|
Ein Überlebender erzählt. Als freier Mitarbeiter einer Provinzzeitung hat er deutsche Luftwaffeneinheiten in den Staaten besucht. Er reist ins nahe Mexiko, um ungestört das Porträt eines heutigen Soldaten zu schreiben. Während der Arbeit kommt er mit einer Frau in Kontakt, er flirtet mit ihr; die Mexikanerin verbringt ein paar Tage im Hotel ihres Bruders. Sie verliebt sich in den schreibenden Gast. Der Bruder schickt sie daraufhin in ihre Heimatstadt am Pazifik zurück. Der Erzähler reist ihr nach Er will arbeiten und lieben; er kann weder das eine noch das andere. Da taucht unerwartet der Soldat auf. Über sich zu reden hat den jungen Piloten verwirrt, er wollte den Älteren wiedersehen. Er ist ihm nachgereist. Die beiden Männer fühlen sich zueinander hingezogen; sie teilen sich das Zimmer, in dem der Erzähler die Mexikanerin trifft. Als er ihren Wünschen mehr und mehr ausweicht, erscheint überraschend der Bruder. Ihm gehört nicht nur ein Hotel an der Grenze, er macht auch in der Hafenstadt seine Geschäfte. Er stellt sich vor die Schwester, er stellt Bedingungen. Der Erzähler unterschätzt sie beide.

Frida Kahlo: Selbstbildnis mit abgeschnittenem Haar
Einen Monat nach ihrer Scheidung wiederholte Frida, was sie schon 1934 als Antwort auf Riveras Affäre mit ihrer Schwester getan hatte: sie schnitt sich die Haare ab.

Foto: Dörte Nielsen
Taschenbuchausgaben

suhrkamp taschenbuch 1367
Erste Auflage 1987
ISBN 3-518-37867-8

suhrkamp taschenbuch 2964
Erste Auflage 1998
ISBN 3-518-39464-9
|
|
|
P u b l i k a t i o n e n
|
|
 |
Mexikanische Novelle
1. Auflage 1984
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1984
175 Seiten
ISBN 3-518-04697-7
[ Bestellen ] |
|
|
Leseprobe
Natürlich fuhr ich zu ihr. Der Taxifahrer kannte die Straße; er kürzte ab, wie mir schien. Er fuhr mich durch Gassen mit Kindern und Hunden, und ich hatte Gewinn von der Fahrt. Calle Lima vierundachtzig war ein zweistöckiger Neubau ohne Verputz. Er stand inmitten einer Zeile von einstöckigen Flachbauten, in einer Umgebung, die mich enttäuschte. Ich hatte mir das bild gemacht, sie in einer geordneteren Wohngegend zu treffen. An der Haustür gab es nur den Namen Guadalupe, jedoch zwei Klingelknöpfe. Ich drückte auf den unteren. Das Klingelzeichen war so zudringlich, daß ich den Finger zurückriß. Ein paar Sekunden verstrichen, im Inneren des Hauses stieß ein Singvogel seine Tonleiter aus. Dann öffnete jemand, es war Baby Ophelia; sie hatte wohl gelauert hinter der Tür. Ich küßte sie auf beide Wangen, sie sagte, ich solle schon hochgehen, dort sei ihr Zimmer, sie komme gleich nach. Damit entschwand sie, ich nahm die Treppe. Alles war so schnell gegangen, daß ich mir überlegte, was sie angehabt hatte. Es war nicht das Leinenkleid gewesen.
Ihr Zimmer fand ich auf Anhieb. Es hatte zwei Fenster, unter einem stand das Bett; das Zimmer war nicht groß, aber hell. Auf ihrem Bett lagen Plüschwesen. Manche waren so massiv wie ein Kleinkind. Es gab da einen Tiger und ein Nashorn, eine Prinzessin und ein Krokodil, zwei Delphine, einen Negerjungen und noch einen Tiger, Zwerge und ein Nilpferd, das auf einem anderen Nilpferd saß, und einen weiteren, sehr kleinen Tiger. Und obwohl die Wesen verstreut lagen, sah ich darin ein System; jedenfalls schauten sie mir alle entgegen. Ich versuchte, das nicht weiter zu beachten. Außer dem Bett waren noch ein Schrank, ein Tisch und zwei Stühle im Zimmer. Auf dem Tisch standen zwischen Buchstützen der Größe nach Mappen und Hefte, davor lagen alte Zeitungsausgaben, zuoberst die der Frankfurter Allgemeinen. An der Wand über dem Tisch hin ein Foto von Baby Ophelia, das sie bei der Arbeit an einem modernen Schreibgerät zeigte. Dieses Foto war fast der einzige Wandschmuck; es gab noch ein Bild, welches neben der Tür hing, so daß man es nicht gleich bemerkte. Das Bild war eine Reproduktion. Ich sah da eine Frau auf einem Stuhl.
Die Frau war noch jung. Sie hatte einen Männerfrisur und trug einen viel zu breiten, schweren Anzug; der Stuhl, auf dem sie saß, war aus hellem Holzrohr mit geflochtenem Sitz. In den Fingern ihrer rechten Hand, die wie taub auf ihrem Schenkel ruhte, hielt die Frau eine Schere. Und um die Sitzende herum, auf dem Boden, in der Luft und um die Stuhlverstrebungen gewickelt, war ein Wirrwarr von verschlungenen Strähnen und Fäden, dazwischen auch ein dicker Zopf, wohl ihre abgeschnittenen Haare. Aber wie nach einem Gemetzel kam mir das vor; über allem war noch eine Notenzeile und ein spanischer Text. Ich trat etwas näher. Die Frau sah links an mir vorbei. Trotzdem traf mich ihr Blick. Er war wie gebündelt, das lag an den zusammengewachsenen Brauen der Frau. Es war die ruhige, blanke Verachtung - als sei ich schuld an allem! Mit vier kleinen Stecknadeln war das Bild an die Tapete geheftet; es hing etwas schief, meinem Gefühl nach. Ich wollte das grad überprüfen, da hörte ich Baby Ophelia.
-----------------------------------------------------
Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors
|
|
[ Rezensionen ] [ zurück ]
|
|
|
|

|
|
|
|
|