Zum Schluss nur noch Liebe
Bodo Kirchhoff: "Wo das Meer beginnt"
Irgendwann einmal möchte man das Buch aus den Händen legen und etwas anderes lesen. Irgendwann geht die Sentimentalität zu weit, irgendwann erdrückt einen die Melancholie. Dann, exakt ab Seite 191, schreibt Bodo Kirchhoff nur noch über die Liebe - und fesselt den Leser bis zum Schluss.
Kirchhoff hat eine Geschichte geschrieben, wie sie wohl an jedem Tag irgendwo auf dieser Welt passiert. Die Gymnasiasten Viktor und Tizia, beide Mitglieder einer Theatergruppe, verkriechen sich nach der Probe für den "Sommernachtstraum" in den Keller des Schulgebäudes. Sie entdecken vorsichtig die Liebe und der Hausmeister entdeckt sie. Dies wiederum führt zu größten Diskussionen im Lehrerkollegium.
Kirchhoff beschreibt die Pädagogenrunde, vielleicht etwas zu umfangreich, mit all ihren Macken, Verlogenheiten und Selbstbetrug: Von der Cordes, Pirsich, der Stubenrauch, Blum und der Kressnitz.
Als Stenograft dieses endlosen Redestroms über Schuld und Sühne betätigt sich Viktors lebenskluger Lehrer Dr. Branzger, der ihm die Protokolle des schulischen Tribunals in privaten Lesestunden wie Häppchen serviert und dabei selbst nach und nach in seiner eigenen Liebesgeschichte versinkt.
Diesen Weg dahin, hin zu Seite 191, ebnet Kirchhoff teils mit nervigen Dialogen, die stets unter dem Vorwand der Aufklärung daherkommen. Wer dies nicht mitgehen will, kapituliert - und verpasst den Höhepunkt. Denn schließlich erzählt Branzger von seiner Affäre mit Kollegin Kristine Kressnitz, und allein in diesem elfseitigen Kapitel offenbart sich Kirchhoff als Wissender um die Liebe, den damit verbundenen Schmerz und schließlich das Scheitern.
Bodo Kirchhoff führt den Spannungsbogen von der Realisierung erotischer Träume bis zum Tode Branzgers mit leichter Feder, bei ihm verdichten sich Eros und Wirklichkeit auf eine verblüffend einfache Weise. So auch in "Wo das Meer beginnt", einem Ort in Portugal, wo der südwestlichste Zipfel Europas im Wasser verschwindet.
Hierhin hat es Jahre später Viktor verschlagen, der für ein deutsches Kulturinstitut einen Abend mit dem Titel "Das traurige Ich" vorbereitet. Engagiert hat er dafür Tizia, die, inzwischen Schauspielerin, nicht weiß, wer sie engagiert hat. Als sie in Lissabon ankommt, wartet Viktor in einer Kneipe auf sie. Das Ende lässt Bodo Kirchhoff offen. So gerne hätte man diese wunderbare Liebesgeschichte weitergelesen.
Jörg Palitzsch
in:Bietigheimer Zeitung, 30.10.2004.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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