Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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börsenblatt 20-2006
börsenblatt, 18.05.2006,
Heft 20/2006



G e s p r ä c h e
Claudia Paul: "Handwerk plus Abgrund"

»Handwerk plus Abgrund«
Deutscher Buchpreis 2006 prämiert der Börsenverein zum zweiten Mal den "besten Roman des Jahres". Aber was ist das eigentlich? Ein Streitgespräch zwischen Juror Volker Hage, Autor Bodo Kirchhoff, Buchhändlerin Martina Tittel und Rainer Moritz vom Hamburger Literaturhaus.

Darf man ein literarisches Werk überhaupt als "besten Roman" titulieren?

Moritz: Jeder, der mit Literatur umgeht, weiß, dass man keinen Roman den "besten" nennen darf. Das ist natürlich angreifbar, aber man kann wunderbar darüber streiten.

Hage: Beim Deutschen Buchpreis finde ich diese Sache etwas einfacher, weil Einschätzungen immer vom Vergleich leben. Man kann natürlich sagen, etwas sei das Beste von einer bestimmten Auswahl. Es würde keiner von uns behaupten, es sei möglich, den besten Roman der Weltliteratur zu küren oder auch nur der deutschen Literatur.

Kirchhoff: Und man muss hinzufügen, es geht um den besten Roman des Jahres!

Tittel: Ja, Herr Hage, dann verraten Sie mir doch mal Ihre Kriterien für den besten Roman. Ist es der literarischste, der politischste, der meistverkaufte?

Hage: Ich bin seit 30 Jahren in diesem Gewerbe und versuche seitdem zu erklären, dass es diese Kriterien gar nicht geben kann. Jeder, der viel liest, erkennt im Laufe des Lesens, dass sich alles immer wieder relativiert. Mit jedem neuen Buch, das man kennenlernt, ob es ein klassisches ist oder ein gerade erschienenes, verschieben sich die Maßstäbe. Deshalb lieben wir Literaturkritiker ja auch Debatten, Diskussionen, Gegnerschaften und Polemiken.

Moritz: Wenn man den "Spiegel" nach 20 Jahren aufschlägt und dort alte Rezensionen liest, ist man erstaunt, wie sich in der Zeit Kriterien verschoben haben. Wie damals Bücher hochgelobt worden sind, die man heute vergessen hat. Das ist das Spannende an diesem Betrieb und anders als bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften, wo man leichter sagen kann, wer der Beste ist. Obwohl: Mich hat sehr amüsiert, dass im Hundertmeterlauf der Frauen die Drittplatzierte gesagt hat, sie wisse aber trotzdem, dass sie die Beste sei. Also selbst in objektiv messbaren Wettbewerben kann man hinterher immer noch streiten, wer der Beste war.

Kirchhoff: Vor 20 Jahren gab es bedeutend weniger Bücher. Heute ist es ja so, dass fast jeder ein Buch schreibt, und man ist schon eine Ausnahme, wenn man keines schreibt. Da ist eine völlig andere Notwendigkeit entstanden, überhaupt eine Auswahl zu treffen.

Tittel: Wobei mir natürlich als Händlerin sehr wichtig ist, dass die Orientierung durchaus vielfältig passiert. Weil die Leute ja auch auf vielfältigen Niveaus lesen.


Wann wissen Sie eigentlich, dass ein Roman gut ist - schon ganz am Anfang?

Hage: Na ja, es gibt die alte Regel, was im ersten Satz nicht stimmt, kann auch nie mehr Boden gewinnen. Das ist natürlich übertrieben. Bei Dostojewski würde man nach heutigen Maßstäben sagen: Also, Anfänge konnte der nicht besonders. Es gibt immer wieder Bücher, die man fast schon aus der Hand gelegt hat, und dann kommt ein Kollege oder ein Bekannter und sagt: "Hier, das habe ich gerade gelesen, das ist toll!", und dann liest man weiter und wird plötzlich in diesen Ton hineingezogen. Das ist ganz eigenartig.


Wie gehen Sie im Hamburger Literaturhaus bei der Programmauswahl vor, Herr Moritz?

Moritz: Wir versuchen natürlich auch die Bücher auszuwählen, von denen wir glauben, dass sie "die besten" eines Frühjahrs oder Herbstes sind. Ich finde den Terminus "bester Roman" eigentlich auch ganz gelungen, weil das eine Bezeichnung ist, bei der viele Leute aufhorchen, die sich für Literatur nicht wirklich interessieren. Die aber dann sagen: "Ach, das ist jetzt der beste Roman des Jahres, da könnte ich ja auch mal reinschauen und lesen."

Kirchhoff: Deswegen hat eine Jury eine riesige Verantwortung, denn wenn das ein Buch ist, in das sich das Reinschauen für die meisten dann nicht lohnt, steht man ziemlich dumm da.

Hage: Unsere Hoffnung ist natürlich, dass sich das Klima ändert. Denn es gab gerade bei uns in Deutschland lange Zeit eine sehr gegen die angelsächsische Tradition des Erzählens gesetzte akademische Erwartungshaltung. Darin spiegelt sich die Angst, der große experimentelle Roman könnte vielleicht nicht gebührend gewürdigt werden. Bei vielen Jurys ist diese Angst erkennbar, sie könnten etwas Lesbares dem Experiment und dem Schwierigen vorziehen - und das dann als Vorwurf hören.


Was von der Kritik gelobt wird, wird nicht unbedingt gekauft. Kann ein solches Buch für Sie überhaupt der "beste Roman" sein, Frau Tittel?

Tittel: Das ist kein Ausschlusskriterium. Nein, überhaupt nicht. Ich muss verschiedene Kundenkreise befriedigen und unterschiedliche Bedürfnisse. Und da wird dann auch viel auf die jeweiligen Preise geschaut, die in Deutschland oder weltweit vergeben werden. Der eine Preisträger verkauft sich besser, der andere schlechter. Und dann gibt es diese heimlichen Rennen, wie "Nachtzug nach Lissabon" - so was passiert einfach.

Hage: Ich glaube nach wie vor, dass der Einfluss desjenigen, der in einem Laden ein Buch dem potenziellen Käufer empfiehlt, enorm ist. Das ist ganz wundersam, es sind ja viele Bücher an der Kritik vorbei zu Erfolgen geworden, und erst hinterher sind wir Kritiker aufgewacht und haben uns dann diese Bücher angeschaut.

Tittel: Ich denke, überall da, wo wir Menschen erreichen und Bücher empfehlen, gibt es verschiedene Menschen, für die ist dann jeweils ihr Roman, den sie gerade lesen, das beste Buch des Jahres. Also unabhängig von - mit Verlaub - Kritikerpreisen.


Wie sieht das ein Autor? Er ist da derjenige, der den besten Roman schreiben muss...

Kirchhoff: Das stimmt. Und insofern lese ich immer als Kollege. Für mich ist einfach die Frage, ob die Sprache Schritt halten kann mit dem Stoff. Heute gibt es eine Reihe von Autoren, die interessante Stoffe haben - das haben sie aus dem Fernsehen gelernt -, aber keine Sprache dazu. Doch auch ein interessanter Stoff und die Sprache zusammen machen einen guten Roman noch nicht ganz aus. Schreiben ist Handwerk plus eigener Abgrund. Das eine ohne das andere ist nichts. Bücher ohne Handwerk, in denen dieses Abgründige überwiegt, interessieren uns irgendwann nicht mehr. Und wo das Handwerk dominiert, wird ein Deutschaufsatz daraus. Im Schreiben noch ein Risiko einzugehen und den Bogen zu spannen, das ist etwas sehr Schwieriges. Wenn das in einem Buch gelingt, werde ich hellhörig.

Moritz: Es ist sicher auch ein Problem, dass wir sehr viele kunstfertige Autoren haben, darunter aber doch vergleichsweise wenige, bei denen man das Gefühl hat, da ist mehr als Kunstfertigkeit vorhanden. Die Creative-Writing-Schulen haben natürlich in Deutschland auch ihr Werk getan.

Kirchhoff: Eine parallele Entwicklung gibt es im Film: Die Leute wissen inzwischen, wie die Trickkiste aussieht, können auch in alle Trickkisten greifen, nur damit entstehen noch keine guten Filme. Ähnlich ist es in der Literatur, man kann sich das eine oder andere abschauen. Aber ein guter Roman, das heißt, dass man auf drei-, vierhundert Seiten begriffenes Leben erzählt - Leid, aber auch Glück. Das setzt ein gewisses Lebensalter voraus, einen gewissen Reichtum an Erfahrung. In ganz seltenen Fällen gelingt so etwas früh. Wie mit den Buddenbrooks.


Wie man ein Buch bewertet, hängt auch vom eigenen Alter, der Erfahrung oder Sozialisation ab...

Kirchhoff: Ja, eine Sache gab mir zu denken. Unter den Büchern, die ich als Juror des Deutschen Buchpreises 2005 lesen sollte, war eines, das hat mir Schwierigkeiten gemacht - ich kam schwer rein. Das habe ich meinem 17-jährigen Sohn gegeben, und ihm hat das überhaupt keine Probleme bereitet.

Hage: In diesem Roman geht es um das Wesen der Zeit. Da wird sehr viel vorausgesetzt. Und da haben dann wohl Jüngere tatsächlich einen leichteren Zugang.

Tittel: Das ist aber nicht das Einzige. Es gibt ja auch unterschiedliche Bezüge zu verschiedenen Lebenswelten.

Moritz: Aber der beste Roman muss letztlich eine Zeitlosigkeit in sich tragen...

Kirchhoff: Ein gutes Buch erzählt uns etwas über die Innenwelt des Schreibenden. Aber auch etwas über die Person, die er beschreibt. Das fremde psychische Ich. Und in diesem Punkt ist Literatur, ist ein guter Roman etwas absolut Konkurrenzloses.


Interview: Claudia Paul
in: börsenblatt. 20/2006, S. 30-33.




Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Verlages und der Autorin
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