durch eine immer markenlosere Wildnis", heißt es da, "allmählich ins Waldgestrüpp eindringend, das kaum gelichtet war, dann wieder über wacklige Viehzäune an kleinen versteckten Almweiden vorbederen Tränken unbenutzt plätscherten..." Weiblicher kann man ein Stück Natur mit wenigen Worten kaum einfangen, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob dem Autor bewußt war, wie sehr hier schon sein Liebesobjekt - dem der Wanderer gleich darauf begegnen wird - aufscheint. Plötzlich steht er vor einem Berggasthof, statt vor einem viel höher gelegenen Schloß, zu dem er eigentlich wollte, und sieht auf der Terrasse ein altes, in Loden gekleidetes Paar, Philemon und Baucis ähnlich, bei aller Herzlichkeit Vorboten des Todes, die dem Wanderer sein beneidenswertes Alter entlocken, achtunddreißig. Und dann erscheint die versteckte Almweide in Gestalt der Kellnerin, und der Wanderer und Ich-Erzähler fragt nach den Weinen, die sie ausschenkt, und sie nennt ihm einen Weißen aus Eppan und einen Roten vom Kalterer See, ist aber nicht bereit, sich auf den besseren festlegen zu lassen - eine freundliche Bedienung, keine willfährige, die sich auf Rankings einläßt; der Gast muß selbst entscheiden. Und er bestellt einen Viertel vom Weißen, die Kellnerin geht wieder ins Haus, das alte Paar kommt ins Spiel - zwei Leute, die der Wanderer wegwünscht wie den Tod, um mit der Blüte des Lebens allein zu sein. Aber die beiden gehen nicht gleich, sie verwickeln ihn in ein Gespräch über die köstliche Droge des Weins, während er - bereits verliebt, ohne sich darüber im klaren zu sein -, einen Blick dafür hat, daß sich die Augen des Alten schon langsam trüben, nicht vom Wein, sondern vom Gang des Lebens. Der erst Achtunddreißigjährige hat bereits jene eben nicht weingemütliche, sondern eher unheimliche Sicht auf die Existenz, die einen anderen großen Autor, der ebenfalls in der Bergwelt zu Hause war und ein Gefühl für den Wein und den Tod besaß, zutiefst mit dem älteren Zuckmayer verband - ich meine Thomas Bernahrd, vor Zuckmayers Emigration, 1938, fast dessen Nachbar unweit von Salzburg und in seinen Anfängen von ihm erkannt und gefördert. Und nach Zuckmayers Tod sprach Bernhard in einer kurzen Gedenkrede im Züricher Schauspiel diese Verbundenheit auch feierlich aus, wenn er etwa sagt: "Die Gegensätze, die Unheimlichkeit meinerseits wie auch seinerseits, waren die jahrzehntelangen Zeugen unserer Zuneigung."

Der junge, verliebte Wanderer sieht also dem Tod, verkörpert durch das alte, in Loden gekleidete Paar - für mich schon immer das zünftige Totengewand der noch Lebenden - ins Gesicht und bestellt dabei neuen Wein, während der getrunkene bereits wirkt, aber in Wahrheit bestellt er gar nicht den Wein, sondern seine Überbringerin. "Das Leichtfüßige, Wiegende ihres Gangs - der Abdruck schmaler Knie in dem dünnen und verschabten schwarzen Kellnerinnenkleidchen - eine bestimmte schwanenhafte Biegung des Nackens unter dem zarten kindlichen Hals - all dies schien sie mit nobler Freigiebigkeit zu Wein und Brot den erfreuten Augen darzubieten. Eine zärtliche Dankbarkeit stieg in mir auf, nicht nur für die Liebenswürdigkeit dieser besonderen Erscheinung, sondern für die Gesamtheit der Frauen und Mädchen überhaupt und für das Geschlecht der Kellnerinnen", heißt es da, und beim Abschreiben dieser Worte ist mir etwas passiert, was mir nur bei wenigen Autoren durch den Kopf oder das Herz bis in die Finger fährt, nämlich das Verlangen, mich in den Text einzuschalten, da und dort etwas wegzunehmen oder hinzuzufügen, das Innere des Textes fortzuführen, weil das eigene Innere damit einhergeht. "Sollte ich jemals krank werden, dann möchte ich nur von einer Kellnerin gepflegt werden", schreibt der Erzähler ein paar Sätze weiter, und der Empfänger der Medaille, die den wahren Namen des Wanderers trägt, möchte sich diesen Gedanken gern zu eigen machen und ihn fortspinnen, ungeachtet aller muffigen und gepiercten Kellnerinnen, die einem heute begegnen, jedenfalls bei uns im Tal; in der Zwischenregion darüber mag es noch anders aussehen, auch wenn es die versteckten Almweiden längst nicht mehr gibt; es gibt sie aber in mir, als eine Sehnsucht, die sich mit dem Sehnsuchtsvollem in Zuckmayers Sprache trifft. "Wo hatte ich nur ihr Gesicht schon einmal gesehen?" fragt sich sein Protagonist und kommt zu dem Schluß, "daß es mich nur - in der gleichen Art wie die Hände - an eine allgmeine, bildgewordene Vorstellung von dem jungen und süßen Gesicht, dem kindhaft fraulichen, zarten und kräftigen, frühsommerlich behauchten gemahnte. Ja, es war ein Hauch von Versunkenheit über dem Gesicht, wie wenn es eben aus dem Schlaf gehoben wäre..."

Sätze sind das, meine Damen und Herren, die unsere jungen, abgebrühten Kritiker oder Popliteraten sicher in der Nähe des Kitsches oder schon mitten darin sehen würden, aber die Verliebtheit oder das frühsommerlich Behauchte spielt sich nun einmal jenseits aller Nüchternheit ab - und im übrigen auch nicht diesseits der political correctness, die einem Autor, der auch für Film und Fernsehen schreibt, aus allen Richtungen entgegenweht, als eine Vorsicht aus innerer Verzagtheit: man will nichts von kindhafter Fraulichkeit oder gar einem Geschlecht der Kellnerinnen wissen und will auch nicht damit behelligt werden, daß der Tod unser Ziel ist, wie es Bernhard in seiner Rede auf Zuckmayer ausgedrückt hat. Damals gehörte jedenfalls Wein dazu, um dem Leichtsinn - über die Erfahrung von Liebe, was sonst - in einen Sinn zu überführen; heute ist bei vielen der Erfolg an die Stelle des Weins getreten und der Glanz an die der Liebe; die Intelligenz liebäugelt höchstens und zwar mit dem Glamour, ja fraternisiert mit ihm und verliert damit jedes kritisches Potential und letztlich ihre Leidenschaft; dafür erkennt man manchen Kulturvertreter inzwischen auf der Straße: Prominenz ist der neue Sinn.

Interessant ist doch, daß ein so publikumsabgewandter Autor wie Thomas Bernhard - ich denke hier nicht an dessen späte Erfolge wie Holzfällen, die schon ins medienhysterische Zeitalter fallen - in einem so publikumszugewandten wie Zuckmayer seinen Geistesvater oder wahren Freund gesehen hat; denn es zeigt uns, daß die Emigration mehr war als eine Flucht vor Repressalien: sie war auch Ausdruck davon, mit dem braunen Glamour nichts zu tun haben zu wollen, ja in jedem Glanz letztlich nur falschen Glanz zu sehen, der Popularität nicht zu trauen - ein weiterer Punkt, der mich mit Zuckmayer verbindet: Für eine Leserschaft schreiben, ein Publikum im Augen haben: ja, durchaus; dabei jedoch auf jede Variante eines Publikums-Bambis allzeit pfeifen.

Doch zurück zu den Geschichte. In der Region, von der Zuckmayer erzählt, gilt nur das Gesetz des Unmittelbaren - nicht des stärkeren, vielversprechenderen Mediums, sondern des stärksten Eindrucks: Mehr als jeder Wein oder Erfolg steigt das frühsommerlich Behauchte dem Wanderer zu Kopf. Er ist noch bei Verstand, aber gibt sich den Eindrücken hin, während das Lodenpaar, vom Wein eher mitgenommen als beschwingt, sein Alter nennt - fünfundsiebzig, sagt der Mann, und die kindlich frauliche Kellnerin ruft, daß sie nie so alt werden will, ein Impuls, wie er in unserer Zeit, wenn ich an meine Tochter denke, noch gesteigert wird durch die Annahme, gar nicht erst alt zu werden, indem man dieser ansteckenden Krankheit durch Jungbleiben ausweicht. "Ich aber", schreibt der Erzähler, "saß in einer Wolke von schönem, dunstigem Daseinsgefühl und sah dem Mädchen, das an meinen Tisch trat, ins Gesicht. Eine Sekunde lang legte ich meine Hand auf ihren nackten Unterarm, während sie die Karaffe vom Glas absetzte."

Also ein Grabscher, wie wir uns zu sagen angewöhnt haben, einer, der seine Karriere gefährdet, wenn er nicht aufpaßt - und kaum sind die Alten aufs Zimmer gegangen, weil der Wein zu schwer für sie war, schreitet dieses nicht Aufpassen, dieser Leichtsinn voran, am Anfang verbunden mit genau der Nachdenklichkeit, die einen umsichtigen Autor auszeichnet. Der Wanderer denkt daran, auf welch rührende Weise alte Ehepaare, selbst wenn sie sonst wie Katze und Hund zusammen gelebt hätten, in ihren späten Jahren einander ähnlich werden. Aber es bleibt nicht bei diesem idyllischen Gedanken: "Die Leiber, die sich nichts mehr zu schenken haben, klammern sich in ihrem Gebaren verzweifelt an das letzte Restchen menschlicher Nähe und Nachbarschaft, bis sie in ihre große Alleinheit zurücksinken." Und am Ende der Passage, die dem nicht Aufpassen vorausgeht, heißt es: "Und ich begriff zum ersten Mal, weshalb die Ehe ein Sakrament, unlösbar und heilig genannt wird. Ich leerte mein Glas mit einer gewissen Zuneigung hinter dem alten Pärchen her, wobei ein Teil meiner Sympathie sich ohne Zweifel auf ihr Weggehen bezog."

Die Realität des Lebens ist also aus dem Blick, nun kann das andere seinen Lauf nehmen. Der Wanderer will von der jungen Kellnerin wissen, weshalb sie nicht alt werden möchte, und als sie ihm eine vernünftige Antwort verweigert, legt er einfach den Arm um sie, auch noch auf ihr "Bitte - lassen Sie mich!" hin. "Ich hielt sie fest und sagte einiges Beruhigende zu ihr - was, weiß ich nicht mehr, es kam auch auf die einzelnen Worte nicht an dabei, doch ich hörte den Klang meiner eigenen Stimme, die mir ganz fremd war und deren ich mich etwas schämte, denn sie klang pelzig und rau vor Erregung, aber doch weich und einschmeichelnd... und ich fühlte mich beseligt, wie sie schlaff und hilflos wurde unter dieser Einträufelung und wie ihre Knie zu zittern begannen. Dann küßte ich sie leicht und flüchtig auf den Hals und ließ ihre Arme los."

Bei heutiger Betrachtung ein sexueller Übergriff, und man würde sich vor Gericht wiedersehen; in der Geschichte oder auf den wenigen Seiten, um die es hier geht, sieht man sich gar nicht wieder; denn nach einem kurzen Dialog, in dem es um den Namen und die Herkunft der Kellnerin geht, schläft der Wanderer ein, nach einem Augenblick des Entzückens - "als ob es der einzige und letzte wäre und als müsse man sich im nächsten schon von der Erde lösen... Jetzt aber saß ich da, wie einer, der seinen Namen vergessen hat, unbeschwert von mir selber.." Und als der Schläfer wieder erwacht und seine Zeche begleichen will, kommt nur der Hausbursche an den Tisch und sagt, auf drängendes Nachfragen, daß die Kellnerin fort sei, weil sie Ausgang habe. Der Wanderer aber zahlt und läßt ein Trinkgeld für sie zurück, er geht wieder seiner Wege, auch wenn diese Wege genau nicht die eigenen sind, sondern die der anderen, die sie als Wege für uns kenntlich gemacht haben, wobei wir, sobald die Liebe ins Spiel kommt, eben nicht mehr zu unterscheiden vermögen, was Umweg, Weg oder Irrweg ist. Beseligt gehen wir dahin, und es war auch dieses heute kaum noch gebräuchliche oder nur mit der Beißzange von einem ferngehaltene Wort, das mir den Zuckmayerschen Text als ein Stück meiner eigenen Schreibart erschlossen hat - oder, um den Titel von Zuckmayers Erinnerungen zu zitieren: Als wär's ein Stück von mir, ein Stück von jener weichen, verwirrenden Zwischenregion ohne die Gesetze des Tales und die Einöde des Gebirges, wo man sich leicht verläuft, um plötzlich vor ungenutzten Tränken zu stehen, und wo ich mich selbst so gern aufhalte, im Leben wie im Schreiben. Der Wanderer tut etwas Unerlaubtes, keine Frage, aber eingebettet in sein Empfinden der Endlichkeit allen Tuns: In dem Bewußtsein eines möglichen letzten Moments nimmt er sich diesem einen, der ihn beseligt, gegen einen ausdrücklichen Willen, doch mit einem stillen Einvernehmen der Kellnerin, deren Augen dem Erzähler sagen: "Ich bin keine, mit der man das tun kann, aber..."

Und genau dieses Aber gehört mit zur Kehrseite der Medaille, zum Erdabgewandten unserer selbst, wo uns niemand sieht und hört und wir nur denen begegnen, die sich auch von der Erde gelöst haben, unbeschwert von sich selbst, ganz in der Gravitation des anderen, von der Zuckmayer erzählt hat und von der auch der Empfänger seiner Medaille erzählt - und für deren Vorderseite ich von dieser Stelle aus ebenso Dank sage, nicht zuletzt an die Jury, wie für deren Rückseite mit all den Sätzen und Worten, die uns heute befremdlich erscheinen, weil wir zu viel nüchtern sind und nur noch den Wanderer spielen, ausgestattet bis zum GPS, anstatt das Risiko einzugehen, sich zu verlaufen und am Ende einen Hals zu küssen und ganz am Ende allein dazustehen.

Aber das tun wir sowieso, und der Mensch Zuckmayer wußte das, bei allem Geselligen, das ihm so nahe war. Und vielleicht wäre er in unseren Tagen innerlich emigriert, in einer Zeit, die diesen Namen Zeit noch gar nicht verdient hat, einem Beschleunigungs- und Maximierungschaos, das als absolute Werte nur noch die Quote oder die Verkaufszahl kennt und den Fröhlichen Weinberg in die Talk-Show verlagert - was ich hier hoffentlich ohne Zorn vortrage, denn was ist lächerlicher als ein zorniger Literat? Gleichwohl: Die Literatur hat, glaube ich, in den letzten zwanzig Jahren, seit dem Siegeszug des Boulevards auf allen Ebenen, ihren Wert verloren, sonst könnten wir nämlich von ihr leben, sie hat nur ihr Prestige behalten, darum gibt es sie noch. Und wer sie weiter betreibt, der tut dies, weil ihm alles andere als weniger wahr erscheint; denn das literarische Mittel, die Sprache, ist immer noch konkurrenzlos, wenn es darum geht, das Andere im Anderen zu verstehen, also letztlich zu begreifen, daß wir ebenso gut ein anderer sein könnten, sowohl die Kellnerin wie der Wanderer wie auch der Alte mit den trüben Augen. Wir sind jung und gleichzeitig alt, sind Mann und Frau in einem, Laster und Reinheit, sind das Brutale und das Geläuterte. Und ich fühle mich heute, an Zuckmayers Todestag, geehrt, weil mit dieser Medaille auch ein Stück meines gespaltenen Lebensgefühls ans Licht gehoben und damit gesellschaftsfähiger wird - so verstehe ich die Auszeichnung jedenfalls: als Aufforderung zum Hinsehen und Verstehen, und dafür bin ich in einer Zeit, in der fast niemand mehr genau hinsieht, geschweige denn etwas verstehend aufnimmt, den hier Anwesenden - Zeugen meiner Zuneigung zur Sprache - von Herzen dankbar!


Laudatio auf Bodo Kirchhoff von Petra Gerster

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Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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