Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


    home  news   werke   biographie   gespräche   sekundärliteratur   newsletter   gästebuch   dank  






Daniel Deserno, 39, bis vor kurzem Investmentbanker, ist Patient in der Kurklinik Waldhaus, unter lauter Prominentenleichen mit Depressionen. Freundin Selma aus der Kulturstiftung der Bank hat ihm nach einem Streit unter dem Weihnachtsbaum mit dem eben ausgepackten Edelkorkenzieher seinen Porsche ruiniert, wie das männlichste Teil unter Daniels Kollegen hieß. Und in der teuren Kurklinik hängt er den Zeiten ungehemmter Sex- und Geldvermehrung nach, bis eine neue, junge Patientin auftaucht: die mit einem Buch über ihre Hämorrhoiden soviel Erfolg hat, dass sie darüber schwermütig wurde. Daniel und die Neue kommen sich rasch näher, dann aber kündigen Selma und auch noch Daniels altlinke Mutter ihren Besuch an, weil im Waldhaus ein berühmter Autor aus seinem Goethe-Roman liest. Und im Zuge dieser Lesung über Johanns Nummer mit seiner Sponsorin Anna Amalia kommt Daniels Porschewrack zu einem nicht mehr für möglich gehaltenen Sieg, während ringsherum die Finanzwelt einstürzt.
In seinem neuen Schundroman verschränkt Kirchhoff vier verrückte Liebesgeschichten mit dem Kollaps eines verrückten Systems, brandaktuell – und doch zeitlos wie das Liebesverlangen des Helden: ein aberwitziger Kommentar zu den Krisen in der Welt des Geldes und der Literatur.



P u b l i k a t i o n e n

Cover Erinnerungen an meinen Porsche


Erinnerungen an meinen Porsche

Roman

Hoffmann und Campe
Hamburg 2009
224 Seiten   
ISBN-10: 3455401848
ISBN-13: 978-3455401844

[ Bestellen ]

Leseprobe


1

Regel Nummer eins: Wer ein Buch schreiben will, muss Zeit und Geld haben und wenigstens einen guten Grund. Zeit hatte ich genug unter all den Prominentenleichen im Waldhaus, ebenso Geld, ob in Übersee oder hier, und mein Grund lag auf der Hand, wenn ich an mir heruntersah; dazu kam die Weltlage in diesem Herbst, womit ich das allgemeine Finanzchaos meine. Fehlte noch der Anstoß, um aus Notizen ein Buch zu machen, und da reichte es, dass gleich zwei ungebremste Frauen am selben Wochenende in der Kurklinik auftauchen wollten: die Frau, ohne die es keinerlei Grund gäbe, überhaupt nachzudenken, und meine liebe Ursel, die mich zur Welt gebracht hat.
Wie immer, wenn sie Ideen hatte, rief sie am späteren Abend an, meine rauchende, nachtmenschige, irgendwie immer noch linke Mutter – ab und zu sollte man sich diesen nicht mehr zu steigernden Verwandtschaftsgrad schriftlich vor Augen führen –, und kaum hatte sie ihren Besuch angekündigt und nebenbei nach meinem Befin-den gefragt, kam der übliche Schwall zur Lage der Dinge aus Sicht ihrer Alters-WG. Dein Kapitalismus ist am Ende, rief sie, es gibt nur noch Schulden, die ganze Welt ist verschuldet, wie soll das weitergehen? Kein Wunder, wenn bei uns die Sozis mit Kommunisten paktieren, nur kann ich leider keine Frau wählen, die anderen den Mund verbietet: Isch-Basta heißt die bei mir nur – am Anfang vom Ende steht immer der Größenwahn! Etwas mehr Bescheidenheit, Dannymann, und du wärst nie in dieser Klinik gelandet und könntest nach wie vor Dinge tun, auf die Männer so stolz sind! Hier holte Ursel zum ersten Mal Luft, und hier hole auch ich Luft: für einen Rückblick – auch wenn Rückblicke nicht bei allen beliebt seien, wie mir ein schreiberfahrener Mitpatient zu bedenken gab; nur sollte sich einer, der’s ernst meint, nicht gleich bei allen beliebt machen wollen: Regel Nummer zwei für mein Gefühl.


2

Am Anfang war bekanntlich das Wort, nicht der Größenwahn, der kam erst nach der Schöpfung, und Worte stehen auch oft am Beginn von Karrieren, Omerta etwa bei der Mafialaufbahn oder Ruhm bei einer Filmkarriere. Und auch in meinem Fall kam das Wort nicht von Gott, son-dern aus Amerika und hieß einfach hedge, in unserer Sprache Hecke oder Winkel, und das Hedging war die durch Hecken gesicherte, jeden Winkel nutzende große Geldvermehrung. Kurz: Ich war Investmentbanker, einer mit Turboperformance und Porsche RS, und meine Mutter dachte, ich würde Baumschulen in Afrika finanzieren und C-Klasse fahren. Und dann passierte das mit dem Korkenzieher und meinem GT, aber fangen wir bei A an. Ich heiße Daniel und sollte Daniela heißen, meine Männlichkeit war also von vornherein durch ein A belastet, und das auch bald laut und deutlich, gefolgt von einem O, was bei den alten Griechen ja das Z war und damit ganz hinten stand.
Ah, da kommt sie! und Oh, verdammt! soll nämlich ein Chor aus fünf Frauen bei meinem termingerechten Ausscheiden aus der rein weiblichen Sphäre durcheinandergerufen haben, und demnach wäre ich nicht nur als unerwarteter Junge, sondern auch im Zustand sichtbarer Erregung zur Welt gekommen, das alles im Rahmen einer Frankfurter WG-Geburt, Oktober neunzehnhundertsiebzig. Mit von der Partie: meine Mutter Ursel und die drei anderen Frauen der Wohngemeinschaft, Bea, Doro, Ingeborg, sowie im Hintergrund der sogenannte Erzeuger, also mein Vater, ein junger Brillenträger namens Gunther, und an vorderster Front die parteiische Hebamme von der Roten Hilfe. Auch sie hatte mit einem Mädchen gerechnet, soll aber nur den Kopf geschüttelt haben, während es von Gunther hieß, er habe vor Enttäuschung geweint. Gunther war der Einzige, der kochen konnte in der WG, doch seine größte Tat war das Anzünden einer öffentlichen Telefonzelle, an der es eigentlich gar nichts zu brennen gab, und trotzdem konnte Ursel ihm danach einreden, er sei Terrorist, er werde gesucht, damit er bei ihr untertauche, als verstecktes, kochendes Würstchen. Und keine neun Monate später erblickte ich das Licht der Welt, angeblich mit Tönen, als hätte ich an meinem Zustand schon Vergnügen gehabt, wovon gar nicht die Rede sein konnte.
Dieses Vergnügen kam erst mit siebzehn und währte einundzwanzig Jahre, womit ich sagen will, dass meine beste Zeit vorbei ist, nachdem mir eine Freundin – Head of Department bei der Kulturstiftung der Bank, der ich gedient habe – das dafür entscheidende Teil mit einem Korkenzieher aus Italien ruiniert hat, und das auch noch an Heiligabend. Überall war Blut, selbst auf den Hirten vor der Krippe, und nach einem Noteingriff und stationärer Behandlung auf der Urologie – von einem Pfleger, Robin, mit ermunternder Lektüre versorgt, den Bekenntnissen einer jungen Hämorrhoidenpatientin – konnte ich am Tag der Entlassung plötzlich nicht mehr gehen. Die Beine knickten einfach weg wie bei einer Marionette, und eine Schwester schob mich im Rollstuhl von Abteilung zu Abteilung, bis am Ende, in der Psychiatrie, ein keineswegs zerstreuter Professor von spontan reaktiver Gangstörung im Rahmen einer personalen Gesamtkrise sprach.
Und so landete ich schließlich, mit Hilfe von Ursels Energie und meinem Depot auf den Caymans, in der für Gesamtkrisen angeblich besten Umgebung, nämlich der hotelartigen Privatklinik Waldhaus, in einer Suite für Behinderte mit Blick auf den südlichen Schwarzwald, sogar vom Bett aus, und hinab auf die ferne Rheinebene, wenn ich mich auf den Balkon rollte; neben den therapeutischen Maßnahmen sollte auch die Landschaft zur Heilung beitragen, mit dem erklärten Ziel, den eigenen traurigen Zustand anzunehmen, wenn möglich als Freund – ich meine hier den Zustand meines Porsches, wie das Teil dort unten in dem Department (corporate financing), das ich nach Kräften bereichert habe, genannt wurde.

Aber welcher Mann, der es gewohnt ist, in vier Sekunden auf hundert zu sein, will schon ein Wrack als Freund? Und überhaupt: Ich wollte bereits mit zwölf eine Freundin, und am liebsten wäre mir Romy Schneider gewesen, was mit dem Auftauchen alter Zeitschriften infolge einer polizeilichen WG-Durchsuchung zu tun hatte, nachdem Ursel genau zweihundert Meter unterhalb meiner späteren Wirkungsstätte vom Staatsschutz fotografiert worden war: als Aktivistin im sogenannten Frankfurter Häuserkampf. Zu dem wenigen, was der Polizeitrupp unbeachtet gelassen hatte, gehörten die Bravo-Hefte und andere Illustrierte aus Ursels Jugend, und ich stieß auf ein ganzes Heft aus Anlass des dritten und abschließenden Sissi-Films und verliebte mich in das süße Gesicht der Schneider, das war das eine. Und das andere vollzog sich dann, ironischerweise, vor dem durchtriebenen Gesicht von Liz Taylor in einem Bericht über den Film Giganten mit dem saumäßigen Schauspieler James Dean, der auf einmal das viele Öl findet: links die Taylor mit ihrer spitzen Brust unter einer engen weißen Bluse und rechts der abgerissene Typ mit dem emporschießenden schwarzen Strahl. Und kaum war von meiner Seite, mit Blick auf die Taylor, getan, was getan werden musste, gingen die Gedanken – auch in späteren Beziehungen stets das Problem – zu dem Ölfund beziehungsweise sprudelnden Reichtum. Und in den ersten Waldhausmonaten mit viel Zeit zum Nachdenken erkannte ich in diesem Bild – der Ölstrahl und sein Einfluss auf das Glück – einen der Gründe dafür, dass ich bis zu der Heiligabendsache zu denen gehört hatte, die durch Termingeschäfte mit dem Ölpreis spielten, während ich mir weiter den Kopf darüber zerbrach, wie ein Korkenzieher von Alessi so sehr von seinem eigentlichen Ziel, dem Korken einer Flasche Tignanello, zur Feier des Abends von mir mitgebracht, hatte abweichen können.

Und über all dem Nachdenken war der Winter zu Ende gegangen und Frühling und Sommer verstrichen, und ich war immer noch an den Rollstuhl gefesselt, ohne die angestrebte Freundschaft geschlossen zu haben; die Heilung hatte bis zum Herbst keinerlei Fortschritte gemacht, auch wenn ich mir in manchen Nächten schon vorstellte, Bett und Rollstuhl zu verlassen, um ein Leben in der Karibik zu führen. Erst in der zweiten Septemberhälfte, während außerhalb des Kurparks die Geldwelt aus den Fugen geriet, kam mit einem Mal Bewegung in das Ganze: kaum auszudenken, wenn man bis dahin nur im Einerlei der Tage eines Waldhauspatienten von morgens bis abends auf ein Wunder gewartet hatte.


3

Der Kuralltag in dem festungsartigen Haus mit eigenem Park begann, entgegen allen üblichen Gepflogenheiten in Einrichtungen dieser Art, erst um acht Uhr dreißig mit dem Geräusch eines Staubsaugers auf dem Flur – in der Bank für mich höchstens ein Zeichen, schlafen zu gehen, wenn nämlich die rumänische Putzkolonne morgens um fünf in meine Abteilung kam und ich immer noch am Bildschirm saß, neben mir die Pizzareste der Nacht. Nie war ich dagegen von Staubsaugerlärm geweckt worden, schon gar nicht in der Kindheit, weil keine meiner WG-Tanten auch nur auf die Idee gekommen wäre, Staub zu saugen.
Ich war jedenfalls immer schon wach, wenn mir die kleine Kim – die ich Kim I nenne, um nicht den Überblick zu verlieren – das Frühstück brachte. KimI hatte stramme weiße Beine, die unter ihrem Kittel aufleuchteten, wenn sie sich nach einem Knopf oder Geldstück bückte, von mir schon nachts auf dem Boden platziert, und obwohl mein Trick längst durchschaut war, hob sie die Dinge weiter auf und reichte sie mir mit einem Lächeln, für das ich inzwischen so dankbar war wie für strahlende Pobacken in früherer Zeit, auch wenn mich diese Zeit mehr als alles andere beschäftigte: angeblich eine kindliche Fixierung, wenn ich Frau Dr. Schmauch, meiner Gesprächstherapeutin, folgte. Und ihr folgte ich nur allzu gern, weil sie eine Stimme hatte wie Romy Schneider, weich und verlangend, wie in Das Mädchen und der Kommissar, dem Film, den Ursel nach Aufkommen der Videorekorder immer wieder heimlich gesehen hatte in ihrer Frauen-WG, mit mir an der Seite; eine Stimme, die es völlig unmöglich machte, dem, was die Schmauch sagte, zu widersprechen. Die Gedanken waren einfach woanders, sie waren bei ihren halblangen wippenden Haaren, wenn sie zur Tür hereinkam, und den von engen Pullovern bedeckten Hüften, bei ihrem Mund, der eher schmal war und doch etwas Volles hatte, sozusagen das volle Programm versprach, und ihren erwachsenen Händen, die sie gern im Schoß hatte, aber nicht ausruhend, eher sprungbereit: als könnten sie jederzeit auch bei mir landen.





-----------------------------------------------------
Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Hoffmann & Campe Verlages sowie des Autors

[ Rezensionen ] [ zurück ]









   impressum