Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n




Die Mandarine werden nervös

Einige kurze Bemerkungen zu Botho Strauß' Aufsatz
»Anschwellender Bocksgesang« und dem Echo darauf

DIE ZEIT, 26.02.1993



Über Botho Strauß' »unerhörtes Dokument, das erste aus dem Neuen Deutschland, undenkbar in der alten Bundesrepublik« (»Frankfurter Rundschau«), das Anfang Februar erschien, herzufallen ist leicht - da schüttet einer seinen Kopf aus; dieser polemischen Gegenwartsdeutung das Anstößige (statt des Abstoßenden wie Tilman Spengler in der »Woche«) zu entnehmen und es, eigener Erfahrung folgend, anders auszudrücken oder dem etwas entgegenzusetzen ist schwer. Vielleicht gelingt es am ehesten denen, die Ende der sechziger Jahre ihren literarischen Jugendlieben den Rücken kehrten und in den siebziger Jahren an einem Ort wie Frankfurt Erziehungswissenschaften oder ähnliches studierten, die durch Selbsterfahrungsgruppen gingen und in Wohngemeinschaften verkehrten, mit Menschen verstrickt waren, die das Gras wachsen hörten, und klopfenden Herzens in einem Zirkel saßen, der die sozialpsychologische Weltformel aus der Taufe hob, die von Marx zu Adorno und von Adorno zu Freud, von Freud zu Derrida und von Derrida oder Bataille, in einer Schleife, schließlich wieder zum Camus und Hölderlin ihrer Jugend stolperten und inzwischen selbst ein Kind ernähren, das sie beim Vornamen nennt; die an alldem Anteil hatten, ohne je darin aufgegangen zu sein, die das geistige und seelische Tohuwabohu der novembrigen siebziger Jahre mit durchlaufen, aber nie selbst verbreitet haben.
So einer war oder bin ich. Daß Botho Strauß, mehr oder weniger, auch so einer war oder ist (ich glaube, er besaß mal ein Zimmer in Frankfurt), hätte er vielleicht andeuten sollen. Denn wenn man weiß, woher einer kommt, der einem etwas zu sagen hat, ist man zugänglicher; ich habe keine grundsätzlichen Einwände gegen Strauß' nicht zu Ende gedachte Gedanken - muß er ja in einer Polemik auch nicht, das wird er schon nachholen -, ich werfe ihm nur vor, wie schwer er es den Leuten macht, ihm zu folgen.
Unsere Lehrer, vielfach Idioten, voller Nazischlacke, gaben uns gern das Gefühl, wir seien dumm; die plumperen sprachen es aus, die anderen taten es durch griechische und lateinische Einlagen (ich hab' sie mir auch gemerkt, verkneif sie mir aber heute); statt »parricide-antiparricide Aufwallung« hätte Strauß lieber schreiben sollen: Ich habe ein Kind, seitdem mache ich mir Gedanken um das vierte Gebot. Aber das mindert nicht das Gewicht seiner Anstöße, die niemandem das Recht geben, ihn noch mit auf das Fahndungsplakat nach Ernst Jünger und Carl Schmitt zu kleben. Was hat Botho Strauß denn im Kern gesagt? Doch nur, daß der Mensch mehr ist als die Weltsicht und das Menschenbild der Linken. Und was empfiehlt er? Einen Wechsel der Leitbilder - Marc Aurel statt Max Frisch. Und dabei hat er sich sehr vorsichtig ausgedrückt; kein strammer Rechter könnte ihn als Zeugen benennen, wohl aber einer, den es schüttelt, immer nur Papis alte Kursbücher und Mamis alte Frauenkalender im Wohnzimmer stehen zu sehen, der vielleicht lieber erst mal in die Kirche geht, wo übrigens immer schon Kerzen brannten, um dort zu erleben, was um ihn und in ihm geschieht, bevor er sich anhört, daß der Mensch nur das Resultat seiner Umgebung ist. Ich erinnere mich noch gut, wie ich materialistische Sozialisationstheorien heruntergebetet habe, wie ich sie meinem Vater, in der Art von Parolen, hinterherrief; und das schlimme daran waren ja nicht die Mängel der Theorie, sondern der Hochmut aufgrund ihrer nach wie vor überzeugenden Details: Wir mitlaufenden Grünschnäbel sahen uns den Schlüssel zum Menschsein in Händen halten, und viele - längst hohe Beamte am Geisteshof - sehen sich noch immer mit diesem Schlüssel, und denen hat Botho Strauß auf die Kreditkarten getreten, die sie inzwischen besitzen, darum ihr Aufstand, ihr männliches Gebaren, Fäuste-Zeigen, Spotten, Ersticken, Hinrichten. Treffen tun eben weh.
Aber das ist nur der Anfang einer großen Auseinandersetzung. So wie wir die Eltern fragten: Warum habt ihr nichts gewußt, was habt ihr mit euch machen lassen?, werden unsere Kinder, soweit sie das noch können, fragen: Was habt ihr aus eurem Wissen gemacht? Ich sage das hier zugespitzt, darüber mußte man noch lange reden.
In diesem Sinne auch die nächste Bemerkung: Das Außerkraftsetzen des vierten Gebots durch unsere Generation hat zu einer Lockerung des fünften Gebots bei den heutigen Jugendlichen geführt; wir müssen das vierte Gebot neu definieren - das hat Botho Strauß nicht geschrieben, aber wahrscheinlich gemeint. Und noch etwas: Schon andere haben darauf hingewiesen, daß der neue Wahnsinn auf der rechten Seite, der uns seit Mitte der achtziger Jahre entsetzt, etwas mit Versäumnissen auf der linken zu tun hat, zum Beispiel Bodo Morshäuser, Jahrgang 53, in seinem lesenswerten Buch »Hauptsache Deutsch«.
Und zum Schluß: Mich würde das alles weniger beschäftigen, wenn ich nicht nächste Woche nach Australien müßte, um dort vor Studenten über Spätfolgen der westdeutschen Kulturrevolution zu reden; so macht man sich Mut. Ich weiß noch nicht genau, was ich da erzählen werde, aber wenn ich Strauß und Morshäuser zitiere und dazu noch mich selbst, dann auf jeden Fall, daß Bodo oder Botho eigentlich ein seltener und dabei doch sehr deutscher Vorname ist und die plötzliche Häufung sicher eine Bedeutung hat, eine, über die ich noch nachdenke.


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Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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