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Leseprobe
Das Thema »Schreiben und Narzißmus« stellt für jeden Autor eine einzige Falle dar. Je beredter er über seinen Gegenstand spricht, desto mehr läuft er Gefahr, wesentliche Eigenarten des Gegenstands vorzuführen, und in dem Maße, wie er auch dieses Ins-Schleudern-Geraten, mehr oder weniger geschickt, zum Gegenstand der Rede macht, wird der Fleck, an dem er reibt, nur um so glänzender. Und dabei nützt es auch nichts, weiterhin der ersten Person Singular auszuweichen: das wäre reine Maskerade, ein Narzißmus de luxe oder von Amts wegen, wie der des Politikers. Was bleibt also übrig, wenn man der Auffassung ist, Poetologie ohne eine Auseinandersetzung mit dem Narzißmus sei unvollständig, wenn nicht geschummelt? Es bleibt nur ein Trotzdem.
»Ohne die Eitelkeit, meine Damen und Herren, wären wir alle friedliche Säuger, mit ihr sind wir unersättliche Menschen.« Das sagt der Ansager einer Stripteasenummer in einem Monodrama, das ich 1993, angeregt durch eine erotische Indifferenz, in der Bar des berühmten, aber eben nicht berüchtigten Tiger-Palasts schrieb. Der Ansager einer Stripteasenummer gibt nicht auf, das ist Titel und Inhaltsangabe in einem, ein Titel, der meine Situation als Autor kennzeichnet.
Der Autor, die Autorin, sie können nicht zeigen, was sie eigentlich zeigen möchten, sich selbst, ihre Nacktheit; sie wissen oder spüren, daß diese Nacktheit unannehmbar ist, geben aber die Hoffnung nicht auf, daß wenigstens eine Legende darum auf Verstehen trifft. Die Rede ist hier nicht von der Nacktheit an der Kiesgrube, die Rede ist vom namenlosen, aus einem Mangel an körperlichem Sein herrührenden Schmerz, Teil jener Wahrheit, die nur als ›orthopädische‹ nahegebracht werden kann - einer Wahrheit, die zu sagen selbst für eine unerschrockene Autorin wie Virginia Woolf zur unlösbaren Aufgabe wurde; in A room for one's own finden wir die Stelle: »Dies waren zwei der Abenteuer meines beruflichen Lebens. Das erste - den Engel im Haus zu töten - habe ich gelöst, glaube ich ... Aber das zweite, die Wahrheit über meine Erfahrung als Körper zu sagen, habe ich, glaube ich, nicht gelöst.«
Die Wahrheit über die Erfahrung als Körper - sie wird von dem Ansager einer Stripteasenummer, der nicht aufgibt, ständig umkreist und wohl nie ganz erreicht; denn all sein Reden produziert gleichzeitig Wahrheit und Unwahrheit über seine Erfahrung als Körper, also immer auch eine Legende zum eigenen Körper, eine Legende, die sich noch in der Anstrengung, sie zu zerstören, fortsetzt. Darin genau liegt sein Dilemma, und darin liegt mein Dilemma: daß der Narzißmus immer blinder Passagier ist - ich mußte das als Autor mehrfach ausbaden; dazu drei Beispiele aus sechzehn Berufsjahren.
1978, nachdem mein erster Vertrag unterschrieben war, bat mich der Verlag um ein Foto, ein an sich harmloser, sozusagen erkennungsdienstlicher Vorgang - nicht jedoch für mich, oder, um mich hier in Schutz zu nehmen, nicht für jemanden, der im Begriff ist, seine Intimität zu veröffentlichen. Was für ein Foto müßte das sein? Wie muß man als junger Schriftsteller aussehen? Grimmig? Verrückt? Heruntergekommen? Oder eher nichtssagend, um nur den Text wirken zu lassen; ja, wäre es vielleicht das beste, gar kein Foto herauszurücken oder höchstens ein verschwommenes, als sei man verschollen? Und dann die Accessoires - mit Zigarette, ohne Zigarette, falls aber mit Zigarette, filterlos? Und mit Brille, ohne Brille, mit Schreibzeug, ohne Schreibzeug -; ferner die Frage des Hintergrunds: Bücher; ein Baum; eine Mauer? Industrieschrott? Und überhaupt: Schnappschuß oder Kunstwerk? Der Schriftsteller, der es haßt, fotografiert zu werden, oder der es souverän über sich ergehen läßt? Fragen über Fragen, und die dumpfe Ahnung, daß jedes Bild des Autors Romane auf Seiten der Leser in Gang setzt. Tief in der Nacht - ich hatte mich für übernächtigt entschieden - suchte ich schließlich eine entlegene Fotokabine auf und drückte die Taste Porträt. Damals kostete das noch vier Mark, und meine zwanzig Markstücke reichten nicht aus; in der nächsten Nacht zog ich schon wieder an den unterirdischen Ort, und erst einer der letzten Versuche kam dann meiner Vorstellung von einem jungen Schriftsteller nahe genug, um das Foto dem Verlag zur Verfügung zu stellen, wo es nur einmal Verwendung fand. Es war zu dunkel.
Sie sehen an dieser Geschichte, daß jene Eigenschaft, die man im allgemeinen narzißtisch nennt, ein bedauernswerter, durch die Welt der Literatur und hier besonders durch den Kulturbetrieb, auf den ich nachher komme, ins Groteske gesteigerter Zustand ist, bis zum Paroxysmus reichend.
Nun Beispiel zwei, kleiner Sprung - Frühjahr 79, ein Erstlingsstück, Das Kind oder die Vernichtung von Neuseeland, wird in Saarbrücken uraufgeführt, und der Dramaturg hat sich einfallen lassen, den Namen des Autors auf ein Transparent zu schreiben, das quer über die Front des Theaters gespannt wurde, eines Nazi-Baus mit gewaltiger Fassade, und da steht dann also, wochenlang, in großen makellosen Buchstaben »Bodo Kirchhoff«, während Bodo Kirchhoff, eher klein, auf dem Platz vor dem Staatstheater steht, bald davon überzeugt, einen bedeutenden Dramatiker zu verkörpern - es schien mir tatsächlich, als sei ich eins mit mir, mit meinem Körper, als sei die Arbeit, das Legendenbilden, das ich noch immer betreibe, schon vollbracht; ich blickte gleichsam auf mich selbst zurück und hatte damit - vorübergehend - jenen Gemüts- und Geisteszustand des Euphorisiertseins erreicht, wie ihn der Neuling im Schreibgewerbe, noch blind für den Alptraum, auch auf der Buchmesse erlebt, eines dann im Laufe der achtziger Jahre gesellschaftsfähig gewordenen Größenwahns, für multimediale Rezensenten heute typischer als für uns Autoren.
Beispiel Nummer drei - es fällt in die Zeit meines sogenannten Erfolges, und ich trage es am besten in Form einer Frage an Sie heran: Ist es eitler, der Aufforderung nachzukommen, jenen berühmten, mit Marcel Proust in Verbindung gebrachten FAZ-Fragebogen zu beantworten, oder sich, sei es durch ein einfaches Nein, sei es durch umständliche Begründungen, warum man das nicht könne, über solch eine Selbstdarstellung erhaben zu zeigen? Eine sehr schwere Frage, ich vermute, sie rührt an das Wesen eines jeden - an ihr scheiden sich die Herzen. Ich war so eitel, daß ich diesen Bogen nicht ausgefüllt habe, oder vornehmer ausgedrückt: Ich wollte einen ganz anderen Bogen - den in mir - nicht überspannen.
Narzißmus - im Dritten Buch der Metamorphosen erzählt Ovid von der Geburt des Narziß aus dem Wasser, einem von nichts getrübten, lauteren Quell: »Hier einst ruhte der Knabe, von Jagdlust müd' und Erhitzung,/ Hingestreckt .../ Während den Durst zu löschen er strebt, wächst anderer Durst nach./ Während er trinkt, von dem Bild gesehener Reize bezaubert,/ Liebet er nichtigen Trug .../ Selber staunt er sich an, unbewegt in einerlei Stellung/ Haftet er, wie ein Gebild aus parischem Marmor gemeißelt./ Gierig schaut er, im Grase gelehnt, zwei Sterne, die Augen .../ Sich verlanget der Tor; und der Lobende ist der Gelobte .../ Oftmals naht' er umsonst dem täuschenden Borne mit Küssen;/ Oftmals mitten hinein, den gesehenen Hals zu umfangen,/ Taucht' er die Arm in die Quell' und haschte sich nicht in dem Quelle .../ Und derselbige Wahn, der sie anlockt, täuschet die Augen./ Was, Leichtgläubiger, fängst du umsonst ein entfliehendes Gleichnis?/ Nirgends ist, was du begehrst ...« Soweit Ovid, soviel zur Vorgeschichte; und auch in dem Fall bedarf es des Vertrauens in den Wahrheitsgehalt der Fiktion: So war das mit dem Knaben Narziß, so ist das mit dem Narzißmus - »Nirgends ist, was du begehrst«, selbst im noch so geistreich ausgefüllten Fragebogen der FAZ nicht.
Wir nennen unsere Lieblingsblume - und sind, im Handumdrehen, selbst die Genannten. Diesen scheinbar harmlosen Bogen ausfüllen bedeutet: Schreiben en miniature, mit sämtlichen Eitelkeitsfallen des Schreibens.
Dem liegt natürlich eine Prämisse zugrunde - eine einzige; Schreiben heißt immer: in jenes Wasser greifen, in welchem man sich zu sehen glaubt und diesem ›nichtigen Trug‹, unter den gegebenen Umständen, etwas Wahres entreißen. Schriftsteller leben ganz zwangsläufig mit der Gefahr, sich zu verfallen, aus dem für ihre Arbeit notwendigen Selbstgebrauch einen Selbstmißbrauch zu machen; aber sind sie deshalb gleich Narzißten, im landläufigen Sinne? Ich denke, nein. Keine Autorin, wenn sie sich ernst nimmt, kein Autor, wenn er sich ernst nimmt - ernst, nicht wichtig -, schreibt über die eigenen Schokoladenseiten; dagegen schreiben alle, sofern sie's denn tun, über eigene Schwächen nach Kräften gut.
Und jetzt ist Vorsicht geboten, um nicht in den Ton gelehrter Sonntagsreden zu fallen; das Thema Schreiben und Narzißmus ist, wie gesagt, eine einzige Falle, höchstens durch Selbstkommentare kann man ihr ausweichen, bis zu einem gewissen Grad, dann schnappt sie auch dort zu; trotzdem einige Bemerkungen zum Gelehrten und Sonntäglichen.
Schriftsteller sind ja heute im allgemeinen keine Gelehrten mehr, nicht nur weil das Wissen erdrückend geworden ist und von Spezialisten verwaltet wird, sondern auch weil sich der Anschein des Gelehrten, mit dem Weltgeist eng Verbundenen - denken wir an Thomas Mann - kaum mehr herstellen läßt; noch in den fünfziger Jahren besaßen Schriftsteller offenbar eine Autorität, daß man ihr Arbeitszimmer nicht zu betreten wagte; auf die Art wurden sie tatsächlich Gelehrte. Heutzutage lassen sie das Fernsehen vor ihrem Schreibtisch Scheinwerfer aufbauen und legen dem Publikum durch das Aufblättern ihrer Lebensgeschichte nahe, doch so wie sie gegen den Strom zu schwimmen. Aus eher zimperlichen Gelehrten sind telegene Prediger geworden, im Begriff, den Strom umzulenken; wenn es einen Vater Rhein der professionellen Mahner gäbe, flösse er wohl längst Richtung Alpen: Denn wer möchte nicht Schwimmer gegen den Strom sein, vor allem, wenn man sanft stromaufwärts treibt? Ich fürchte, was meine Zeit betrifft, daß die Schriftsteller als glaubhafte Mahner ebenso ausgespielt haben wie die Schriftsteller als glaubhafte Gelehrte und Weltdeuter - beide Felder werden heute von Moderatoren besetzt, die wie Mahner und Weltdeuter aussehen; bliebe nur das Feld der Unterhaltung, und wie mir scheint, hinken wir auch da bereits hinterher; oder was ist denn schon, frage ich hier, ein Roman gegen eine Gesprächsrunde über Romane?
Sie werden es gemerkt haben, das Thema Schreiben und Narzißmus läßt sich heute ohne einen Blick auf das Nichtssagende, das allen etwas sagt und so den Sturz ins Unterschiedslose provoziert, also auf die Medien und deren Allgegenwart, oder sagen wir gleich: auf die Medienallmacht und damit auch die Kritik, die in den Medien endlich ihr Sonnenplätzchen gefunden hat, gar nicht erörtern.
Der Fernsehkritiker, die Fernsehkritikerin bestimmen heute mit ihrem Rezensionsgeplaudere, gleichgültig wie fundiert oder nicht fundiert es ist, das öffentliche Bild vom Schriftsteller; zu den Studien für diese Arbeit gehört es, derartige Sendungen mehrfach bis zum Ende anzuschauen, und immer wieder entstand dabei dieser Eindruck moderner Salonrollen: nämlich Gesellschaftsfiguren, vergleichbar denen aus Oscar Wildes Meisterwerk Bunbury, oder ernst muß man sein, vor sich zu haben; sie alle können, wie Jack, sagen: »Ich habe die Absicht, mich zu entwickeln, in vielerlei Hinsicht.«
Nun, das Fernsehen bietet ihnen dazu den Rahmen, unsere Bücher sind die Requisiten. Und das Publikum, so hört man, es liebt diese Salonstücke; ›von Jagdlust müd' und Erhitzung‹, schaut es wie Narziß auf den lauteren Bildschirm, und aus der Imagination, die von Literatur, unter geeigneten Umständen, sagen wir: lesend, ausgeht, wird Halluzination; aber man ist dabei, und die Bistro-Tische, übliche Kulisse für Literatursalons, lassen die Verkabelung als Boulevard erscheinen. »Der öffentliche Raum ist«, wie Paul Virilio bemerkt,»durch das öffentliche Bild ersetzt worden«, und hier kann man wohl ergänzen: die Literatur wird für viele schon ersetzt durch das Bild von der Literatur.
Das Fernsehen, um wieder zum Hauptthema zu kommen, ist das Gegenteil einer Legende um den eigenen Körper, eines befreienden Artefakts - es ist ein lähmendes Artefakt, ein Spiegel, der uns nicht das eigene Bild vorhält, sondern uns ein fremdes als Identifikationsfraß vorwirft. Zugunsten Weniger, die sich im Fernsehen ständig zeigen, um sich in vielerlei Hinsicht zu entwickeln, raubt es der großen Mehrheit die Räume für den Narzißmus; was bleibt, ist die berühmte Identifikation mit dem Aggressor. Sieht mein Sohn am Abend noch fern, kann er nicht einschlafen; bekommt er aber eine Geschichte erzählt, findet er den Frieden mit sich selbst, der offenbar nötig ist, um sich dem Schlaf anzuvertrauen - fest daran zu glauben, daß an auch wieder aufwacht.
Frieden mit sich selbst, nicht Selbstzufriedenheit, und dieser Frieden, der nie lange hält, ist für mich gleichbedeutend mit dem Narzißmus, der sich mit dem Schreiben notwendig verbindet; auch jenes eine, zu dunkle Foto, das ich schließlich dem Verlag gab, stellte nur diesen vorübergehenden Friedensschluß mit mir selbst dar, was ich auch von meinen Büchern behaupte (jedenfalls habe ich mir darin nie den Flirt mit dem Leser gestattet, wenn das ein Indiz ist). Dieser Frieden, er wackelt, ständig den Verführungen durch die Möglichkeit der Selbstzufriedenheit ausgesetzt; im Grunde der dauernde Kampf um den unerschrockenen Blick auf sich selbst - den Blick, mit dem ich der ganzen Nichtigkeit meiner narzißtischen Anmaßung ins Gesicht zu sehen vermag; den Blick, der einem Ergriffensein gestattet, einen gern die Geringschätzung auf sich nehmen läßt, mit der das Pathos überhäuft wird - und damit aber auch dauernder Kampf gegen die Klischees, an denen ich hänge, ja die ich, oft wie ein Anfänger, verteidige, wenn man mich auf sie hinweist, verteidige mit dem weitverbreiteten, feierlich vorgebrachten Argument: »Aber genauso hab ich's erlebt!«
Eine der wesentlichen Schwierigkeiten des Schreibens liegt offenbar darin, aus dem, was wir so erlebt haben, eine Auswahl zu treffen. Der Schriftsteller mit seinem sozusagen berufsbedingten Narzißmus sieht sich gezwungen, einen Teil seines Lebens, womöglich den größten, als nicht mitteilenswert einzustufen, diese Kränkung hinzunehmen: letztlich den eigenen Körper, weitgehend, verhüllt zu lassen. Dadurch steht man als Autor jedoch vor dem Problem, ein beträchtliches Stück gelebten Lebens anhäufen zu müssen, um schließlich den einen oder anderen Strang herauslösen zu können, der es vielleicht immer noch nicht wert ist, originalgetreu mitgeteilt zu werden, sich aber als Gerüst für eine Geschichte eignet, ein Gerüst, das später, wie bei Bauwerken üblich, wieder verschwindet, zweite Kränkung. Und das heißt: Wer nicht seine ganze Liebe, meinetwegen auch seinen ganzen Haß, ins Erzählen selbst legt, in eine Sorgfalt des Schreibens, wird nie darüber hinauskommen, die Leser mehr oder weniger zu belästigen, einfach nur Dampf abzulassen, womit keineswegs gesagt ist, daß Literatur nicht lästig sein soll, im Gegenteil: ohne die immer irgendwem lästige, private Zwangsvorstellung scheint mir Literatur undenkbar; nur sie kann überraschende Metaphern, wie etwa bei Kafka die des Panthers, der dem Hungerkünstler folgte, hervorbringen, Machtvolles ohne Gewalt.
(Dieser Artikel ist fast wortgetreu in "Legenden um den eigenen Körper. Frankfurter Vorlesungen" enthalten und kann dort in vollem Umfange nachgelesen werden.)
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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