Das Bordell als Ort des verringerten Unglücks
Immer Provokateur und Chronist der Liebe und Triebe: die gesammelten Erzählungen von Bodo Kirchhoff aus 25 Jahren.
Ein Klassiker! 31 Erzählungen, darunter sechs Erstveröffentlichungen, aus einem Vierteljahrhundert. Sie stellen unter Beweis, dass dieser Autor sein Handwerk versteht und seinen Themen treu bleibt. Geschichtsforscher werden später einmal bei Bodo Kirchhoff nachlesen können, wie das war mit den Frauen und Männern, mit der Liebe und dem Sex Ende des 20. und im beginnenden 21. Jahrhundert.
Kirchhoff ist der Chronist unserer Liebe und Triebe. Er ist Erzähler, aber er reflektiert das Erzählte auch. Das macht seine Geschichten doppelt wertvoll. Manche unter Literaturkritikern und Lesern halten den Frankfurter, der zeitweise am Gardasee lebt, für einen Bad Boy, ja, Schmutzfink. Dabei hat Kirchhoff nur den Mut gehabt, dorthin zu gehen, wo sich die dunkle Seite des Menschseins befindet. Wofür sich andere zu vornehm sind, hat er Pionierarbeit geleistet. Einst wollte er Psychologe werden, womöglich hat ihm das diesen Weg gewiesen. Aber Experten unter Literaturkennern wissen, was der Mittfünfziger geleistet hat. Über Kirchhoffs Roman "Parlando" befand Marcel Reich-Ranicki einst "fabelhaft geschrieben".
Für die Gesamtausgabe seiner Erzählungen hat der Autor alle Texte durchgesehen und "unter Wahrung des ursprünglichen Tons überarbeitet". Einige erhielten dabei auch neue Titel. Wer sich an seine intensiven Geschichten erinnert, die er in "Die Einsamkeit der Haut" (1981, sein Erstling), "Dame und Schwein" und "Ferne Frauen" veröffentlichte, kann sie jetzt alle noch einmal nachlesen und stellt fest: Sie sind hochaktuell. "Ich kenne nur ferne Frauen, wie sehr ich mich auch an sie presse", ließ Kirchhoff einen seiner Protagonisten in den achtziger Jahren sagen. Die Einsamkeit zwischen den Geschlechtern hat sich seither eher noch verstärkt.
Früher fassten manche Kirchhoffs Bücher nur mit Fingerspitzen an, weil er die Sphäre der Sexualität nie überzuckerte mit Romantik, sondern auch als Ekel erregend und abstoßend vorführte. So berichtet er in "Die Grausamkeit des Augenblicks" vom Besuch bei einer Prostituierten. Das geschieht nüchtern- beobachtend, teilnahmslos erzählt. "Du wollen?" fragt die zugereiste Dienstleisterin ihren Kunden. Dann wird geschildert, was nach Bejahung der Frage geschieht und wie die Kommunikation jenseits der Sexarbeit scheitert. Das geschieht vorsichtig, aber auch mit trockener Beschreibung der Technik. Das Wort Sehnsucht kommt nicht vor, aber es wird davon erzählt. Fazit: Das Bordell sei kein Ort des Glücks, sondern "der Ort, das Unglück zu verringern".
In den Achtzigern tendierte die deutschsprachige Literatur zur "Neuen Innerlichkeit", die inzwischen als überholt gilt. Diese Nabelschau hat Kirchhoff nie mitgemacht. Deshalb galt er einige Zeit als Provokateur vom Dienst. Dabei lenkte er den Blick auf andere. Unvergesslich seine autobiografische Geschichte "Olmayra Sanchez und ich" 1987. Darin geht es um eine junge kolumbianische Frau, die tagelang vor den Augen der TV-Kameras nach einem Vulkanausbruch in einem Wasserloch festsitzt und nicht gerettet werden kann. Während Voyeure ihr tragisches Verenden beglotzen, kriecht Kirchhoff in Olmayra regelrecht hinein. "Wer nicht ihre Schmerzen hatte, dem gehörte die Welt - so mag sie gedacht haben." Das Weltfernsehen schaltete unmittelbar nach ihrem Tod ab, aber der Autor hielt das Schicksal der jungen Frau fest und lässt uns daran teilhaben, was aus ihr hätte werden können, aber auch wie trostlos ihr Weiterleben ohne Interviews und Aufmerksamkeit hätte verlaufen können.
Schnelle Verliebtheiten und Betörungen, hastiger Sex, obwohl auf der Suche nach großen Gefühlen, Einsamkeit in Beziehungen und sogar in Leidenschaften, und dann erst recht. Kirchhoff ist grandios beim Ausloten menschlicher Gefühle. Er nutzt das Körperliche und Triebhafte, um unser Wesen zu erkunden. Er ist nicht der erste, der feststellte, dass es immer nur um das eine geht. Aber er ist einer von wenigen Autoren, die es eindrucksvoll getan haben. Der Verlag tat gut daran, die gesammelten Erzählungen zu publizieren.
Roland Mischke
in: Mannheimer Morgen, 21.10.2005.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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