Alleinreisende und Stillsteherinnen
Nicht Susi Gern. Sondern Suse Stein. Aber wie die jüngste Walser'sche Protagonistin versteht sich Frau Stein, eine Frankfurter Staatsanwältin, nicht nur auf Lebensläufe und ihre abschüssigen Bahnen, sondern selbstverständlich auch auf die Liebe. Ihr Held heisst Karl Faller, er ist der Ich-Erzähler des neuen Romans von Bodo Kirchhoff, und dessen Leser hat wie Suse Stein recht bald begriffen, dass Faller niemanden umgebracht hat, weder im Internat den schwulen Kantor noch die Stillsteherin auf dem Opernplatz, geschweige denn seine eigenen Eltern.
Faller ist kein Mörder - er redet einfach gern. Er ist ein Triebtäter, dabei aber ein guter Kerl. Sein Trieb ist die Sprache, und ihr bevorzugter Gegenstand wiederum er selbst, Karl Faller. Natürlich muss Frau Stein sich in den Mann verlieben, sonst hätte Faller, der für die Staatsanwältin partout nicht zum Fall wird, keine Zuhörerin; und auf die ist der Triebredner so sehr angewiesen wie der Sexualmörder auf das Sexualobjekt. Suse Stein opfert Freizeit, nimmt sich Urlaub, um dem Mann hinterherzufliegen, der viel von der Welt gesehen hat, wenn auch alles durch die Optik seines Vaters Kristian, eines Autors von "Stadtführern für Alleinreisende".
Dieses Label enthält eine deutliche Absage an die klassische Paarbeziehung, und das ist durchaus programmatisch gemeint. In den Fussstapfen seines kosmopolitischen altern Herrn reist Karl Faller am liebsten allein, um frei zu sein für die Liebe, die ihrer Natur nach doch Gefangenschaft ist. Darin liegt das Faller'sche Paradox, und der Junior tut nichts anderes, als zwanghaft die Liebschaften seines Erzeugers nachzubeten, nachzuleben, nachzuvollziehen, um im Vollzug die Flucht zu planen. Nur eine muss er vernünftigerweise auslassen: seine Mutter Kathi. Der Vater hat sie mit sechzehneinhalb auf einer Klassenfahrt nach Rom geschwängert. Dann zugunsten einer Dora, einer Irene und schliesslich irgendwelcher über die ganze Welt verstreuter Stillsteherinnen verlassen.
Die Differenz zwischen Faller senior und junior beträgt nur eine halbe Generationenspanne - darin liegt eine gewisse sozialpsychologische Pointe, aus der Kirchhoff aber kaum erzählerisches Kapital schlägt, etwa indem er den Wertewandel oder die Existenzbeschleunigung innerhalb einer kurzen Epoche am Beispiel von Vater und Sohn exemplifizierte. Denn abgesehen davon, dass Faller senior (Jahrgang 1947) ein "Linker" war, lizenziert mit den Stereotypen der studentenbewegten freien Liebe, präsentiert sich Faller junior (Jahrgang 1965) als pures Spiegelbild seines Erzeugers, als Hedonist, der bloss das politische Alibi abgeworfen hat wie ine überflüssig gewordene Hülse. Fast ist man versucht zu sagen, vom "geilen Humanismus" des Vaters sei allein die Geilheit übrig geblieben. Und natürlich der Weltschmerz. Karl Faller schreibt übrigens keine Reiseführer, sondern eine Krimiserie fürs Fernsehen.
Der Krimi-Plot in Kirchhoffs Roman ist Bluff. Zwar lässt der Autor seine Figuren sterben wie die Fliegen, aber eher durch höhere Gewalt als durch menschliche Nachhilfe. Suse Stein hat wenig zu recherchieren; gefragt ist ihre Neugier auf das Faller'sche Sexleben in anderthalb Generationen vor überwiegend exotischer Kulisse. Marrakesch, Lissabon, Buenos Aires, die Schauplätze sind exquisit gewählt und kenntnisreich beschrieben, ganz wie in einem melancholischen Reiseführer. Je entfernter die Orte, desto freier wird die Sprache; die Episode in einem einsamen Hotel in Buenos Aires, in der Faller und die Staatsanwältin einander näherkommen, gehört nicht nur zu den düstersten, sondern auch zu den schönsten des Romans. Wohl deswegen, weil durch diese Passage ein Hauch von Zärtlichkeit weht. Am Gardasee, scheint es, ist dergleichen kaum möglich. Da hagelt es Vorwürfe, Schläge und wütende nächtliche Beischlafszenen, von wach liegenden Kindern atemlos belauscht, deren Kindheit darob "getötet" wird.
"Parlando" sollte ein kosmopolitischer Liebesroman werden, ein gross angelegter Versuch über Liebe, Phantasie, Fiktion. Dieser ist letztlich aus zwei Gründen gescheitert: Einmal wird die dramaturgische Grundkonstellation zwischen Vater und Sohn, deren Konturen ineinander verschwimmen, nicht plausibel entfaltet. Zum anderen: Wenn der Titel "Parlando" eine Lizenz zum beiläufig-geschmeidigen Dahinplaudern darstellen soll, so ist doch dagegenzuhalten: Sorry, aber eine wirklich flüssige, süffige, gut wegzulesende Prosa ist dies nicht. Zu monoton kommen die Sätze daher, in den stets gleichen langatmigen parataktischen Perioden. Kein lateinamerikanischer Salsa-Rhythmus klingt in unseren Ohren, sondern das unermüdliche Klappern einer fleissigen deutschen Erzählmühle.
Dem Erzähler Kirchhoff wollte Gott schon immer rechte Gunst erweisen, indem er ihn in die weite Welt geschickt hat. All die schönen Frauen indes, denen der Protagonist unterwegs begegnet, erdulden in diesem Roman gewissermassen das Schicksal von Stillsteherinnen in den Metropolen der Welt, die gierig beäugt und schnell wieder verlassen werden. Denn der allein reisende Narziss, hat er erst einmal seinen Obolus entrichtet, geht eilig seiner Wege.
Martin Krumbholz
in: Neue Zürcher Zeitung, 01.09.2001.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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