Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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P u b l i k a t i o n e n



Ich bin ein Möchtegernschriftsteller


in: Literaturmagazin 19
1987
S. 62/63



Der Intellektuelle und die aus allen Fugen geratene Welt des zwanzigsten Jahrhunderts - dazu gibt es längst unübertreffliche Gedanken und Bilder, das Wichtige ist gesagt. Dem Epigonen, der sich jetzt noch äußern soll, bleibt nur, wichtig zu tun und dies zu erkennen. Aufgewachsen im Unterhaltungs- und Atomzeitalter habe ich nie den Glauben entwickelt, Schriftsteller s e i n zu können. Aber ich wollte es immer, und auch heute ist dieses Wollen mein Antrieb: Ich möchte gern Schriftsteller sein. Es ist meine Lebensaufgabe, mein Verzicht auf ein Stück modernes Leben. Nichts anderes als diese Beschränktheit legitimiert mich. Ich besitze keine Tradition, ich muß mir meine Tradition erfinden; ebensowenig besitze ich eine Geschichte (die der gewöhnlichen Neurose einmal beiseite gelassen) und schon gar nicht ein Schicksal. Von Anfang an galt die Verwechslung von Narzißmus mit Souveränität. Aus falschverstandener Größe wollte ich w i e ein Schriftsteller sein. Ich begann zu schreiben und hatte nichts zu erzählen und verfiel auf den Gedanken, genau dies wiederzugeben. Es folgten eine Reihe von Büchern, die sich alle um den Mangel drehten - auf die Dauer etwas unbefriedigend für mich. Also habe ich mir eine Geschichte gesucht. Ich wurde Utopist. Seit zwei Jahren arbeite ich an einem umfangreichen Roman, der in den Tropen spielt. Warum diese Entfernung? Weil ich so nicht Gefahr laufe, Opfer unserer kurzlebigen Katastrophen zu werden, die doch nur Medien-Ware sind - ausgezehrte Themen, wenn der Schriftsteller endlich den Bleistift gespitzt hat. Außer einer gewissen Blindheit gegenüber dem immer schon in Kommentare und Ästhetik übersetzten Zeitgeschehen brauche ich für einen Roman, der das Leben in seiner Gesamtheit wenigstens anpeilt, aber noch mehr: einige Personen mit Charakter. Ich brauche sie, um einen Helden ohn Charakter, mein Alter Ego, in ihrer Umgebung allmählich wachsen zu lassen; zumindest mich sollte mein Schreiben verändern. Ich brauche, vereinfacht gesagt, die Charaktere des Kasperle-Theaters, den König, den Polizisten, das Krokodil, den Seppel, die Großmutter, die Fee, den Teufel und so weiter. Das aber finde ich hier nicht; hier finde ich nur die Kostüme, dahinter verbirgt sich fast immer ein reizloser Seppel. Es fehlt mir der Widerpart. Es fehlt mir der unmittelbare, bittere Ernst; es geht mir, alles in allem, zu gut hier. Nun haben Fremde und Elend ja nicht nur begrifflich miteinander zu tun, ich habe daraus meinen Nutzen gezogen. Ich schreibe anderswo; nur in der Fremde erfahre ich die Gegenwart nachhaltig. Fern der Heimat beschäftigt mich nichts anderes als der verwestlichte Mensch im späten zwanzigsten Jahrhundert, in dieser Zeit der Selbstverliebtheit, der Unterhaltungsrausches, der Massenarmut und einer Vernichtungsbedrohung, die die ganze Gattung betrifft. Das sehe ich deutlich - und glaube nicht an eine Endzeit. Alles Apokalypsegerede entspringt einem narzißtischen Weltbild: Da, wo ich bin, müssen Superlative gelten, wenn schon keine positiven, dann negative. Daß es so weitergehen könnte, scheint mir das Schlimmste zu sein, nicht der vorgezogene Jüngste Tag. Aber die Frage der Nachwelt stellt sich für mich ohnedies nicht. Niemand, der Kunst schafft, kann zu Lebzeiten wissen, was langfristig mit seinen Werken geschieht; nie war auf Weltruhm weniger Verlaß als heute. Ob es ein einundzwanzigstes Jahrhundert geben wird oder nicht, und falls - ob es dann noch Bücher geben wird oder nicht, und falls - ob dann noch Bücher von mir darunter sein werden -, das ist gegenüber dem leeren Blatt nicht meine Sorge. Ich schreibe, weil ich nichts anderes kann. Ich schreibe, weil ich dazu imstande bin. Ich schreibe bewußt für andere und arbeite bewußt für mich. Aus der Art meines Arbeitens, dem Entwickeln einer Geschichte entgegen allen Bedenken, ja aller Erfahrung der Geschichtslosigkeit, aus dem jahrelangen Gestalten des Stoffes, für den sich später vielleicht nur wenige interessieren, wenn er mit dem Bücher-Herbstlaub auch aus dem hintersten Winkel des öffentlichen Bewußtseins verschwunden ist, beziehe ich meinen Stolz. Ich stemme mich gegen die Zeit, um in der Zeit und über die Zeit etwas sagen zu können. Ich erwarte keine große Resonanz; jeder Schlagersänger kann heute an einem Abend mehr Menschen erreichen als ein Schriftsteller im Laufe seines Lebens. (Das tut mir weh, und ich wollte immer ein Stück darüber machen, aber das Schmerzlichste an diesem Schmerz ist, daß ihm die Wirklichkeit fehlt, die es lohnen würde, darüber zu schreiben.) Ich erwarte auch keine Liebe, wie jener südamerikanische Nobelpreisträger, der sagt, er schreibe, damit man ihn mehr liebhabe. Für ihn mag es dazu eine Grundlage geben - ich hoffe nur auf Respekt in einer Zeit voller Verachtung. Mein Tschernobyl ist die Medienmaschine, die längst das sogenannte Ernste geschluckt hat - mir droht der Unterhaltungs-GAU. Das Schicksal meiner Eltern hieß Krieg, mein »Schicksal« heißt Banalität. Als Form für diese Zeilen schlugen Sie in Ihrem Brief neben Essay und anderem auch den Aufschrei vor. Wer sollte den hören?


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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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