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Branzger, ein Pseudonym. Ein Mann unter diesem Namen, der Ferngespräche führt mit einer Frau, der seinen Nachbarn im Auge hat, zu Huren geht, Roulette spielt, Body-building treibt, in einer unerledigten Geschichte nachliest, von psychologischen Artikeln lebt, sich im Telefonbuch als Exzentriker ausgibt - und immer wieder Opfer von bestimmten Wünschen wird.
Vom Balkon aus entdeckt Branzger eines Tages, daß sein Nachbar tot ist, und verfolgt von da an die Verwesung der Leiche. Und noch ein Zufall kommt ins Spiel: Branzger trifft auf das scheinbar vollkommene Objekt seines Begehrens. Eine Frau, die gerade einen Brief aufgibt nach Salò in Oberitalien - und sein Phantasma erhält einen Namen. Ein Zeichen, dem er folgt; eine Bestimmung, die sich nach und nach verschiebt ...
Ohne Eifer, ohne Zorn umschreibt bedeutungslose Vorgänge. Den buchstäblichen Redefluß, dem das Subjekt ausgesetzt bleibt. Zum Beispiel Branzger, dessen unmögliches Eigentliches in der Novelle bedeutungs-voll nach-erzählt ist. Kirchhoff schreibt konkret, knapp, anschaulich, in kurzen Szenen. Ein komisch ekelhafter Text über einen nicht angenehmen Zeitgenossen.
Taschenbuchausgabe

Erste Auflage 1986
suhrkamp taschenbuch 1301
ISBN 3-518-37801-5
Ein Debüt zum Fürchten.
DIE ZEIT
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P u b l i k a t i o n e n
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Ohne Eifer, ohne Zorn
Novelle
1. Auflage 1979
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1979
99 Seiten
ISBN 3-518-03430-8
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Leseprobe
Ein quadratischer Raum, verstellt mit Abgelegtem. Dazwischen ein Sofa, ein Tisch, ein Sessel und ein Telefon. Außerdem ein Waschbecken mit Spiegel, Kochgelegenheit und Kühlschrank, ein Fernsehgerät sowie Fenster und zwei Türen; eine zum Balkon, eine auf den Korridor.
In dem Sessel, vor dem Tisch, leicht zusammengesunken, Branzger, der Beschriebene und andererseits der Schreibende - von hinten. Unter seinen Augen, auf dem Tisch, vermutlich Texte.
Er sitzt da und spricht. Dreht sich nun ein Stückchen, und man sieht, was ihn beschäftigt: Während er telefoniert, hebt er mit einem grünen Bleistiftstummel auf losen Blättern Worte hervor, setzt Klammern oder macht durch Fragezeichen etwas fraglich.
Obwohl er abgewendet spricht, hört man ihn gut (gesetzt den Fall, man würde alles, was passiert, verfolgen können!). Seine Stimme klingt zufrieden. Manchmal streicht er sich das Haar.
O mein Gott, hat er soeben gesagt und bekommt zur Anwort: Was?
(kurzes Schweigen)
Gar nichts.
Ich hasse Ferngespräche.
Von wem redest du?
Ich rede immerzu von dir.
Was heißt hier ich?
Ich heißt ich.
Glaubst du.
(langes Schweigen)
Du hast deinen Satz nicht beendet.
Ich hätte Angst, habe ich gesagt, er könnte plötzlich sterben und nebenan verwesen.
Was heißt ich hätte?
Ich habe Angst.
Du bist ängstlich!
Er kann doch plötzlich sterben. Warum nicht mit Einundachtzig?
(kurzes Schweigen)
Ich hör auch nichts mehr von drüben.
Dann ist er verreist.
Er verreist nicht. Das weiß ich.
(kurzes Schweigen)
Arbeitest du?
An der alten Geschichte.
Immer noch?
Immer noch.
Mach lieber was Neues.
Was anderes höchstens.
Einen Roman!
Du, es gibt keinen Grund.
Was heißt das?
Ich habe keinen Grund.
Dann wenigsten eine kurze Geschichte. Oder hast du keine Ideen?
Doch. Ich hab eine Idee. Willst du sie hören? Ich erzähl sie dir. Einem blind gewordenen Dilettanten erfüllen Angehörige und Freunde den Lebenswunsch, Bedeutung zu erlangen. Man redet ihm ein, daß seine Schriften mit einem Male Anerkennung finden, und er glaubt alles begierig. So begierig, daß es kein Zurück mehr gibt: Sein Glück wird grenzenlos!
Wie gefällt dir das?
Schreib was Lesbares.
Mir gefällt die Idee.
Schreib nur noch Überschriften.
Das kann ich alleine entscheiden.
Leck dich doch selber.
(langes Schweigen)
Ich häng jetzt auf.
Gehts dir gut?
Im großen und ganzen.
(kurzes Schweigen)
Wolltest du nicht aufhängen?
Gleich.
(kurzes Schweigen)
Jetzt!
Und Branzger hängt auf und vertieft sich wieder. Sitzt da und unterstreicht; verdient den Lebensunterhalt als freier Mitarbeiter bei verschiedenen Fachzeitschriften. Meistens blasse, psychologische Artikel, ohne Eigenwilligkeit. Unter seinem Pseudonym: Branzger - so wie man es spricht.
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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