Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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Ich bin, was ich erzähle, sagt Karl Faller, Held des Romans, zu der jungen Staatsanwältin Suse Stein, die ihn in einer Mordsache vernimmt und trotz aller Selbstbezichtigung des Verdächtigen dessen Unschuld beweist. Da ist unter anderem von einem Lehrer die Rede, den Karl schon als Schüler erschlagen haben will, und von erst kürzlich umgekommenen Eltern, an deren Tod der Sohn sich die Schuld gibt. Doch in das Zentrum von Karls Erählen rückt immer zwingender sein schillernder Vater Kristian, der den Sohn in den Wirren der Studentenbewegung früh verlassen hat und später eine einzigartige Buchreihe erfand, Fallers Stadtführer für Alleinreisende.

Kaum auf freiem Fuß bereist Karl die Städte, die sein Vater in unverwechselbarer Weise beschrieben hat, davon überzeugt, Kristians Wege durch versteckte Gassen und Lokale seien auch Wege zu seinen Geliebten oder überhaupt zur Liebe. Mit leidenschaftlicher Neugier folgt der Sohn den Spuren eines fernen und doch vom Alter her zu nahen Vaters und begibt sich dabei auf die Suche nach einer rätselhaften Fremden, die in allen Stadtführern erwähnt wird. Aber nicht nur er folgt einer Fährte, auch an seine Geschichte hat sich jemand geheftet. Die junge Staatsanwältin Stein, schon während der Verhöre ebenso an dem Verdächtigen interessiert wie an der Wahrheit, hat Urlaub genommen; mit ihrem Auftauchen treffen Sprache und Liebe für Karl zum ersten Mal aufeinander.




"Jawohl, Schluß, einverstanden!" - DAS LITERARISCHE QUARTETT vom 19.10.2001 zu "Parlando".




SWR-Bestenliste 10/2001

1. (-) - 33 Punkte
UNDINE GRUENTER:
Das Versteck des Minotaurus, Roman

2. (-) - 31 Punkte
PETER ESTERHAZY:
Harmonia Caelestis

3. (2.-3.) - 28 Punkte
WILHELM GENAZINO:
Ein Regenschirm für diesen Tag, Roman

4. (-) - 26 Punkte
BODO KIRCHHOFF:
Parlando
, Roman

5. (5.) - 19 Punkte
ANGELIKA KLÜSSENDORF:
Alle leben so, Roman

6. (-) - 18 Punkte
JOSEF WINKLER:
Natura morta

7. (9.) - 17 Punkte
ULLA HAHN:
Das verborgene Wort, Roman

8. (10.) - 17 Punkte
NORBERT NIEMANN:
Schule der Gewalt, Roman

9, (-) - 14 Punkte
UMBERTO ECO:
Baudolino, Roman

10. (-) - 13 Punkte
THOMAS MEINECKE:
Hellblau, Roman





Taschenbuchausgabe

Fischer Taschenbuch Verlag
Oktober 2003
ISBN 3-596-15633-5































Elf Jahre nach seinem internationalen Erfolg Infanta legt Bodo Kirchhoff mit Parlando wieder einen großen Roman vor, ein stilistisch hervorstechendes, mit erzählerischem Atem geschriebenes Buch über das rückhaltlose Suchen nach der Wahrheit des Ichs und einer Liebe, die dem standhält. Parlando ist die Geschichte von Jung und Alt, die zu nah beieinander sind, der Legenden, die unser Leben bestimmen: des Von-sich-selbst-Erzählens in seiner ganzen Kraft und Vergeblichkeit.






































"Seit Tagen frage ich mich, was Sie mir seit Wochen erzählt haben. War das eine Vater-Sohn-Geschichte, eine von Sieg und Niederlage, im günstigsten Fall vom Überleben des Jungen nach dem Tode des Alten, und im ungünstigsten, wie man es im neuen Testament nachschlagen kann? Oder war das alles schon eine Geschichte zwischen Ihnen und mir?"


P u b l i k a t i o n e n

Parlando




Parlando

Roman

1. Auflage 2001
Frankfurter Verlagsanstalt
Frankfurt am Main 2001
536 Seiten
ISBN 3-627-00084-6

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Leseprobe

Also gut. Ein Mann, Anfang fünfzig, in zweiter Ehe verheiratet, Erfinder und Verfasser einer Buchreihe, Stadtführer für Alleinreisende, sieht sich Marrakesch an. Nach seinen Streifzügen geht er Abend für Abend auf den berühmten Djemaa el-Fna, doch sein Ziel sind nicht die Schlangenbeschwörer und Märchenerzähler, sein Ziel ist eine der vielen Garküchen, genauer eine junge Frau, die dort Gäste anlockt, sie ist wunderschön, im Bilderbuchsinn, der Mann hat sich verliebt. Seitdem sieht er ihr allabendlich zu, wie sie mit unerschöpflichem Lachen die Bänke der Küche füllt, und glaubt an ihrem Blick zu erkennen, daß sie manchmal an ganz andere Dinge denkt, an ein Leben ohne Verantwortung für das Wohl einer Sippe. Und so beginnt er, wenn die junge Frau in seiner Nähe steht, von einem anderen Leben zu erzählen, dem in den Städten, die er liebt, zum Beispiel Lissabon, auf englisch und französisch geht das, mit wenigen Worten, sie versteht schon, was er sagen will, und an Lebendigkeit fehlt es ihm nicht, wie allen Verführern, und nach einigen Tagen stimmt sie einer Verabredung zu, ihrer ersten mit einem Fremden, hinter dem Rücken der Sippe, einem Berber-Clan rund um die Garküche. Sie treffen sich in der Neustadt, gehen spazieren, er hat ihr Fotos mitgebracht, nicht von seinem Kind oder seiner Frau, sondern von Lissabon, die hat er aufgetrieben, und ihr gefallen die Fotos, die Namen - Alfama, Fado, Baixa -, wie ihr auch gefällt, was er redet, was er erzählt, und ganz nebenbei von seiner Seite ein Vorschlag, einmal im Leben etwas Verrücktes tun, ihn begleiten, mitkommen, am besten gleich, und wenn's nur nach Casablanca wäre für ein Wochenende, das sei sie sich schuldig, ihrer Begabung, ihrer Schönheit, allem. Natürlich widerspricht sie, ohne die Sippe, das wäre nicht mehr ihr Leben, das wäre eigentlich der Tod, la mort, aber er kann ihn zerstreuen, diesen Einwand, da würde sich ja ein neues, anderes Leben eröffnen, das mit ihm, und ihr Widerstand wird schwächer, jedenfalls vorübergehend, während einer Umarmung, die erledigt er mit einer Hand, mit der anderen winkt er einem Taxi. Sie fahren zum Bahnhof, es ist Mittag, die Zeit, in der sie nicht arbeiten muß, und sie haben Glück, das heißt, er hat es und sagt Unser Glück; ein Zug fährt nach Casablanca, in wenigen Minuten, so lange hält ihre Schwäche noch an, und später, im Abteil, kann er sie neu beleben, nur durch Worte; ununterbrochen redet er auf sie ein, erzählt von seinen Städten, als hätte er sie erbaut, ein Zauberer, der ihr um so liebenswerter erscheint, je länger er spricht. Vierzig Kilometer vor Casablanca steigen sie aus, er weiß Bescheid in Marokko, der Flughafen liegt in der Nähe, eine kurze Taxifahrt und schon sind sie da, er hält ihre Hand, in der anderen seine Kreditkarte, schon wieder ein Zauber. Sie können nach Madrid fliegen, jetzt gleich, und von dort weiter nach Lissabon, ein Umweg, aber was macht das schon, Im Borges, sagt er, haben sie zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Zimmer für mich, eins mit Blick auf die Straße, und keine vier Stunden später ist es bewiesen, sie sitzt auf einem Stuhl, am Eckfenster von zweihundertdreizehn, und starrt auf die Rua Garrett... Suse Stein, Füße auf der Bank, Kopf an meiner Schulter, wollte etwas sagen, ich kam ihr zuvor, Du kennst nur Anfang und Ende dieser Geschichte, aber das, was dazwischen war, zählt, wie bei allen Geschichten, die wahr sind.

Hayat Feddouli aus Marrakesch - sie hätte ihm nie ihren Namen verraten dürfen, niemals - saß also an einem Lissabonner Samstagabend im Stammzimmer meines Vaters, einen Stoffbeutel mit zwei T-Shirts und einer Plastikflasche Sidi-Harazem-Wasser im Schoß, halbvoll noch, als gäbe es in Lissabon nichts zu trinken, und letztlich mußte er nur warten und sie nicht mehr verführen, sie war im Prinzip verführt, erst käme mit dem Durst das fremde Wasser, dann fremde Gassen, fremde Musik, eine überraschende Beilage zum Fisch, schließlich das gemeinsame fremde Bett, auch wenn sie da jetzt ganz vernünftig auf einem Stuhl saß oder hockte wie in kurzen Pausen auf den Bänken der Garküche. Ihre Sachen im Schoß, das Haar hochgesteckt, wich sie nicht von der Stelle und sah aus der offenen Fenstertür, einer von zweien, auf die nächtliche Rua Garrett mit ihren Kirchen zwischen den Häusern, während er, hinter ihr stehend, den Blick auf ihren flaumigen Nacken gerichtet, mit einem Mal alles zu wissen meinte, was es vom Leben zu wissen gibt - denke ich -, bloß weil sie dort saß, obwohl sie gar nicht dorthin gehörte, und er keinen Zweifel daran hatte, wie es weitergehen würde. Mein Vater sagte nichts, das war Bestandteil seines Wissens, er setzte sich einfach neben sie, in den abgewetzten Sessel, in dem schon Irene und andere gesessen hatten, allein oder mit ihm, nackt auf seinem Bauch, so hatten sie's manchmal gemacht, mit Blick auf die Kirche, während unten Leute vorbeigingen, aber das käme auch noch, dachte er sich, das käme ganz von allein, im Moment hieß es nur, gar nichts tun, schweigen, atmen, dasein, nicht er, die Zeit erledigte alles für ihn. Irgendwann in dieser Nacht - die genaugenommen Tage und Nächte gewährt hatte, all die Tage und Nächte von Lissabon - begann Hayat Feddouli das Geschöpf meines Vaters zu werden, wie auch ich, in einer Nacht vom Gründonnerstag auf Karfreitag, Via Fratelli Bandiera, Rom, aus dem Nichts in seine Zeit geholt worden war, unter Mitwirkung einer zweiten Person, gewiß, aber nur in Folge seines Willens. Er saß also da, in dem Sessel, und tat nichts oder fast nichts, beim Entzünden einer neuen Zigarette jedesmal ein Blick auf ihr Profil und ein kurzes Ausstoßen von Luft durch die Nase, wie ein minimales, nur für sich selbst bestimmtes Geheimlachen, von Hirnhälfte zu Hirnhälfte gewissermaßen, eins, das sie weder verstehen noch teilen konnte, bis sie schließlich die Hand streckte, zwei Finger für eine Zigarette gespreizt, um wenigstens die Begleiterscheinung zu teilen, und mein Vater die Roth-Händle für sie anrauchte, wieder mit diesem leisen, sich nur in der Nase abspielenden Lachen, und sie ihr zwischen die Finger schob, gleichsam als Vorübung, dabei die Brauen anhob und sie oben ließ, wie Bögen, während sie ohne weiteres zog, bloß die Augen verkleinernd, gegen den Rauch, was ihr stand - ich weiß es -, etwas Verschlagenes in ihre Schönheit mischte, einen Schuß Männlichkeit, der es leichter machte, über sie herzufallen. Doch mein Vater fiel nicht über sie her, er sah ihr beim Rauchen und Auf-die-Straße-Schauen zu, begeistert von ihrer Unschuld und Schönheit, und begann schließlich, von Lissabon zu erzählen, aber nicht nur, er sprach auch von ihr und von sich, als seien sie ein Paar, ein Paar, das bis zum Morgen durch die Stadt geht, um dann erschöpft ins Bett zu fallen, sich im ersten Licht mit kleinstem Aufwand zu lieben, und sie tat, als würde sie ihm zuhören, aber in Wahrheit sah sie nur aus dem Fenster, wie die Katze, die keine Zeit kennt. Mein Vater sah sich ihre Kleidung an, schwarze Hose, weißes T-Shirt, Kapuzenjacke mit Reißverschluß, Sandalen mit dicken Sohlen, keine Sachen zum Durchbrennen, aber wozu der Beutel mit den beiden anderen T-Shirts, ihrer Zahnbürste, ihrem Ausweis, einem Paar Socken und zwei Binden? Er hatte einen Blick hineingeworfen, als ihr für Sekunden im Flugzeug die Augen zugefallen waren. So ganz überstürzt war sie nicht geflohen. Was hast du, fragte er, und sie lächelte, ohne ihn anzusehen. Er hatte jetzt Angst um sie, Angst, sie sei verrückt geworden, verrückt vor Schuldgefühlen, und bat sie geradezu, wenigstens einen Schluck von dem Sidi-Harazem-Wasser zu trinken oder auf die Toilette zu gehen - seit Marrakesch hatte sie das, nach seiner Rechnung, erst ein einziges Mal getan -, aber sie deutete an, es sei alles in Ordnung, und da überkam ihn ein Gefühl der Gleichgültigkeit, er wollte nur noch schlafen und hatte vielleicht auch geschlafen. Am anderen Morgen würde er jedenfalls behaupten, er sei neben ihr eingeschlafen, im Sitzen wie sie, solidarisch, und habe auch etwas geträumt, geträumt, neben ihr im Bett zu liegen, ganz normal, auch wenn sie sich darunter wenig vorstellen könnte, ja nicht einmal wußte, was nicht ganz normal war. Aber noch war Nacht, und er schlummerte höchstens, wie man auf Nachtflügen schlummert, bis sie eine Art Schluckauf bekam, als schon die ersten Vögel pfiffen, ein Aufstoßen, das ihn aus seinem Schlummer herausholte, als melde sich in kleinen Stößen das Leben aus ihr, nicht das Leben überhaupt, sondern ihres in Marrakesch, das sie nicht hinter sich gelassen, sondern nur hinuntergeschluckt hatte. Willst du nicht schlafen, fragte er wieder, auf französisch und auf englisch und am Ende auf deutsch, Willst du gar nicht schlafen?, und brachte ihr die Worte gleich bei und erwähnte noch, halblaut, als könnte es jemand hören, daß schlafen nicht nur schlafen hieß, sondern unter Umständen auch eine gemeinsame Tätigkeit sei, nämlich das Lieben oder auch fucking, letzteres im Flüsterton, was sie sehr lustig fand, dieses so verschiedene Doppelte in einem Wort, schlafen und lieben oder schlafen und fucking, da hatte sie es immerhin schon in den Mund genommen, und beide konnten sie lachen, während erste Sonnenstrahlen die Rua Garrett heraufschossen. Damit war die Nacht vorüber, und mein Vater steckte sich, den Tag eröffnend, eine Zigarette an, Magst du auch? Er hielt ihr die Packung hin, sie hatte ja nachts schon probiert, nur die Krümel an der Zunge mochte sie nicht, das Beste an den Filterlosen, das locker Gestopfte, für ihn lebte da etwas im Glimmstengel, für sie offenbar nicht. Sie wollte keine rauchen, verfolgte aber genau, wie er rauchte, wie sein Mund, kaum geöffnet, helle Spiralen entließ, Gebilde wie Botschaften, die sie zu lesen versuchte, in ihrem Gesicht kaum etwas Müdes, nur leichter Glanz in den Augen, auch leichter Glanz auf Stirn und Nase, ein feiner Schutzfilm. Nach dem Rauchen nahm er ihre Hand, das war ganz einfach, logisch, Zigarette gegen Hand, und so saßen sie eine Weile und schlummerten nun wirklich etwas, jedenfalls erzählte sie danach von einem Bild, das man sich schwerlich ausdenken kann, daß sie mit ihm zusammen auf einem riesigen Kamel gesessen haben, so riesig, daß sie nicht einmal mit Leitern hätten absteigen können, während er keinerlei Versuch unternahm, irgend etwas mit ihrer Hand anzustellen, er hielt sie nur, was ja eine Frau bis in den Schlaf oder Schlummer hinein mit Vertrauen erfüllt, ein Schlaf oder Schlummer, den für ihn weder die Sonne beendete noch der einsetzende Baulärm - Preßlufthämmer im Auftrag Europas, das Lissabon zu erhalten bereit war -, sondern der Geruch aus dem Café Bénard unterhalb des winzigen Balkons vor der Fenstertür, eines Stückchens Lissabon, das noch Kraft besaß, sich selbst zu erhalten. Er löste ihre Hand aus seiner, stemmte sich aus dem Sessel und verließ auf Zehenspitzen das Zimmer. Mein Vater hatte Hunger, Hunger auf Toast mit Schinken und Käse, dazu starken Kaffee, danach noch etwas Süßes und wieder Kaffee, aber er hatte auch Hunger auf Liebe, besser gesagt, Appetit auf dieses Wort, Ich liebe dich wollte er sagen, zehnmal am Tag, wenn es sein mußte, bis sie damit infiziert wäre, ihrerseits Ich liebe dich sagte, zuerst auf englisch, wie zur Probe, dann auf deutsch, nur nicht zu oft, zweimal täglich würde genügen, morgens und abends, wie nebenbei, so mochte er es, so machte er es selbst schon immer, He, du, ich liebe dich, beim Aufspringen auf eine Straßenbahn, auf die berühmte Achtundzwanzig, Richtung Alfama, aber noch war es nicht soweit, noch saß Hayat Feddouli abwartend und genügsam im komfortabelsten Eckzimmer des ansonsten wenig komfortablen Hotel Borges, während er nur einen Steinwurf weiter seinen Schinken-Käse-Toast aß, schwarzen Kaffee mit drei Löffeln Zucker trank und eine Art Notfallplan für den Tag machte. Er würde zum Friseur gehen, das erstemal nach mehr als drei Jahrzehnten, sich Haar und Bart schneiden lassen, ihr dann etwas zum Anziehen kaufen und so, verwandelt und mit Geschenken im Arm, einfach auf ihre Neugier warten. Als er ins Zimmer zurückkam, hatte sie die Toilette benützt - er sah es am Papier - und geduscht, mit nassem Haar saß sie auf der Bettkante und kämmte sich, die Hose noch auf. Er hatte ihr Tee mitgebracht, in einem Pappbecher, dazu eine Cremeschnitte, mit Serviette, und sie bedankte sich artig, rief ihm Merci ins Bad nach, und er darauf I love you, erster kleiner Vorstoß, auf den sie schon gut reagierte, mit einer Frage nämlich, ob er sicher sei, und da zeigte sich mein Vater im Türrahmen, achselzuckend und lächelnd, aber so lächelnd, als läge es in ihrer Hand, wie sicher er sei oder sein könnte. Hayat Feddouli senkte den Blick vor diesem Lächeln und dankte noch einmal, offiziell sozusagen, für Tee und Schnitte und ließ beides stehen; die Sidi-Harazem-Flasche in ihrem Arm war immer noch viertelvoll, das reiche bis zum Abend, und von ihm nur kurzes Nicken, Annahme der Kraftprobe, wenn es das war. Natürlich konnte sie im Zimmer bleiben, solange sie wollte, tun, als hätten sie gar keine Reise gemacht, Okay, sagte er, I see you, und sie bat noch um etwas, ob er ihr eine Nagelschere besorgen könnte, und da hätte er fast in die Hände geklatscht, sich selbst applaudiert, eine Nagelschere, die benötigte man, wenn Zeit im Spiel war, die Zeit zum Wachsen der Nägel, oder aus Angst, sie könnte ihn kratzen, Schultern und Rücken zerkratzen, bei einer Sache, die sie nicht einschätzen konnte, vielleicht für so mächtig hielt, daß es besser wäre, vorher die Nägel zu kürzen. Er hatte also ein Programm, zuerst der Friseur, dann etwas zum Anziehen für sie, als Überraschung, und schließlich die Nagelschere. Der Friseur war schnell gefunden, schräg gegenüber vom Brasileira, seinem Frühstückscafé, war ein Geschäft, dort trat er ein und sah einen Greis, der einem anderen Greis das wattige Haar schnitt, Härchen für Härchen, und als er schon auf eine Reihe roter Wartestühle zuging, tauchte ein zweiter Greisenfriseur auf, mit ernster Miene wie sein Kollege, und mein Vater erklärte ihm, ein Streichholz hochhaltend, daß er sein Haar, weit in den Nacken fallend, nur noch streichholzlang wollte, und der weißgraue Bart sollte ganz ab. Damit war alles gesagt, er setzte sich und war gespannt, gespannt auf die Überraschung im Spiegel, aber der greise Friseur bestand darauf, daß er nicht etwa die Augen schloß, sondern verfolgte, was da mit quietschender Schere geschah. Mein Vater nickte also nach jedem größeren Schnitt, während neben ihm in einem fort getuschelt wurde, der andere Friseur mit dem Greis auf dem Stuhl Geheimnisse austauschte, ein Männerreich war dieser Salon, eins der Erinnerungen an männliche Stunden, vielleicht auch schon die Vorbereitung auf das Finale, ein letzter Haarschnitt, eine letzte Rasur, falls einen der Tod im Schlaf holte. In ganzen Büscheln fiel jetzt sein Haar, wie eine Entlaubung, der Friseur war mutig geworden, griff zu und schnitt, schon gab es nichts mehr zu wühlen im Nacken, war er nicht mehr der alte, ewig junge Schmachbereiter für jeden, dem das Haar ausfiel, wie lange hatte er seinen Nacken, ja seine Ohren nicht mehr gesehen. Und dann wurde der Stuhl nach hinten gekippt, er lag nun schräg, Augen geschlossen, und spürte den Pinsel am Kinn, naß und warm, als kniete sie schon über ihm. Ganze Minuten zog sich das Einseifen hin, zwei Finger hielten ihm die Nase zu, dann endlich der erste Schnitt, mit dem Wuchs, nicht dagegen, quer über die Wange zum Kinn. Sie schien den halben Vormittag zu dauern, diese Handrasur mit blinkendem Messer, immer wieder sollte er sich selbst vom Erfolg überzeugen, sehen, wie mehr und mehr Gesicht hervorkam, und jedesmal glaubte er, ein Jahr jünger geworden zu sein, zehn insgesamt, am Ende noch ein Prüfen mit der Daumenkuppe, ein sachtes Nachrasieren, Tupfen und Pudern, bis die Wandlung perfekt war. Als Vierzigjähriger oder knapp darüber verließ mein Vater den Salon und ging ins nächste Damenbekleidungsgeschäft in der Rua Garrett, und drei junge Frauen, am Rande des Kicherns, versuchten, seine Wünsche zu ermitteln. Er wußte nicht genau, was er suchte, vielleicht irgendein Trikot, eher bieder, aber knapp, um eine Wirkung ins Gegenteil zu erzielen, und er zeigte auf etwas, das eine der Puppen im Schaufenster trug, und berührte die Puppe, worauf sie loskicherten, die drei, und ihm etwas Ähnliches zeigten, mit dünnen Trägern, in der Farbe dunklen Flieders, das nahm er. Dann in die nächste Apotheke, wo er sich Nagelscheren hinlegen ließ, kleine und große, mit und ohne Etui, und die teuerste kaufte; und zu guter Letzt eine Rose vom Rosenverkäufer vor der Basilika zu den zwei Märtyrern. Er hatte an alles gedacht, daher zur Belohnung Kaffee und Plätzchen in der Pastelleria Bénard, wo er auch vorsichtshalber die Toilette benützte. Er dachte wirklich an alles, sogar an einen Spaziergang vor der Rückkehr ins Hotel. Mit neuer Frisur, neuem Gesicht, dazu einem verlangten und einem unverlangtem Mitbringsel, plus Blumen, trat er am frühen Nachmittag ins Zimmer und fand seine Entführte schlafend auf ihrem Bett, offenbar wollte sie Kraft sammeln. Er legte die Sachen ab, nahm sich einen Stuhl und betrachtete sie. Ihr Nabel lag frei, ein klarer unverknorpelter Ring, weiteres Glied in einer Kette von Argumenten für einen ausgedehnteren Seitensprung oder was er sich vorstellte. Sie suchte seine Hand, den Mittelfinger, Augen immer noch zu, Where have you been?, eine Frage, kein Vorwurf, und er erzählte von seinem kleinen Spaziergang, die Rua do Alecrim hinunter bis zum Cais do Sodré, der schon gar nicht mehr auf allen Stadtplänen auftaucht, nur das behielt er für sich, mit einem Parkplatz, wo einst am Rande des Schlicks ein paar Schirme mit Tischen standen, Tee aus Bechern im Möwengekreisch, Abendsonne über dem Wasser, Bläschen im Schlamm, kleine Krabbelviecher, dazu Musik aus der Bude, Chuck Berry, Janis Joplin, und dann weiter am Tejo entlang, das erzählte er wieder, bis zum Cais das Colunas, wie soll man den beschreiben?, so eine ausgetretene, von zwei Säulen mit Löwenköpfen flankierte halbrunde Mole, alt wie die Stadt oder älter, Platz der Verliebten und Angler im Trüben, unbezahlbar, habe er immer gedacht, ein schwarzes Juwel, inzwischen einer Aufschüttung gewichen, unterspült von Einbrüchen, braunen Rinnen, in denen sich letzte Fische wälzten, von keinem Angler behelligt, und von dieser Mole, die er noch einmal beschwor, ging sein Weg durch die Unterstadt, so erzählte er es, vorbei an McDonald's, man kann's nicht ändern, bis zum Rossio-Platz und von dort, linkerhand, wieder bergan, zurück ins Bairro Alto, wie es immer noch hieß oder heißt. And did you like it, fragte sie, und nun kam er damit, wie er es fand, Alles, was hier noch verbotenen Charme hat, das zerstören sie, das machen sie weg mit europäischer Hilfe, und sie wollte wissen, was verbotener Charme sei, denn das hatte er gleich übersetzt - forbidden charm or grace -, und er erklärte es ihr, verbotener Charme, das seien die letzten Blinden, die noch auf Hockern in der Rua Augusta säßen, mit abgedrehten Augen und ewigem Grinsen, in der Hand ein Triangel, spielend und singend, auf dem Schoß eine genormte schwarze Büchse, eckig, für die Almosen, eine Art staatlich genehmigtes Bettelzubehör, von dem etwas anderes, nicht Genehmigtes ausgehe, sobald es geschüttelt würde, eben verbotener Charme, wie ihn auch der Triangel habe oder all die Dinge, die bei Ebbe sichtbar würden, als zeige sich die Seele des Tejo. So ungefähr erklärte er es, jetzt schon auf der Bettkante sitzend, die eine Hand aufgestützt neben ihrem Hals, und da sagte Hayat Feddouli, sie wollte gar nicht mehr in die Stadt, ihr genüge dieses Zimmer, seine Nähe, und jetzt erst, nach vielen Minuten, als sie endlich die Augen aufmachte, sah sie die kurzen Haare an ihm, das freie Gesicht, seine Verjüngung, wie von ihr bewirkt, und streckte die Hände danach. Er aber nahm ihre Hände und legte sie sich auf den Mund, es war Zeit für die Mitbringsel, und sie sah das Trikot, die Schere, die Rosen, Pourquoi, Frage, die keine war, sie wußte oder spürte warum, und er wagte sich an ihren Mundwinkel, während von unten Geklapper kam, Münzen in der Blindenbüchse, stur geschüttelt, dazu dünner Gesang, und vielleicht spitzte sie deshalb die Lippen, für einen Moment - Anspielung auf etwas, das zu vollenden sie ihm freistellte -, einen Moment, den er nutzte, aber nicht ausnutzte. Mein Vater nahm nur ihre Lippen zwischen seine, steckte sozusagen das künftige Kußrevier ab, von dort sollte der Funken ausgehen, in einer Art Selbstentzündung, und schon geschah auch etwas in der Richtung, etwas mit ihrem Mund, wie das Knabbern des Fisches am Köder, dazu ein feiner Ton aus ihrer Nasenhöhle, und erst nach diesem Ton schob er seine Zunge gegen ihre Zunge, und das Schwierigste war getan, alles übrige ergäbe sich, das wußte mein Vater; ein erster Kuß dagegen ergab sich nie, enorme wortlose Absprachen gingen ersten Küssen voraus, geringste Fehler rächten sich, ein vorschnelles Schließen der Augen, Wölben der Lippen, und schon glitt der andere Kopf weg, oder eine Zigarette okkupierte den Mund. Und wo er noch gewesen sei, fragte sie, kaum daß sie Luft bekam, und dieses Noch ließ ihn auflachen. Wo war er noch? Ach, er hatte noch einen Abstecher in die magischste aller Treppengassen gemacht, nicht wahr, die Beco de S
ão Luís da Pena, die von einer Anhöhe inmitten der Unterstadt in Windungen hinunterführte, mit einer alten Mauer auf der einen Seite und schiefen Häusern auf der anderen und einer plötzlich über einem Dachbalkon auftauchenden gewaltigen Palme, aber die Mauer war frisch gestrichen, in einem fröhlichen Pink, und die Häuser wirkten nicht ganz so schief wie bei seinem letzten Besuch, als seien sie begradigt worden mit europäischem Geld und deutschem Know-how, fehlte nur, daß auch alle Anwohner noch begradigt würden, von außen und innen, das mochte er gedacht haben, mein Vater, schwer enttäuscht von der Beco de Sã o Luís da Pena, auf der ihm noch nie jemand begegnet war, auch dieses Mal nicht, und trotzdem war sie dort verschwunden, die alte Magie, dort oder in ihm oder in mir, der ich von diesem Abstecher erzähle, von dem ich gar nicht erzählen wollte, ich war beim ersten Küssen zwischen meinem Vater und Hayat Feddouli, eher unscheinbar, nur um Stimmung zu machen, Stimmung für den zweiten, dann ganz und gar packenden Kuß, und springe nun zu dem, was nach diesem ersten Küssen und dem Lamento über Lissabon kam, da legte er sich neben sie und tauschte die Blumen, das Leibchen, die Nagelschere, seine kleinen Geschenke, für je ein Kleidungsstück, ihre Hose, ihr T-Shirt, den Büstenhalter, und so war sie auf einmal nackt, lag ruhig und nackt in seinen Armen, was er schon wieder nicht ausnutzte, jedenfalls nicht im landläufigen Sinne, sondern nur auf eine versteckte, verbotene Weise, eine, die geächtet werden sollte, wie gewisse Waffen, indem er ihr nämlich, während sie so nackt in seinen Armen lag, eine Geschichte erzählte, statt ihr zwischen die Beine zu fassen, die Geschichte von einem Reisenden und einer kleinen Spinne, die wieder und wieder in seinem Gepäck aufgetaucht war, bis er sie nicht mehr vor seinen Hotelzimmerfenstern aussetzte, sondern mit Milch versorgte und, gebettet in seine Unterwäsche, in die nächste Stadt mitnahm, um ihr von Stadt zu Stadt etwas beizubringen, zunächst das Sprechen und das Ihn-Streicheln mit ihren Beinchen, schließlich das Schachspielen, eine Geschichte mit unglücklichem Ende, verursacht durch ein Zimmermädchen, aber das war seine Absicht, etwas Kontrapunktisches zu erzählen, dem wiederum sie etwas entgegensetzen mußte, was sie auch tat, sie schlang nämlich beide Arme um seinen von Haaren befreiten Nacken, grub ihre Nägel in die helle, seit fünfunddreißig Jahren von keiner Sonne erreichte Haut, eine neue, verbesserte Ausgangslage. Und nun endlich der zweite - oder erste richtige -, zupackende Kuß, ohne Kopfzerbrechen, nur noch mit Herzklopfen, einem Überschnappen, das irgendwann nachläßt, wenn man vor lauter Erfüllung schon nichts mehr anzustellen weiß mit der Zunge, ja sie verstohlen zurückzieht, in den eigenen Mund, erster Rückzug gleich am Anfang, so, wie das Sterben bei der Geburt beginnt, das Überschnappen weicht einem Schnappen meist nach der Unterlippe, und man fragt sich, ob aus Sorge oder Neugier, was der Beteiligte wohl denkt und empfindet, nur mein Vater fragte sich das nicht, ihn beschäftigte etwas ganz anderes, Er steht mir, sagte er auf deutsch und englisch, und irgendwie verstand sie diesen so kurzen und merkwürdigen Satz und lachte, und er küßte die Mulden hinter ihren Ohrläppchen, wo einzelne noch nasse Haare klebten, und auch gleich den Nacken, aber nicht mehr, nur noch ihre Hand, die er hielt, er war ein zärtliches Schwein in diesem Moment, mein Vater, so muß man es sagen, dem Moment, in dem für ihr Gefühl das in Aussicht gestellte gemeinsame Leben mit ihm begann. Ob er gar keinen Hunger habe, fragte sie ihn, vermutlich weil sie Hunger hatte, und mein Vater erwähnte sein kleines Mittagessen, aber verlegte es an den Ort, der in Lissabon, glaubte man seinem Führer, für ein kleines Mittagessen einzig und allein in Frage kam, nämlich der Largo de Santo Antoninho vor dem unteren Ende der Bica-Drahtseilbahn mit ihren zwei zierlichen Holzkabinen, auf den innenhofartigen Platz mit einem rußdunklen Sardinengrill unter Bäumen und den alten Häusern ringsherum, aus denen in der stillen Mittagsstunde manchmal eine schwarzgekleidete junge Frau mit frisch gewaschenem, noch tropfendem Haar heruntersah, etwa wenn die Kabine schräg zum Platz vorbeischnaufte, heruntersah auf den Largo de Santo Antoninho, magisch, ganz ohne Frage, gleichgültig, welchen Weg Europa jetzt nahm, und doch erzählte er nicht von der Frau mit dem tropfenden Haar, er erzählte von den Sardinen, wie frisch sie gewesen seien, und auf einmal hielt er ihren Kopf in den Händen, hielt ihn wie ein warmes Tier, und das für den Rest des Nachmittags, während beide auf der Seite lagen, einander zugewandt, so, wie es sein sollte, und das Licht im Zimmer abnahm; der gehörte ihm also schon, ihr Kopf, und sie mochte das offenbar, wenn er ihn so in den Händen hielt, was ja auch lästig sein konnte oder herabsetzend, doch hielt sie ganz still, ich will nicht sagen andächtig still, aber mehr als ruhig, sich schon übend im Stillhalten, wer weiß, als sage ihr ein Instinkt, daß sie im Begriff war, sein Opfer zu werden, während er, mein Vater - ich vergesse das gern, besser, es manchmal zu sagen -, während er nach und nach ein Knie zwischen ihren Schenkeln plazierte und es dort ließ, bis sie in Schlaf fiel, obwohl sie doch erst geschlafen hatte. Wie kleine Kinder oder alte Leute war sie von einem Augenblick zum anderen eingeschlafen, immer noch den Kopf zwischen seinen Händen, und nun gehörte ihm auch ihr Schlaf, wie ihm mein Schlaf gehört hatte, mein Schlaf und meine Träume. Es war eine langsame, unmerkliche Inbesitznahme, wie die von Land, das im Laufe der Zeit einer einzigen Familie zufällt, die irgendwann angefangen hat, es zu bearbeiten, und ein Wort dafür einführte, das alle Landlosen übernahmen. Mein Vater bearbeitete Hayat Feddouli, ohne daß sie davon etwas merkte, er streichelte sie in den Schlaf und sprach ihr Dinge ins Ohr, wie er mir Dinge ins Ohr gesprochen hatte, aber sie hörte das alles kaum oder verstand es nicht, und doch drang es in sie ein, sein Gemurmel, wie sich Weihnachtslieder in uns festfressen, heimlich, um Jahrzehnte zu schlummern und eines Tages an uns zu nagen, sie merkte nur, daß es ihr guttat, gestreichelt zu werden und nah am Ohr all diese Wörter zu hören, und er merkte nur ihr Einverständnis mit allem, ihr schlichtes Ja, wie ein Stimmzettelkreuzchen. Und natürlich wachten sie auch gemeinsam auf und sahen einander verwundert an, genau wie Verliebte, (...)
[und mein Vater erfand für sie einen Traum, aus dem er gerade angeblich erwacht war, sie würde seinen Bauch küssen, habe er geträumt, seinen Bauch, und schon knöpfte sie ihm den Pyjama auf und küßte seinen Bauch und gleich auch die benachbarten Hüften, während er den Rest seiner Kleidung loswurde,]
und nun hätten sie sich eigentlich lieben können, aber er hatte Geduld, die Geduld des Profis, er unternahm nichts, mein junger Vater. Im Bund mit der Zeit lag er in ihrem Arm und erzählte - wichtig, er jetzt in ihrem Arm, wie dessen bedürftig -, erzählte wieder von der Stadt, bis sie doch einen Gang machen wollte, ihn fast hochziehen mußte, Come on, das war der Trick. Und natürlich ging's mit der Achtundzwanzig Richtung Alfama und dort dann, Hand in Hand, durch das abschüssige Häusergewirr, ach, wie ihr das gefiel, die Gassen und Treppen und das helle Gehämmer aus kleinen Werkstätten wie in der Medina, dazu die fremde Musik und Blicke aufs Wasser, anders als bei ihr zu Hause, und seine Nähe, das ganz und gar andere, ihre Zukunft, nicht das Geringste unternahm er vor diesem einen vollkommenen Lissabon-Gang, auf den er es seit Tagen angelegt hatte, und auch danach, im Bett, kam nur sein Arm, sein Atem, die gezielte Zurückhaltung, erst in der vierten Nacht - wenn ich richtig gerechnet habe - legte er plötzlich ihre Beine auseinander. Ein schwacher Druck seiner Hände, und das eine Knie und das andere Knie klappten zur Seite, während ihr Blick zu ihm ging, das war stark, daß sie ihn ansah und nicht etwa zur Decke starrte, verfolgte, wie sein Mund und ihr Geschlecht zusammenkamen. Er küßte sie zwischen den Beinen, und augenblicklich war sie bereit, mit ihm zu schlafen, gleichgültig, wie schmerzhaft oder freudvoll es wäre. Ohne Gefühl für sein Festlegen ihres Jetzt, ließ sie sich von ihm zur Frau machen, mit sofortiger Wirkung, We are fucking now, sagte er in friedlichem Ton, und beide genossen diesen Sieg über nichts, ja, sie genoß sogar das Wort dazu, das kannte sie, wie alle es kennen, weltweit, den hellsten Stern am Himmel der dunklen Wörter, Silbe, in der sich Morgen und Abend trafen, und nun füllte er diese Silbe mit Leben, sich über ihr abstützend und dabei nah am Gesicht, er atmete ihren Atem, mein Vater, den Geruch von Tränen, Blut und Puder, aber auch nach ihm selbst, wenn sie seinen Namen ausstieß oder er ihn herauszuholen vermochte aus ihr, wie er ihn zuerst aus meiner künftigen Mutter herausgeholt hatte, Via Fratelli Bandiera, als sechzehnjähriges Kind; ein Alles-Herausholen, seinerseits, bis es getan war, so gut, daß ihn danach eine umfassende Güte befiel, die umfassende Güte, die einen befällt, wenn das Lieben und Leben geklappt hat, man allen verzeiht, sogar sich selbst in seiner Sterblichkeit. Mein Vater war stolz, in seinem Arm lag eine neue, vollkommene Hayat Feddouli, bebend am ganzen, schweißnassen Körper, eine Frau - neunzehn oder etwas mehr, er hatte nie so recht gefragt -, die ihm schließlich am Morgen des fünften Tages auf deutsch und fast ohne Akzent Ich liebe dich sagte, selbstverständlich in der Hoffnung, das auch von ihm zu hören, aber so im Präsens wollte er lieber nicht lieben, er wollte sie am besten geliebt haben, seine schöne Berberin, wollte gewissermaßen auf sie zurückschauen, auch wenn sie noch bei ihm war, doch nach einer weiteren Nacht mit weiteren Küssen, die Kuß für Kuß etwas von ihrem Leben nahmen und seinem Leben hinzufügten, kam es auf einmal doch aus seinem Mund Ich liebe dich, verstehst du?, mit dieser kleinen, nachdenklich machenden Einschränkung, aber gesagt war gesagt, und natürlich wäre sie nie auf den Gedanken gekommen, daß es für ihn, nach all den Küssen, mehr Mühe gemacht hätte, es nicht zu sagen, ein schlechtes Licht hätte das auf ihn geworfen, denn er war ja keiner, den schöne Frauen in Verlegenheit brachten, im Gegenteil, er baute sich vor ihnen auf, ein mannshoher Spiegel, und läutete durch Geständnisse ihren Niedergang ein, Ich liebe dich, verstehst du, sagte er also und erzeugte damit eine Art Welle, auf der sie und er tagelang trieben, sie jedoch immer ein Stück vor ihm hergeschwemmt, jene Strecke zwischen dem, der mehr, und dem, der weniger liebt, bis ihm das nicht mehr geheuer war, meinem Vater, dieses Umherschwimmen auf Liebe; noch hatte er Grund unter den Füßen, aber früher oder später würde es sich verschieben, ihr Alter und seins, sie könnte dann stehen, er würde treiben, um sie herum, sozusagen der sein, der hinterherliebt, und das langsame Ausschaben ihrer Geschichte begann. Er wiederholte die ersten Wege mit ihr, mittags durch die Alfama, abends durch die Unterstadt, vorbei an den Blinden, er wiederholte seine kleinen Geschichten und später, im Zimmer, was sie zum Zittern, ja Weinen gebracht hatte, er sagte die immer gleichen Sätze und sagte auch noch, er sage die immer gleichen Sätze, und in der letzten Nacht neben ihr - sie hielt ihn für krank - weinte er sogar selbst etwas, wie alle Schäbigen weinen, wenn ihnen nichts anderes mehr einfällt, sie aber liebte ihn, als er so weinte, und ab da hat die Geschichte eine Lücke, denn von einer gewissen Stärke an ist Liebe größer als jedes Sprechen davon.
Schlaf jetzt, sagt er, als die Vögel längst pfeifen, sie aber schaut ihn an, bis er aufsteht. Ein schöner Tag, zartblauer Himmel, die Luft noch frisch. Sie frühstücken im Brasileira, kleine runde Kuchen mit warmem Pudding gefüllt, dazu der beste Kaffee der Stadt und ein Blick auf die Rua Garrett. Nach dem Frühstück, während sie rauchen, gibt er ihr einen Umschlag, darin ein Ticket Lissabon-Marrakesch one way, und sagt Ich kann nicht, I can't, und zieht sie dann fast vor die Tür, winkt einem Taxi und sagt wieder Ich kann nicht, I can't, und Hayat Feddouli erstarrt von einem Moment zum anderen. Eine Hand halb erhoben, letzter Versuch vielleicht, ihn zu halten oder auch nur zu begreifen, steht sie unbewegt da, und er sagt nochmals Ich kann nicht, I can't, und stammelt etwas von einem Kind, das auf ihn warte, und will sie, schon die Taxitür öffnend, noch einmal berühren zum Abschied, doch da ist sie schon so starr, daß er nur noch einsteigen kann, fliehen, während sie bleibt, wie sie verlassen wurde, Blick an die Stelle geheftet, an der das Taxi eben noch stand, vor den Treppen der Kirche Igreja do Loreto, die Hand auch weiter halb erhoben, bis die ersten auf sie aufmerksam werden, um sie herumgehen, sie beobachten, abwarten, ob sie sich etwa bewege, einen Fehler erlaube und einander respektvoll zunicken, als keinerlei Schwäche erkennbar wird, und der Stillsteherin erstes Geld vor die Füße legen, mehr und mehr Münzen, ja sogar Scheine im Laufe des Tages, und irgendwann, nach Anbruch der Dunkelheit, hebt sie mechanisch auf, was ihr zu gehören scheint, und tritt in ein neues Leben.


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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis der Frankfurter Verlagsanstalt sowie des Autors

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