Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


    home  news   werke   biographie   gespräche   sekundärliteratur   newsletter   gästebuch   dank  




[ zurück ]




R e z e n s i o n e n
zu »Lehrernacht«

Aus Karikaturen werden Menschen

Ekkehard Dennewitz bringt am Landestheater Tempo in Bodo Kirchhoffs „Lehrernacht“

Marburg. Wer keine Vorurteile über Lehrer hat, der mag die „Lehrernacht“ nicht komisch finden. Allen anderen sei der Besuch des Stücks empfohlen: Es macht deutlich mehr Spaß als die Lektüre der Romanvorlage.

Wie sie schon den Saal betreten, die Eine das Handy am Ohr, der Nächste noch das Fahrrad geschultert und der Dritte demonstrativ mit der Büchertüte in der Hand. Und nicht zuletzt das spießige alternative Pärchen, sie im Walle-Gewand und eingeflochtenen Zöpfchen im Haar, er raucht natürlich selbst Gedrehte.

Ein Panoptikum der Grausamkeiten aus dem imaginären Lehrerzimmer führt Ekkehard Dennewitz dem Publikum im Anfangsbild der „Lehrernacht“ vor.

Doch er erliegt nicht (immer) der Verführung, sich auf Kosten der Spezies Lehrer zu amüsieren. Aus den Karikaturen werden im Verlauf der 90 Minuten währenden Konferenz am Pfingstmontag im ausverkauften Theater am Schwanhof Menschen.

Neun Menschen sind in dem ungeheizten Besprechungsraum zusammengekommen, um über das
Schicksal des Schülers Viktor Leysen zu entscheiden. Er hatte nach einer Theaterprobe zu Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit seiner Mitschülerin Tizia im Keller der Schule privat „weitergeprobt“ - und soll sie dabei vergewaltigt haben. Die Schülerin soll sich ihrer Mutter anvertraut haben, die wiederum von einer Anzeige absehen will, wenn Viktor der Schule verwiesen wird.

"Lehrernacht" am Landestheater
Pirsich (Peter Meyer, von links) protokolliert, Heide Stubenrauch
(Christine Reinhardt), "Kongo"-Holger (Jürgen Helmut Keuchel
eine Zigarette drehend) und Sportlehrer Graf (Daniel Kuschewski)
debattieren. Foto: Landestheater.

So weit, so unklar. Da sitzen sie nun wie die zwölf Geschworenen, und keiner von ihnen ist ohne Makel. Angefangen beim piefigen Protokollanten Pirsich (Peter Meyer), dem das Fußballspiel im Fernsehen wichtiger ist als die Konferenz, bis zur betrogenen Ehefrau Marlies „KaZett“ Kahle-Zenk (hervorragend am Rande des Nervenzusammenbruchs: Antonia Schnauber), deren Gatte sich mit einer spanischen Referendarin vergnügt, während sie in der Schule friert.

Schnell wird klar, es geht um viel mehr als um den Schüler Leysen. Es geht um jeden einzelnen an dem langen Tisch, der als einziges Requisit dient - außer dem unvermeidlichen Teewagen und einem Fernseher mit Zimmerantenne.

Die Zuschauer - unter ihnen, den Strickpullundern nach zu urteilen, einige Lehrerkollegen - genießen vor allem die realsatirische Situationskomik. Da lenkt die Lust am Detail manchmal etwas vom Wesentlichen ab, so brüllend komisch Christine Reinhardt als Tee trinkende 70er-Jahre-Schranze und Gattin des Kette rauchenden „Kongo“-Holger (Jürgen Helmut Keuchel) auch ist.

Gegenüber Bodo Kirchhoffs Romanfassung des ursprünglichen Fernsehspiels „Die Konferenz“ hat Dennewitz aber erfreulich viel Tempo ins Geschehen gebracht. Direktorin Cornelia Cordes (resolut: Uta Eisold) hat die Kollegen im Griff, bis auf Dr. Roman „Romy“ Branzger (Thomas Streibig), der sich aus unklaren Gründen vehement für den Schüler einsetzt, sich aber stetig - auch räumlich - vom Kollegium distanziert.

Er sorgt wiederholt für Unruhe - und konstatiert das ständig wechselnde Abstimmungsverhalten der Kollegen. Das betrifft sowohl den Sportlehrer Graf (Daniel Kuschewski) und die Theatergruppenleiterin Sophie Kressnitz (Juliane Beier) als auch den Bonvivant Stern (Jochen Nötzelmann). Je länger die Konferenz andauert, desto mehr enthüllen die Lehrer sich als Menschen, denen es in Wahrheit auch um „Wahrheit, Liebe und Sex“ geht und nicht um die Äpfel in der Tupperdose. Von dem Moment an kann man leider nicht mehr sorglos in Lehrer-Vorurteilen schwelgen, sondern beginnt, die Menschen zu verstehen. Und das ist allemal ein schönes Ende.

Die „Lehrernacht“ läuft wieder am 27. Mai sowie am 7. und 19. Juni, jeweils ab 20 Uhr im TASCH.


Gabriele Neumann
in:
Oberhessische Presse, 18.05.2005.


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin
[ zurück ]











   impressum