Der alte Mann und das Boot
Bodo Kirchhoff ist ein Meister im Ausloten zwischenmenschlicher Beziehungen. In dieser Novelle – Schauplatz ist der südliche Gardasee – ist es das Verhältnis zwischen dem „Prinzipal“ und seinem 18jährigen Enkel. Die erste Begegnung nach vielen Jahren spielt auf dem luxuriösen Boot des Unternehmers, ein wegen einer Affäre zu Fall gebrachter, wie man erfährt. Noch an seinem 60. Geburtstag war der Patriarch auf dem Zenit seiner Macht gestanden, jetzt wird er 64 und die Honoratioren bleiben aus. Für den Abend ist nur ein Familienessen auf der Aussichtsterrasse eines angesagten Restaurants geplant.
Der junge und der alte Mann sind allein auf dem Boot, der Großvater steuert selbstsicher über die Weite und Tiefe des Sees. Enkel Vigo filmt ihn dabei mit einer Digitalkamera. Durch das Display schaut auch der Leser und während der Protagonist wie ein Hauptdarsteller agiert, rückt der Enkel in den Hintergrund, wird zum Beobachter, aber auch zum Zensor.
Etwa zwei Drittel der Erzählung bestehen aus diesem Portrait des Prinzipals, Kirchhoff thematisiert mit den Worten des Unternehmers vieles, was ihm wichtig ist, Medien, Schreiben, Lebensziele, Ehe, Liebe, Alter.
Im letzten Drittel wird die Handlung dramatisch: Der Großvater verschwindet vor dem Augen der Kamera und des Lesers, indem er schwimmen geht, der Enkel, allein auf dem Boot, beobachtet den Unfall einer Surferin und holt das verletzte Mädchen an Bord. Sie ist schön, fast nackt und halb bewusstlos, Vigo filmt auch sie und kann nicht widerstehen, er streichelt ihren Körper und küsst sie. Der Großvater kehrt zurück und befindet, das Mädchen muss von Bord, er will keinen Ärger mit der Polizei wegen einer unbekleideten Schönheit auf seinem Boot, und sich keinesfalls das Geburtstags-Diner verderben lassen. Sie soll auf einer Insel sichtbar ausgesetzt werden, dann wolle er nach einem Rettungs-Hubschrauber telefonieren.
Nachdem das Mädchen wie beiläufig abgelegt wurde, wechselt die Szenerie. Der Prinzipal sitzt mit Ehefrau, Tochter, Enkel und unnützen Geschenken auf der Terrasse des Restaurants. Der See ist gegen Abend glatt und starr, die Familie auch. Die Kamera mit den belastenden Aufnahmen des Mädchens muss auf Geheiß des Familienoberhauptes im See versinken, aber Vigo behält die drei Kassetten, die er zuvor auf der Fahrt mit dem Großvater aufgenommen hat.
Die beiden Teile der Novelle wirken wie die Familie: Sie stehen dicht beieinander und wollen doch nicht recht zusammen passen. Lebendig die Figuren, klug die Gedanken, plastisch die Szenerie, befremdlich jedoch der Wechsel vom gründlichen Beobachten zur Dramatik einer Actionhandlung. Außerdem wird der Erzählfluss, der schon durch die eigenwillige Kameraperspektive gestaut wird, durch einige stilistische Ungewöhnlichkeiten in den Bereich des Künstlichen gerückt: Um das Pronomen „er“ zu ersetzen, substantiviert Kirchhoff häufig Eigenschaften aus den vorangegangenen Sätzen. Wendungen wie „der Bewunderte“, „der Umsichtige“, „der Vater des Plans“ oder „der Frauenerprobte“ wirken durch häufige Nutzung kommentierend und etwas von oben herab. Andererseits ist es gerade der Mut zu literarischen Experimenten, die jedem von Kirchhoffs Romanen, wie auch diesem, ihren ganz eigenen Charakter geben.
Die große Frage: Was bleibt? Wenig, wie es scheint. „Das soll dich aber jetzt nicht entmutigen“, sagt der Großvater zum Enkel. Tut es aber. Das Buch hinterlässt eine vage Traurigkeit über Gefühle, die schal werden, über Ziele, die an Glanz verlieren.
Yvonne Pollnick-Klünder
(Erstveröffentlichung: ungekürzte Fassung der im Main-Echo, Aschaffenburg am 21./22.04.2007 unter dem Titel „Vage Traurigkeit“ erschienenen Rezension)
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
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