Auf der Suche nach ein bisschen Menschennähe
Endlich und erstmals sind die Erzählungen Bodo Kirchhoffs aus 25 Jahren in einem einzigen Band versammelt. In ihnen spiegelt sich Kirchhoffs andauernde Beschäftigung mit Themen wie Einsamkeit, die Auswirkungen der Moderne auf das Individuum und die Sehnsucht nach Gemeinschaft.
Fast alle von Bodo Kirchhoffs Figuren sind einsam. Mehr oder weniger verzweifelt versuchen sie, diese Einsamkeit zu überwinden. Flüchtige Zufallsbekanntschaften geben ihnen für kurze Zeit die Illusion des gemeinsamen Seins, tatsächlich führt die körperliche Vereinigung sie aber regelmässig bloss zu der Erkenntnis, dass sie einsamer sind denn je, dass Berührungen sie traurig machen statt glücklich. Und obwohl sie immer wieder erfahren, dass Sex die Einsamkeit nicht aufheben kann, suchen sie in ihm doch zwanghaft einen Ausweg.
Im Bordell
Die Verzweiflung an ihrer Einsamkeit treibt Kirchhoffs Figuren oft in Bordells und Peep-Shows. Die Begegnung der einsamen Männer mit Prostituierten ist geprägt von einer ambivalenten Wahrnehmung dieser Frauen. Sie sind einerseits Objekte, käuflich und wie eine Ware zu bewerten, andererseits enthalten sie als Individuen die Möglichkeit, Geborgenheit und Liebe auszudrücken. Für Geld und für kurze Zeit tut sie dies auch, um den Mann, der emotionale Episoden nur noch durch gekaufte Liebe erleben kann, darauf umso einsamer zurück zu lassen. Auch die Beziehungen zwischen Mann und Frau ausserhalb von Bordellen nähern sich immer wieder dem seelenlosen Austausch von Körperflüssigkeiten an. Körperliche Vereinigung wird als Spiel vollzogen, um sich einen kurzen Augenblick vom Alleinsein zu befreien, um Inspiration zu erlangen oder aus Langeweile. Körperliche Liebe ist "ein mit Küssen vertuschter Handel". Auch die Ehe stellt sich als ungeeignetes Mittel heraus um die unüberwindbare Ferne zwischen Mann und Frau aufzuheben, denn die ewige Liebe kommt entweder gar nicht, oder nur, um schnell und unweigerlich wieder zu vergehen. Die wirtschaftliche Beziehung zwischen Bordellbesucher und Prostituierter erhalten dagegen fast den Anstrich von Ehrlichkeit wie in "Nachruf auf eine Namenlose", in dem ein langjähriger Kunde "seiner" verschwundenen Prostituierten gedenkt. Trotzdem ist das Bordell nicht idealer Ort, "kein Ort des Glücks", wie eine der käuflichen Frauen sagt, "sondern der Ort, das Unglück zu verringern."
Widergänger in einer verrückten Welt
"Der Sommer nach dem Jahrhundertsommer" bietet aber mehr als bedrückende Geschichten im Rotlichtmilieu. In "Dame und Schwein" schlägt der Autor einen völlig anderen Ton an. Während in den Bordell-Episoden eine düstere Atmosphäre herrscht, nur mit wenigen und gleich der Desillusion preisgegebenen Lichtblicken, so ist "Dame und Schwein", wenn auch nicht gerade ein leichtfüssiger Ausbund an Lustigkeit, so doch wenigstens tragikomisch statt depressiv und auswegslos. Ein Schriftsteller sucht angesichts einer anhaltenden Schaffenskrise Inspiration im Nachstellen des Bilds "Dame und Schwein", das eine Dame mit einem Schwein an der Leine zeigt. Die Frage ist nur: wo findet er eine distinguierte Dame, die bei seinem Plan mitmacht und wo kriegt er ein Schwein her? Die Dame, die er schliesslich anfragt, ist gleich die Hauptfigur der nächsten Geschichte. Ein anderer solcher Widergänger ist ein mässig begabter Künstler. In "Eine geistige Übung" besucht er einen ebenfalls mausarmen Dichterkollegen, in der nächsten, "Verdammte Marie", schreibt er sein einziges gelungenes Drama: nackt hinter tropischen Zimmerpflanzen sitzend, einen Altpräsidenten und eine ehemalige Edelprostituierte, die sich nun ein Denkmal in der Stadt wünscht, beobachtend. Obwohl sich Kirchhoffs Figuren in einer der unseren sehr ähnlich scheinenden Welt bewegen, geraten manchmal plötzlich Kausalitäten durcheinander und die Geschichten nehmen bizarre Züge an oder werden zum wahren Albtraum. So etwa in "Verdunklung", in der eine Frau auf dem Gang durch die Stadt mehrfach sich selbst begegnet.
Bodo Kirchhoff setzt in seinen Erzählungen Themen wie das Älterwerden, die Einsamkeit, das Versiegen der Liebe und das Bleiben der Lust in den Mittelpunkt. Das macht die Erzählungen zu Literatur, die nicht schnell mal zwischendurch konsumiert werden kann. Selbst den tragikomischen Erzählungen, die vor Situationskomik und Sprachwitz sprühen, bleibt der hohe Anspruch anzumerken. Genau dieser Anspruch aber und die abgeklärte und ausbalancierte Art der Schilderung lassen Kirchhoff als ernsten und ernstzunehmenden Darsteller seelenloser Körperlichkeit gelten, der über der reinen Provokation eines Michel Houellebecq steht. Die Erkenntnis, dass es uns "ja alle in fremde Betten treibt, weil wir die Einsamkeit überwinden wollen", lässt ihn nicht mit Verachtung sondern mit Verständnis für diese Einsamen reagieren.
Sandra Despont
in: Plebs Netzmagazin, 15.04.2005.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin
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