Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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R e z e n s i o n e n
zu »Wo das Meer beginnt«

Eine vorgeschriebene Romanze
Bodo Kirchhoffs Roman "Wo das Meer beginnt" ist ein langes Vorspiel der Poesie

In Bodo Kirchhoffs neuem Roman geht es zu wie bei den "12 Geschworenen". Nur ohne "Kinoquatsch". Die Verhandlung findet im Lehrerzimmer des Hölderlin-Gymnasiums statt, und in der Rolle, die im Film mit Henry Fonda besetzt war, tritt der Deutsch- und Lateinlehrer Branzger auf. Er spielt den Zögerer und Zauderer, der schließlich alle soweit irritiert, dass sie von ihrem leichtfertigen Schuldspruch ablassen.

Zur Debatte steht ein ernsthafter Kasus: "Der Schüler Viktor Haberland, neunzehn, stehe im dringenden Verdacht, die noch nicht volljährige Tizia Jentsch nach einer abendlichen Theaterprobe im Keller der Schule vergewaltigt zu haben", heißt es in der Anklagerede. Wie bei den "12 Geschworenen" geben die Lehrer in ihrer Verhandlung mehr über sich preis, als über den Fall. Denn es geht um die Entscheidung über entgegengesetzte Aussagen, um die Deutung vager Zeichen, um die Auslegung unsicherer Zeugenaussagen und letztlich um die Frage, "was Liebe sei". Die Antwort lautet kurz gefasst: "Dieses verdammte Gefühl besteht aus Erinnerung an sein Zustandekommen und aus dessen Vorwegnahme; sein Jetzt ist selten".

"Was Liebe sei", muss auch der angeklagte Viktor lernen, und daher schließt sein Lehrer Branzger mit ihm ein Abkommen: Er erzählt Viktor von der Konferenz, von der Verhandlung, die über die Zukunft des Jungen geführt wurde; dafür erzählt Viktor ihm von der Nacht mit Tizia. Damit beginnt eine Lektion in Sachen Liebe, die beide "bis zum bitteren Ende" auskosten.

Irgendwann liegt Branzger verwahrlost in seiner Wohnung, die Ameisen bauen ihre Straßen quer durch die Küche, die Luft stinkt nach sauer gewordener Milch und nicht allein aus einer entzündlichen Wunde am Fuß tropft Blut auf den Teppich. Seinem Schüler aber hat Branzger damit die Rolle seines Lebens auf den Leib geschrieben. Noch Jahre nach den Vorkommnissen am Hölderlin-Gymnasium arrangiert Viktor ein Treffen mit Tizia, diesmal allerdings mit größter Behutsamkeit und Raffinesse dort, "wo das Meer beginnt": in Lissabon.

Kirchhoffs neues Buch vermittelt die Poesie der Liebe, und zwar nicht allein deswegen, weil es von er Liebe handelt, sondern weil es jenes Begehren, das seine Protagonisten beherrscht, beim Lesen selbst stiftet. Branzger verführt sein Opfer durch sein Erzählen. Er gibt von seiner Geschichte nur immer gerade so viel preis, dass er seinen Zuhörer auf der dünnen Grenze zwischen Enttäuschung und Erwartung hält.

Und so wie Branzger seine Beziehung zum jungen Viktor Haberland verlängert, indem er ihn erzählerisch verführt, so zieht Kirchhoff seinen Leser in den Bann seines Romans und führt ihn in das Spiel einer Liebe zum Wort ein, das Zeit braucht, sich Umwege gestattet und keine größeres Vergehen kennt als den schnellen Zugriff und eine umstandslos gestillte Lust am Text.

So sehr Branzger von der unauflösbaren Bindung des Begehrens an die Gewalt überzeugt ist und so sehr er der Regisseur eines überlegen choreographierten Machtspiels sein will: Er lehrt die Verführung und die Grenzüberschreitung in wechselseitigem Einverständnis. Unschuldig ist dieses Spiel nie. Aber eine Vergewaltigung auch nicht. Diese Lektion vermittelt Branzger seinem Schüler nicht als Lehrer und nicht durch Regeln, sondern als Erzähler und durch den Genuss am Uneingelösten, am Fantasierten, am Erinnerten und Ersehnten, kurz: durch die Poesie.

Und wie die Liebenden einen Liebeskrieg anzetteln, so ist das Erzählen ein Kampf um die Vorherrschaft über die Zeit des Lesers. Viktor kann das Erzählen daher nur zu leicht mit dem politischen Krieg vergleichen: "mit der Macht läuft es ja auch ähnlich wie mit dem Erzählen, man kommt nicht gleich dort an, trotz Reichtum und Überfluss, man mußss schon Stationen einlegen, bei der Nationalgarde und beim Campus von Yale, als Ölvertreter oder Gouverneur von Texas, bis man der halben Welt etwas vormachen kann, um danach Krieg zu führen; oder einen verschwindenden Teil der Welt für seine Geschichte gewinnt".

Freilich: Die Kunst der Verführung ist riskant. Verliert sie ihr spielerisches Moment, droht ihr das Ende in der bloßen Lusterfüllung; verliert sie ihre Ernsthaftigkeit und stellt ihre Inszenierung zu sehr aus, droht sie in den Klamauk abzurutschen und als Liebesposse zu enden. Auf diesem schmalen Grat bewegt sich auch Kirchhoffs Roman, selten auf die eine oder auf die andere Seite gleitend, fast immer auf der Höhe seiner Kunst. Und so werden im Lauf der Handlung die Mittel drastischer, die Branzger einsetzen muss, um Viktor bei der Stange zu halten, immer höher wird sein Einsatz und immer deutlicher die Gefahr, dass der Junge seiner Verführungskraft widerstehen und die Lust verlieren könnte, an den verkappten creative writing-Kursen eines Lehrers für die Poesie der Liebe teilzunehmen.

Branzger erreicht sein Ziel. Zumindest insofern, als die Erzähltaktiken der gezielten Anreize, der Erwartungssteigerung und der Verzögerung von Erfüllung Viktor Haberlands Gefühlshaushalt noch Jahre nach der Erzähltherapie bei seinem Lehrer beherrschen. Eigentlich weiß Viktor nicht einmal genau, ob er überhaupt eigene Gedanken hat. Lebt er als Marionette seines Deutschlehrers weiter, der ihm seine Romanze vorgeschrieben hat? Ist sein Leben ein fortgesetzter Sommernachtstraum, ein Spiel im Spiel, das ihn erst auf die Luftmatratze im Keller seines Gymnasiums, dann in die Wohnung seines Lehrers und schließlich in eine kleine gekachelte Kaschemme in Lissabon geführt hat?

Dass Branzger seinen Schüler "benutzt", ihn in eine Geschichte hineingestoßen hat, ist Viktor klar. Immerhin eines aber hat Viktor von Branzger gelernt: dass es in der Poesie wie im Leben um eine "eher verborgene Schönheit geht, die sich erst im Bogen des Ganzen zeigt".


Steffen Martus
in:Berliner Zeitung, 17.02.2005.

Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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