Die Weisheit des gefallenen Managers
Bodo Kirchhoff setzt mit "Der Prinzipal" einem berühmten Deutschen ein doppelbödiges Denkmal
Das jüngste Werk von Bodo Kirchhoff ist kein Roman, sondern eine Novelle: „Der Prinzipal“. Bei der Novelle handelt es sich, sagt das Lexikon, um eine kleinere literarische Erzählform. Laut Goethe hat sie eine „unerhörte Begebenheit“ zu behandeln. Beide Forderungen erfüllt der in Frankfurt und am Gardasee lebende Autor: das Bändchen umfasst nur 122 Seiten, und was er auf die geschrieben hat, ist in der Tat unerhört.
Bei dem in Rede stehende Prinzipal handelt es sich um einen kürzlich gestolperten, dann in Ungnade gefallenen, jetzt geächteten Wirtschaftsmanager. Der macht an seinem 64. Geburtstag mit dem 18-jährigen Enkel einen Ausflug. Startpunkt ist die Villa des Prinzipals, dann geht es per Privatjacht über den See (Garda!). Ziel ist ein Restaurant – Kategorie „italophile Noblesse“ – am anderen Ufer. Dort soll mit Gattin, Tochter und Enkel am Abend Geburtstag gefeiert werden.
Unterwegs, auf dem See, gelüstet es den Senior, seinem noch immer wohlgestalten Leib eine längere Schwimmstrecke abzuverlangen. Derweil fischt der Enkel eine beim Drachenfliegen bruchgelandete und deswegen halbtote Schönheit aus dem Wasser. Deren Anblick verwirrt den noch jungfräulichen Burschen derart, dass er Küssen und so mit Nothilfe verwechselt.
Dieser Vigo ist ein seltsamer Typ. Den ganzen Ausflug über schweigt er zumeist, filmt bloß: See, Boot, Opa, die Schöne – wir Leser gucken quasi mit durch den Sucher, hören, was der Alte redet, übers Kameramikrofon. Der größte Teil des Buches gilt dem Philosophieren des Principale. Er hat allerhand zu sagen, dieser verstoßene Arbeitsmarktreformer und Kanzlerfreund. Dieser in großen Dimensionen denkende Manager, dem alle Mittel recht waren, seine Visionen durchzusetzen – Sexgespielinnen auf Firmenkosten für Betriebsräte inklusive.
Kirchhoffs gefallener Held erinnert, was die Fakten seines Falls angeht, stark an Peter Hartz. Und die Novelle tut nun so, als gewähre sie Einblicke in dessen Nach-Denken über die bekannten Verwicklungen. Da erscheinen gescheite Einlassungen über das Wesen von Mensch und Gesellschaft. Da werden Rechtfertigungen gesponnen, deren Logik ebenso faszinierend ist wie perfide: Alle seine Machenschaften hätten bloß auf Werte-Erhalt und Gemeinwohl-Förderung gezielt.
Die Genauigkeit von Kirchhoffs Sprache beeindruckt. Noch mehr aber besticht die Raffinesse mit er die Unmoral des Prinzipals in italienischer Leichtigkeit scheinbar entlastet – um ihn schließlich doch lächelnd zu richten.
Andreas Pecht
in: Rhein-Lahn-Zeitung, 04.05.2007
Homepage des Autors: www.pecht.info
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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