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P u b l i k a t i o n e n
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Nachtrag zur Uraufführung von
«Body-Building»
in Saarbrücken ein Protest von Bodo Kirchhoff
Theater heute 21, 1980, S. 13f
und Saarbrücker Zeitung, 05.11.1979
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Ich möchte der Uraufführung von BODY-BUILDING einige Worte nachtragen.
Das Stück, das Sie eben gesehen haben, ist ein Schauspiel und sollte in erster Linie gespielt werden; body-building sollte nicht überwiegend stattfinden. Dies aber war und ist der Fall.
Daß es hier trotzdem zu einer ansehbaren Aufführung gekommen ist, ist dem Einsatz der unmittelbar Beteiligten zu danken; vor allem ihrer Bereitschaft und Fähigkeit, nur kurz vor Toresschluß umzudenken, was jedoch, hier und anderswo, nur einen hauchdünnen Schleier über etwas wirft, das ich, wütend zunächst, als Schlamperei bezeichne und nachträglich begreife als institutionalisierte Mittelmäßigkeit, gepaart mit Resignation - und dies muß, da es bedingt ist, nicht immer so sein.
Im März dieses Jahres, im Anschluß an die Uraufführung meines ersten Stücks, hier im Hause, sah ich mich zu Dank veranlaßt, habe ich mich gefreut. Heute, acht Monate später, bin ich darüber hinaus und will an dieser Stelle und zu diesem Zeitpunkt einem Verlangen Ausdruck geben - auf die Gefahr hin, anmaßend zu sein, aber in der sicheren Bewußtheit, als Betroffener zu sprechen.
Eine Uraufführung, die auch Maßstäbe setzt, fand statt, wie ich glaube, um jeden Preis; guter Wille, den ich nicht bezweifeln möchte, verlor sich in jenen durchaus hilfreichen Unmöglichkeiten, die sogenannte Zwänge bieten: Ein junger Schauspieler wurde als Regisseur berufen, eingefügt in die Gegebenheiten des Hauses; ein Bühnentechniker nahm sich des Bühnenbildes an, das bei diesem Stück Parameter der ganzen Inszenierung ist; eine begleitende, nach Konzeptionen fragende Dramaturgie gab es in keiner Phase - offensichtlich schien alles klar - body-building griff um sich: Das Spiel mit den Muskeln auf der Bühne, die Oberfläche der Handlung, spiegelte sich, unreflektiert, in einer Oberflächlichkeit der Produktion.
Doch dies ist weniger ein Vorwurf und schon gar kein persönlicher, denn ich selbst bin nicht getroffen worden; vielmehr ist es ein Anlaß für mich zu fordern:
Nicht diese Gleichgültigkeit, die noch dazu durchsetzt ist von Größenphantasien, welche ich für sich genommen anerkenne, da auch ich ihnen unterliege; nicht diese Nachlässigkeit, die mir - und das betrifft den wichtigeren Teil meines Nachtrags - kein Zufall zu sein scheint, keine Ausnahme oder gar das Provinztypische (das wäre eine Ausrede, denn hier ist nicht Provinz), sondern die zwangsläufige Folge einer verbreiteten Situation, eines allgemeinen Theater-body-buildings. Und auch mit dieser Bemerkung fühle ich mich weniger als Ankläger - viel eher als Beteiligter, der seine Ansprüche stellt.
Ich möchte als Dramatiker, daß die Uraufführungsgeilheit, die an den meisten deutschen Theatern herrscht, nicht mehr so groß ist, daß Verantwortliche darunter blind werden für ihre Verantwortung - nämlich gegenüber einem neuen Text und damit auch dem Publikum - und der Schreibkraft hinter diesem Text. Ich weiß allerdings, daß dies nicht abgeschieden vor sich geht; es wird erst möglich in Verbindung mit den Feuilletonredaktionen, die, vielleicht ohne es zu wollen, jene Uraufführungsposen, welche dem Narzißmus des kindlichen Spiegelstadiums entsprechen, so oder so bestätigen - denn sie, die Kritiker, die Medien, sind doch der tatsächlich unentbehrliche Zerrspiegel, den man inzwischen, so hoffe ich, aus BODY-BUILDING kennt. Mit anderen Worten: Arnold, das Theater, läßt die Muskeln spielen vor einem gewaltigen Spiegel, sagen wir von «theater heute» - zeigt sich in seinem Glanz, hält seine Posen, zumindest eine Spielzeit lang - und treibt damit ein body-building auf Kosten des Textes und der Schreibkraft, die, um sich das Weiterschreiben leisten zu können, zwei Uraufführungen im Abstand nicht einmal eines Schwangerschaftszeitraumes wollen muß.
Ich bin für diese Art der Konjunktur nicht dankbar. Ich wüßte auch niemanden, der mir zuliebe etwas getan hätte oder tut; Mitleid, nein danke. Der Eine ist der Schmuck des Anderen - nirgends deutlicher als in diesem Geschäft. Nur bitte - was mich angeht, ausschließlich mit meinen Texten - nicht mit mir; nicht in meinem Namen, höchstens mit ihm.
Hilfreich wäre es nämlich gewesen, aber eben nicht so glanzvoll - und diese Belehrung riskiere ich bewußt - ein deutsches Theater hätte mein erstes Stück, das ja Beifall gefunden hat, nachgespielt in diesem Herbst und mich damit ein bißchen freier gemacht gegenüber der Uraufführungsmaschine.
Mein drittes Stück werde ich hüten.
Aber auch die Aussichten sind nicht gut. Denn sollte mein Name, das Phantasma des Autors also, an das ich nicht zu glauben vermag, jenes Zeichen für die Schreibkraft - Bodo Kirchhoff -, wie sich schon zeigt, für andere interessanter werden als dessen Text, wird auch das, so fürchte ich, vor allem ein body-building, dann wohl mehrerer Theater, provozieren. Das heißt: Ich möchte nicht, von allem anderen unabhängig, den Tantiemenschub, den das bedeuten würde, nicht das erhöhte Schmerzensgeld - sondern von Seiten des Theaters (und also auch von mir) eine Lust am Text, eine Achtung der Worte, eine Spracharbeit im Hinblick auf den Stoff - und, damit verbunden, guten Arbeitslohn.
Dies alles ist augenblicklich nicht der Fall und zwingt mich, mein Verlangen zu veröffentlichen - um damit gegen etwas anderes vorzugehen, das sich zunehmend einstellt: Bei mir hat das Theater-body-building, diese mehr oder weniger vorhandene Mischung aus Nachlässigkeit, Ignoranz und Größenwahn in einer Einrichtung, die sich Kritikfähigkeit zuschreibt, den Beginn einer Verachtung für den Theaterbetrieb bewirkt, die ich nicht will - und ich habe die Befürchtung, in Bezug auf das Theater zu einem erschöpften Eheteil zu werden, der nicht mehr die Möglichkeit findet, sich zu trennen.
(Diesen Text verlas der Autor im Anschluß an die Premiere seines Stückes vor dem Saarbrücker Publikum.)
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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