Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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G e s p r ä c h e
Thomas Neuhauser: "Interview mit dem Schriftsteller und Drehbuchautor Bodo Kirchhoff"

"Interview mit dem Schriftsteller und Drehbuchautor Bodo Kirchhoff"



Herr Kirchhoff, alle Lehrer die im Film "Die Konferenz" am großen Tisch sitzen, um über die angebliche Vergewaltigung an der Schule zu sprechen, haben große Beschädigungen, Verletzungen, Frustrationen und Verdrängungen, die im Verlauf dieser Konferenz immer stärker hervorbrechen. Sind Lehrer für solche Beschädigungen besonders prädestiniert?

Ich glaube nicht, dass sie mehr prädestiniert sind als andere Menschen. Es ist nur so, dass Lehrer nicht ohne Grund diesen Beruf wählen. Es ist ein Beruf, wo man es überwiegend mit Menschen zu tun hat, die sich in einer eher schwächeren Position befinden. Lehrer haben natürlich da die Möglichkeit, ihre eigenen Schwächen eine gewisse Zeit zu verstecken. Andererseits sind sie in einer Situation, wo sie auch unter besonderem Stress stehen, besonderen Provokationen ausgesetzt sind und früher oder später brechen diese eigenen Schwächen dann auf. Das habe ich gezeigt.

Könnte es auch damit zusammenhängen, dass Lehrer immer mit der Jugend konfrontiert sind. Also auch Jugend immer wieder erleben und an ihre eigene Jugend denken müssen?

Lehrer sind häufig Menschen, die es schwer haben, Erwachsen zu werden, oder ihre eigene Jugend über die Arbeit an der Schule unendlich ausdehnen wollen, vieles dort vielleicht auch nachholen wollen, was ihnen in der Jugend missglückt ist. Manche gehen sogar auf die Schule, auf der sie selbst schon Schüler waren. Von daher gesehen, werden sie natürlich mit diesen Dingen besonders konfrontiert.

Ihr neuer Roman „Wo das Meer beginnt“ hat ja auch das Thema einer angeblichen Vergewaltigung an einem Gymnasium - setzt das also fort. Die Handlung ist aber wesentlich komplexer angelegt, verschiedene Zeitebenen und auch keine Einheit von Ort und Zeit. Wie verhalten sich Drehbuch und Roman zueinander?

Der Roman ist für mich die Möglichkeit, dass ich in jeder Hinsicht mein eigener Produzent bin. Dass ich genau das schreiben kann, was ich schreiben möchte, also erzählen kann, was ich erzählen will. Der Roman ist nicht die direkte Fortsetzung des Drehbuchs, das ist falsch. Ich habe nach dem Schreiben des Drehbuchs gemerkt, welche Figuren mich wirklich interessieren, nämlich dieser alte Lehrer, Dr. Branzger und sein Schüler, um den es ja eigentlich geht, und ich habe das dann fortgesetzt mit der größtmöglichen Freiheit. Also das Verhältnis ist eigentlich das der Zwänge, unter denen ein Drehbuch entsteht, nämlich sowohl diese 90 Minuten einzuhalten wie
auch gewissen Fernseherwartungen oder den Erwartungen des Mediums genüge zu tun, und den Spielräumen eines Romans, in dem man vollkommen frei ist, also bei dem ich mich jedenfalls sehr frei fühle.

Bei Ihren Drehbucharbeiten, ich denke z.B. auch an „Mein letzter Film“, haben Sie offenbar immer eine Vorliebe für Reduktion und Konzentration auf eine einfache narrative Struktur - oder sind das die erwähnten Zwänge des Fernsehens?

Nein. Gerade bei „Mein letzter Film“ habe ich die Möglichkeit gehabt, diesen Zwängen weitgehend zu entkommen. Das war, glaube ich, schon eine Ausnahme. Das ist uns auch in dem, was jetzt unter dem Titel „Die Konferenz“ läuft, in vielen Ansätzen gelungen, weil wir hier eine Situation haben, die eigentlich untypisch ist: Nämlich eine Einheit von Ort und Zeit, und die Beschränkung der Handlung auf einen Raum. Aber so vollkommen geglückt wie in „Mein letzter Film“ - das war sicher eine Ausnahme und ist nicht einfach wiederholbar.

Hatte eigentlich niemand bedenken, bei einer so starken Konzentration der Handlung nur auf diese Lehrer-Konferenz, ob man die Spannung auch über den ganzen Film halten kann ?

Also ich selber hatte da nie diese Bedenken. Ich glaube eher, das ist das einzig Interessante. Wissen Sie, das Fernsehen ist ja nicht Kino und Cinemascope und Action, sondern das Fernsehen zeigt Gesichter und das Fernsehen zeigt das Drama in den Gesichtern. Da ist es konkurrenzlos, da ist es wirklich gut, wenn es das zeigt. Insofern hatte ich das Gefühl, es ist fernsehgerecht, und wir haben da eine große Chance.

Ist es für Sie eigentlich nicht manchmal auch ein Schock, wenn Sie als Autor eine Figur, die zunächst nur in Ihrem Kopf Gestalt angenommen hat, plötzlich dann diese Figur auf dem Bildschirm sehen?


Ich tue mir das meistens kaum an. Sagen wir mal so, ich habe den Schock dadurch aufgefangen, in dem ich unmittelbar nach dem Drehbuch den Roman geschrieben habe. Der Roman war mehr oder weniger fertig als ich dann den Film sah. Dann akzeptiere ich das, oder kann es eher akzeptieren, dass das eine etwas andere Gestalt angenommen hat als die, die in meinem Kopf entstanden ist.

Also Sie leiden da nicht darunter?

Nein, nein. Ich glaube, das ist völlig ok. Das ist eben so. Das muss man aber wissen, wenn man so eine Arbeit macht. So hat sich z.B. jetzt in dem Film die Hauptfigur etwas verschoben. Ursprünglich ist es in dem Drehbuch so angelegt, dass der alte Lehrer Dr. Branzger eigentlich die Hauptfigur ist, der tragische Held, wenn Sie so wollen. Wie in „Die 12 Geschworenen“, wo es der Henry Fonda war. Jetzt hat sich das etwas verschoben, und die Direktorin – von Senta Berger verkörpert - ist mehr der dramaturgische Mittelpunkt.

Dafür ist Dr. Branzger – im Film von Peter Fitz beeindruckend dargestellt - in Ihrem Roman dann eindeutig die Hauptfigur.

Das ist richtig. Für mich war er das immer. Und aus diesem Grund habe ich auch anschließend den Roman geschrieben, weil er mich besonders interessiert hat.

Im Film „Die Konferenz“ heißt es mal „Niemand versteht so wenig von Liebe wie ein Gymnasiast“ und darauf antwortet Herr Dr. Branzger „Und niemanden fällt sie oft so leicht in den Schoß“. Sind das eigentlich alle von der Liebe desillusionierte Lehrer, die da zusammen gekommen sind?

Sagen wir mal, es sind Lehrer, die für sich selber mit diesem Thema weitgehend abgeschlossen haben. Wahrscheinlich auch vorschnell abgeschlossen haben. Menschen, die sich letzten Endes der Liebe nicht gewachsen fühlen. Ein Schüler weiß gar nicht, wie schwierig die Liebe ist, und stürzt sich einfach hinein. Das ist der große Unterschied.

Das Vorrecht der Jugend?

Das Vorrecht nicht. Es ist die natürliche Naivität der Jugend, die dann auch zu wunderbaren Erfahrungen führt, aber eben auch zu sehr schmerzlichen.

Bodo Kirchhoff, vielen Dank für das Gespräch.


Thomas Neuhauser / ARTE Deutschland
auf: www.arte-tv.com. 01/2005
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Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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