Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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G e s p r ä c h e
Roland Mischke: Überwindung des eigenen Geschlechts

Überwindung des eigenen Geschlechts

Interview mit dem Autor Bodo Kirchhoff, der in Nürnberg aus seinem neuen Roman liest
Unterschiedliche Resonanz bei den Kritikern fand Bodo Kirchhoffs neuer Roman »Wo das Meer beginnt«. Er handelt von der Auseinandersetzung zwischen einem Lehrer und seinem Schüler und von deren langen nächtlichen Gesprächen über die Erfahrungen zum Thema Liebe, Sex und die Frauen. (Eine Rezension erschien auf unserer letzten Literaturseite). Kirchhoff (55) liest aus dem Buch am 23. September, 20 Uhr, im Nürnberger Literaturhaus (Luitpoldstraße 6) . Unser Mitarbeiter sprach mit dem Autor in Frankfurt.

Ein Schüler und eine Schülerin werden in Ihrem Roman nach einer Theaterstückprobe im Keller des Gymnasiums angetroffen. Es sieht aus, als ob er sie vergewaltigt, könnte aber auch anders gedeutet werden. Wie kommt ein Autor auf so einen Ausgangspunkt?

Kirchhoff: Ursprünglich schrieb ich an einem Drehbuch für den Fernsehfilm »Die Konferenz«. Der Film wird im Herbst in der ARD gesendet und schildert, dass eine Lehrerkonferenz oft abläuft wie eine Geschworenenverhandlung. Ich habe mir vorgestellt, wie Lehrer über die Sexualität ihrer Schüler reden - das war die Grundidee. Dazu brauchte ich einen Fall. Dass daraus ein Roman geworden ist, ist ausschließlich den beiden Figuren Dr. Branzger und dem Schüler Haberland zuzuschreiben. Als das Drehbuch fertig war, war ich mit denen noch lange nicht fertig.

Das Ganze ereignet sich in Frankfurt-Sachsenhausen. Wer das Stadtviertel kennt, weiß genau, welche Schule, welche Straßen, welchen Supermarkt Sie beschreiben. Warum sind Sie so dicht an der Realität dran?

Kirchhoff: Ich wollte diese Geschichte exakt dort situieren, wo ich mich auskenne, weil ich da seit Jahrzehnten lebe. Ich schätze amerikanische Autoren, die eine Kleinstadt im Mittleren Westen so beschreiben, dass sie zur Metapher für das Welttreiben wird. Meine Geschichte ufert nach überallhin, und das musste ich am konkreten Handlungsort zeigen.

Auch in Ihrem Buch geht es, wie in Martin Walsers »Augenblick der Liebe«, um Sex zwischen einem älteren Mann und einer jüngeren Frau. Ist das Thema jetzt dran?


Kirchhoff: Ich wollte wissen und erfahren, ob und wie man so etwas schreiben kann. Der wesentlich Ältere erzählt dem Jüngeren erst eine, dann seine Geschichte. Dass er das schafft, ist eine enorme Leistung. Dass der andere von diesen Erfahrungen profitiert, ein seltenes Glück.

Sie sind jetzt Mitte fünfzig, haben Sie beim Schreiben an das eigene Älterwerden gedacht?

Kirchhoff: Natürlich nehme ich mein eigenes Älterwerden vorweg, versuche mich hineinzuversetzen, wie es sein wird, wenn das Biologische nachlässt.

Warum schreiben alte Männer wie Walser und ältere Männer wie Sie so intensiv über Liebe und Sex mit jüngeren Partnerinnen?

Kirchhoff: Es könnte eben daran liegen, dass das Biologische nachlässt, während das Sprachvermögen sich auf einem Höhepunkt befindet. Man will das einfach darlegen, man will es schaffen, es will geschrieben sein.

Sie finden zu eindrucksvollen Beschreibungen bei den sexuellen Szenen, gehen aber auch sehr weit in den Details. Glauben Sie, dass die Leser das alles erfahren wollen?

Kirchhoff: Mit Obszönitäten allein wäre ich nicht weit gekommen. Aber der Sprachfluss trägt den Leser hinein in diese Dinge. Das ist wie in einem guten Film: Überzeugende Bilder legitimieren sogar pornografische Szenen.

Sie entwickeln sich von Buch zu Buch mehr zum Spezialisten für Liebesdramen. Sie lehren uns, das Spiel der Liebe, Anziehung und Abstoßung, zu durchschauen. ,Das Verlangen', lassen Sie den alten Dr. Branzger sagen, ,ist der Ort, an dem wir uns ruinieren, die Spielbank der Seele'. Warum dominiert Liebesleid so stark Ihre Stoffe?

Kirchhoff: Da kommt mein Kern durch. Das sind nicht nur meine tiefsten Erfahrungen, sondern auch die aller Menschen, die ich ein bisschen besser kennen gelernt habe. Das ganze Leben lässt sich aufs Erotische reduzieren, das ist wie bei der Bruchrechnung. Früher habe ich immer gesagt: Es gibt drei Geschlechter: männlich, weiblich, sportlich. Aber auch die Sportlichen, die scheinbar Golf spielen anstatt Sex zu haben, gelangen zu diesem Kern, wenn sie wahrhaftig sind. Niemand kommt daran vorbei.

Es gibt eine männerfeindliche Stelle: ,Man muss sich nur umsehen. Männer gehen nicht mit Frauen ins Bett, sie kriechen zu ihnen ins Bett'. Ist das sexuelle Bewusstsein der Frauen so stark, dass tradierte Männerrollen zerbröseln?


Kirchhoff: Nach dem, was ich beobachte, was ich sehe und höre bei Lesereisen und Gesprächen: Ja. Den Männern geht derzeit ein Teil an Stolz und Selbstverständlichkeit verloren, wegen Verunsicherung kommt es häufig zum biologischen Versagen. Wir leben in einer weitgehend impotenten Gesellschaft. Das spürt man bei vielen Politikern und anderen, die ins Fernsehen drängen.

Bei der Lektüre Ihres Buches fällt einem ein Satz von Victor Hugo ein: ,Melancholie ist das Vergnügen, traurig zu sein'.

Kirchhoff: Ja, mein Dr. Branzger spürt im höchsten Moment des Vergnügens eine heroische Trauer.

Derzeit spricht man vom Ende des romantischen Liebestraums, von der radikalen Abkühlung aller Leidenschaft, von den Ansprüchen, die drastisch zurückgeschraubt gehörten. Gibt es in der Sexualität noch Deckungsgleichheit zwischen Frau und Mann?

Kirchhoff: Gute Erotik ist die Überwindung des eigenen Geschlechts, guter Sex heißt, das Gefängnis des eigenen Geschlechts zu verlassen. Es bleibt uns nur, es immer wieder zu versuchen.

Roland Mischke
in: Nürnberger Nachrichten. 21.09.2004.


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Nürnberger Nachrichten.
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