Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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Niemandstage der Verliebtheit




Niemandstage der Verliebtheit

Ein Lesebuch

Herausgegeben zusammen mit Ulrike Bauer und
mit einem Vorwort von Bodo Kirchhoff
1. Auflage 1989
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1989
260 Seiten
ISBN 3-518-38124-5

Leseprobe

Vorwort

Ich kenne Sätze, die ich für mich behalte wie ein Geheimnis, und solche, die ich weitergebe wie ein Geschenk. Ehe ich Bücher kannte, kannte ich halbe oder ganze Seiten; sie waren mein Zugang zur Literatur.
Was wäre ein Buch ohne Stellen?
Es gibt »gute Stellen«, »schöne Stellen«, »gewisse Stellen«, »komische Stellen«, »traurige Stellen«, »brutale Stellen« und so fort (von »schlechten« wissen nur Kritiker zu berichten). Die meisten Stellen geben sich gleich zu erkennen, ihr Anfang und Ende ist klar; wer nach Texten Ausschau hält, die von Verliebtheit handeln, bekommt es fast nur mit den anderen, eher verdeckten zu tun.
Die Literatur steckt voller Liebesszenen - die Verliebtheit führt ein Dasein in Nebensätzen und zwischen den Zeilen. Selten enthüllt sie sich in einem Hauptsatz. Woran liegt das? Offenbar fällt es sehr schwer, das Verliebtsein zu erzählen. Es braucht Energie und ein gutes Gedächtnis. Bin ich verliebt, fehlt mir der Grund zum Schreiben, bin ich es nicht mehr, sind meine Erinnerungen zu vage. Als Verliebter fand ich kaum Worte für mein Glück und wollte es doch jedem mitteilen, redete selig drauf los und hielt mich schon für einen Liebenden - als der ich hätte schreiben können - und war doch weit davon entfernt, zu lieben. Alles verwechselte ich: Mich mit dem Anderen und den Anderen mit mir, die süßen Gefühle mit den tiefen, das Herzklopfen mit der Innigkeit; ja, es konnte mir passieren, das Gesicht, in das ich verliebt war, in einem belebten Café nicht zu erkennen.
Verliebte sind Liebende im Neugeborenenzustand, so hilflos in der Liebe, wie das kleine Kind, das lebt, ohne das Geringste vom Leben zu wissen. Alles Alltägliche ist ihnen neu. Jede Kleinigkeit kann zum Symbol werden. Nichts steht im Weg. Die ganze Welt scheint zugeschnitten auf die Schwebe der Verliebten: auf ihre Schwebe des Glücks mit dem Anderen, den sie kaum mehr als Anderen erleben, eher als Verlängerung ihrer selbst. Sie schwärmen von der Liebe, aber lieben nicht. Verliebte und Liebende trennen Welten, aber wer weiß das schon immer?
Die Schriftsteller ahnen es und erschrecken vor dieser Kluft. Jeder Brückenschlag führt über den Abgrund der Trivialität. Einige ziehen scih damit aus der Affäre, daß sie über Verliebtheit schreiben. Nur wenige haben ein so klares Gedächtnis, um Worte für den rauschhaften Anfang der Liebe zu finden, die uns nicht albern erscheinen, denen wir Vertrauen schenken, von denen wir Gebrauch machen können.

Für die Lektüre dieses Bandes gibt es zwei gute Gründe. Der Leser erfährt etwas von der Breite des meistbesungensten aller Gefühle, und er stößt auf große Literatur - auf Stellen, die oft viel unbekannter sind als ihre Autoren. Wer das Buch zur Hand nimmt, wird bald merken, daß der Ort der Verliebtheit immer wieder unter den Stimmungen zu finden ist; Zeit und Raum sind diesen Stimmungen untergeordnet. Tage mit dem Anderen bilden einen eigenen Kalender.
Die gesammelten Szenen und Auszüge sind vor allem Querschnitt durch einen seelischen Ausnahmezustand. Der vorliegende Band ist kein Querschnitt durch die einschlägige Literatur, er ist eine Komposition von Lieblingsstellen. Die Reihenfolge ist Geschmackssache. Entscheidend war, daß kein Text den anderen schmälert.
Was läßt sich von den Autoren sagen?
Schriftsteller, die von Verliebtheit erzählen, scheinen ein ebenso grenzenloses Vertrauen zu ihrer Sprache zu haben wie die Verliebten zu ihrem Gefühl. Sie gehen das Wagnis des Schwärmens ein. Sie übertreiben und liegen doch richtig. Sie verblüffen mit offenen Verstecken und sind Meister der Vereinfachung.Sie beschämen einen mit ihrer Kraft. Sie beschämen einen mit ihrer Genauigkeit. Sie beatmen die verengten Herzen. Sie wühlen auf und zerren ans Licht. Sie stiften an. Sie verwirren. Sie zwingen. Uns Leser machen sie neidisch und süchtig auf mehr.

»Niemandstage der Verliebtheit« ist der erste Band einer Sammlung von Texten, die vom Gang der Liebe erzählen. Dem hellen Schwärmen folgen die ewigen Sekunden der Lust, Tage, die zu Nächten werden, Nächte, die zu Tagen werden, während hinter dem Rücken schon langsam ein Alltag der Liebe einsetzt. Für die wenigsten bleibt es dabei, auf die meisten kommen noch zwei Akte zu: Trennung und Einsamkeit. In den Werken vieler Autoren - in den von Frauen geschriebenen besonders - sind dies die heftigsten Stadien der Liebe.
Die Sammlung beginnt mit Texten, die wir wie einen Beweis des Glücks lesen können, und schließt mit Texten, deren Stärke darin liegt, daß sie uns auch dort noch erfüllen, wo im wirklichen Leben nur mehr Verzweiflung herrscht, beim Ende der Liebe.

Bodo Kirchhoff

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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Suhrkamp Verlages sowie des Autors

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