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Leseprobe
Seit ein paar Wochen bin ich wieder in Bangkok und lebe für mich. Die Regenzeit ist vorüber, die Sonne trocknet die Stadt. Nur ein paar Viertel längs des Flusses stehen noch im Wasser. Ich sitze jeden Tag an einer Landungsstelle und schaue Kindern zu, die einen kleinen Fährdienst betreiben. Sie bringen die etwas Wohlhabenderen, die ihre Schuhe und langen Hosen schützen wollen, bis zur nächsten trockenen Straße. Die Kinder schieben und schleppen die Leute in selbstgezimmerten Kähnen, die nicht viel größer sind als eine Badewanne, durch das knietiefe Wasser.
Mehrmals täglich lasse ich mich übersetzen; so eine Tour von etwa hundert Metern kostet drei Baht, rund fünfundzwanzig Pfennig. Dadurch freunde ich mich mit den Kindern vom Ta-Chang Pier, der zum Großen Palast führt, ein bißchen an. Am vertrautesten wird mir Puan, ein dreizehnjähriger Junge. Er erzählt, daß seine Gruppe von sechs Kindern täglich bis zu vierhundert Baht verdient, was einhundertfünfzig Fahrten erfordert. Abends geben sie das Geld dann ihrem Chief, der für über zwanzig Menschen Sorge trägt; sie leben alle vom Hochwasser. Es reicht für das tägliche Essen, sogar für die nötigsten Reparaturen. Als das Wasser immer mehr zurückgeht, wird es ruhiger am Fluß, und ich verliere die Lust, dort zu sitzen. Ich gehe nicht mehr hin, ich bleibe im Hotel, um zu schreiben. In der Bangkok Post lese ich ein paar Tage später, die Flut sei jetzt endlich besiegt. Die Bewohner längs des Chao Phya hätten nun wieder festen Boden unter den Füßen.
Puan erzählte mir auch, daß viele aus dem Viertel rauschgiftsüchtig seien. Und da die Kinder oft als Überbringer eingesetzt würden, säßen auch Kinder im Gefängnis, die jüngsten seien sieben. Das bringt mich auf den Gedanken, sie vielleicht im Gefängnis einmal besuchen zu können. Ich wende mich an die Deutsche Botschaft und frage den Rechtsreferenten, ob es möglich sei, in ein thailändisches Gefängnis zu gehen. Der Rechtsreferent macht eine Aktennotiz und sagt, nein. Nein, das sei unmöglich. Aber er besuche regelmäßig die Gefängnisse der Hauptstadt, um seine Leute zu sehen, die dort säßen. Ich frage: "Welche Leute? Und wie lang sitzen die da? Und weswegen?" Und er antwortet: "Es sind etliche Deutsche, und ein paar von ihnen sitzen für dreißig Jahre und länger. Wegen achtzig Gramm Rauschgift. Jeder hat fünfundvierzig Zentimeter, um zu schlafen. Mit den Jahren rückt man auf und bekommt einen Platz an der Wand; diese Laufbahn fängt neben der Pißrinne an. Aber im allgemeinen sind die Anstalten sauber." Und ich bedanke mich für die Informationen; über etwas von öffentlichem Interesse schreiben zu wollen, gebe ich zunächst einmal auf.
Ich beginne mit einer Novelle. Ich finde zeitig aus dem Bett und schreibe bis zum Mittag auf meinem Balkon. Daß es Mittag ist, kann ich an dem langgezogenen Ruf eines Fahrradküchenmannes hören, der unterhalb meines Balkones Fischpfannkuchen zubereitet. Ich kaufe ihm jeden Tag zwei davon ab, er serviert sie mir in einem Teller, der aus zusammengewirkten Blättern besteht. Dieses Mittagessen kostet vierzig Pfennig. Manchmal hätte ich lieber einen Hamburger oder ein Sandwich; das Exotische an sich bedeutet mir gar nichts. Nach der kleinen Stärkung schreibe ich weiter, bis die Sonne versinkt. Und gegen sieben Uhr fängt dann mein Abend an.
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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