Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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R e z e n s i o n e n
zu »Erinnerungen an meinen Porsche«

TROCKENLEGUNG EINES FEUCHTGEBIETS
Über Bodo Kirchhoff, den Mann, der die "Erinnerungen an meinen Porsche" schrieb und ein Buch, das seine Spannung auch aus einem schlaffen Schwanz bezieht.

Der Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff, einer der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Autoren der Gegenwart, präsentiert einen neuen Roman. Eine kleine Sensation: Nach sieben Jahre wieder einmal einen echten „Schundroman“. Das heißt: Es geht hoch her und heftig zu, um Sex und Sale. Es geht um die Turbulenzen in der Finanzwelt und die gespannte Ruhe, die der Held zwischen seinen Beinen spürt, nachdem sein Prunkstück bei einem Attentat mächtig Schaden nahm. Und es geht um die Trockenlegung eines „Feuchtgebiets“, die mannhaft-männliche Antwort auf Charlotte Roche.

Foto: Harald Schröder

Es ist alles in Ordnung. Unser Mann braucht keinen Rollstuhl. Die hagerdrahtige Gestalt mit dem markanten Gesicht geht elastisch und aufrecht, also ganz normal, nicht gespreizt breitbeinig, wie die armen Geschöpfe, denen das Ungemach zwischen den Beinen hängt, weil ein Korkenzieher
ihren „Porsche“ beschädigt hat. Bei unserem Autor ist alles in Ordnung. Nur sein Geschöpf hat schwer gelitten. Der lädierte Held heißt Daniel Deserno. Er ist Ende dreißig und war ein potentes Kerlchen, bis ihm, nach einem Streit unter dem Weihnachtsbaum, seine Freundin Selma, in
(ohn)mächtiger Wut, seinen bereits steifen, also fahrbereiten „Porsche“ (womöglich irreparabel) ruiniert hat. Jetzt hockt der arme Mann mitsamt seiner in Mull gepackten Misere im Rollstuhl, weil ihm mit dem Verlust seiner Männlichkeit, als ginge das automatisch, auch noch die Kraft in den Beinen geschwunden ist. In Kirchhoffs neuem Buch findet sich ersichtlich, anders als in den meisten seiner früheren Romane, nur wenig Autobiografisches, im Gegenteil, diese „Erinnerungen“ sind mal wieder, und darauf ist der Autor richtig stolz, ein echter Schundroman geworden, sein zweiter schon.

ALLES AUSGEDACHT? NICHT GANZ
Bodo Kirchhoff sitzt nämlich, bis auf die wenigen Stunden, die er zu Hause, bei seiner Familie, verbringt, in seiner Arbeitswohnung im neunten Stock eines kleineren Hochhauses am Sachsenhäuser Mainufer und blickt, beim Schreiben, durch die Glasfassade auf die Türme der deutschen Großbanken, die auf der anderen Seite des Mains äußerst imposant in den Himmel ragen. Der Blick ist atemberaubend. Wenn er, in einem schweren Ohrensessel versunken, seinen Laptop auf den Knien, schreibt, und aus dieser Position sind, seit nahezu dreißig Jahren, fast alle seine Bücher, Romane, Erzählungen, Reiseberichte, Stücke und viele, viele Drehbücher entstanden, wenn er also hier beim Schreiben den Kopf hebt, dann hat er die Führungsetagen der Frankfurter Finanzwelt fast handgreiflich vor Augen.

Foto: Harald Schröder

In einem dieser Türme saß einst, vor dem Attentat, sein Held, der Investmentbanker Daniel Deserno, und hat viel Geld gemacht. Und wie wir alle wissen, kommen Geld und Sex gleichsam aus derselben Garage, weshalb diese Banker das Fortpflanzungsinstrument, von dem sie häufig und gerne Gebrauch machen, fast schon zärtlich ihren „Porsche“ nannten.

In den letzten Monaten, beim Schreiben dieser „Erinnerungen an meinen Porsche“, während bei der amerikanischen Bank Lehman Brothers endgültig das Licht ausging, von dem Schock hat sich die Finanzwelt, wie wir jetzt alle wissen, noch keineswegs erholt, da saß Bodo Kirchhoff in seinem
Arbeitssessel und sah die bis in die späte Nacht erleuchteten Fenster der Frankfurter Bankzentralen vor sich. Während die Schulden wuchsen und die Einlagen schrumpften, beschäftigte er sich mit dem steigenden Energiebedarf des „Porsche“ seines verkaufstüchtigen Helden. Deserno hat eben nicht nur glänzende Geschäfte abgeschlossen, sondern, wo er ging und (genauer noch:) stand, auch jede offene Garage für seinen „Porsche“ angefahren. Kirchhoff lässt den armen Mann, der jetzt eben nicht mehr kann, in ebenso saftigen Erinnerungen wie deftigen Fantasien schwelgen. Während der „Dannyboy“ im Schwarzwald mit dem Rollstuhl durch die Reha geschoben wird, spitzt sich am Main, in Sichtweite des Autors, die Finanzkrise immer dramatischer zu. Der ideale Stoff für einen Schundroman.

UND AUCH EIN ERFOLGSREZEPT?
Der „Schundroman“ erlaubt es dem Autor, knallharte Kolportage, die abstrusesten erotischen Vorstellungen, deftigen Sex und eine hanebüchene Handlungsfolge mit stilistischem Anspruch zu einem – ernsthaft – literarischen Kunstwerk ganz eigener Art zu vermixen. Da werden zwar alle
Klischees bedient, da wird gelebt und gestorben, geliebt und gevögelt, bis sich die Balken biegen. Doch die Konstruktion, präzise ausgetüftelt, hält. Jedes Detail, und sei es noch so hanebüchen, ist streng und kompromisslos einem Formprinzip unterworfen, das sich allein an den Gesetzen
dieses Genres orientiert. Deshalb: Hut ab! So aufgeräumt und ordentlich wie in seiner Arbeitswohnung, da liegt nichts Unnützes rum, so sieht es offenbar auch im Kopf des Autors aus. Solides Handwerk und eine überschäumende Fantasie werden äußerst stilvoll präsentiert.

Foto: Harald Schröder

Das muss man nämlich erst einmal können: den perfekten Schund produzieren. Ein echter Picasso kommt an die falsche Adresse; ein Auftragskiller schlägt fast versehentlich – die heutigen Kriegsberichterstatter sprechen in solchen Fällen von Kollateralschaden – einen berühmten deutschen Grroßkrritiker tot. Das übelste Marterinstrument, eine Spannlackglasur, die den empfindlichen Schwellkörper überzieht, der jetzt, im neuen Roman, „Porsche“ genannt wird, macht dem armen Schwein jedes Vergnügen zur Pein. Schon leiseste Regungen von Lust lassen das Stück anschwellen und führen so zu einem zahnschmerzhaften Ergebnis. Das war im ersten „Schundroman“. Der Schriftsteller Ollenbeck, bei dem selbst gutmeinende Interpreten an den Schriftsteller Houellebecq gedacht haben, spielte nur eine kleinere Nebenrolle.

Anders jetzt. Die „Erinnerungen an meinen Porsche“ trumpfen hier kräftiger auf. Nicht nur zarte Anspielungen führen mitten hinein in die „Feuchtgebiete“ des Schmuddelmädchens Charlotte Roche. Eines Tages erscheint im Waldhaus, der mondänsten Reha-Klinik unserer Republik, eine
gewisse Helene, eine sehr junge Frau, die sich tatsächlich als Verfasserin der erfolgreichsten Hämorrhoiden-Hymne aller Zeiten erweisen wird.

Sie macht ihrem Ruf alle Ehre: Schon beim ersten Abendessen, das sie noch allein an einem kleinen Tisch einnahm, streichelte sie sich – „ich konnte es genau erkennen – unter dem Tisch zwischen den Beinen“. Offenbar versteht sich Kirchhoffs Schundroman auch als ein ironischer
Kommentar zu den Schandtaten von Frau Roche. Auch Kirchhoff schlägt sich schließlich mit den Hemmnissen herum, die in der Folge von gewaltsamen Eingriffen auftreten. Die Flurschäden in solchen dicht bewaldeten Gegenden sind, wie jetzt eine ganze Nation weiß, nicht zu unterschätzen. Die kleinen Schnitte, die Charlotte Roche ihrem Afterkranz zugefügt hat, bleiben aber eine Bagatelle gegen den Super-Crash, dem der „Porsche“ zum Opfer fiel.

Foto: Harald Schröder

Hier wird nun ein weiterer Vorzug eines echten Schundromans sichtbar. Der Autor kann, ohne falsche Rücksichten, richtig in die Vollen greifen. Kirchhoff lässt es deshalb auch an nichts fehlen. Das mächtig mondäne Waldhaus bietet jeden Luxus. Allein die aufgeführten Menü-Folgen des
etwas steif-formellen Abendessens lassen auch dem Leser das Wasser im Mund zusammenlaufen. Der Wein, den Daniel seinen Gästen spendiert, kostet pro Flasche etwa das, was ein Hartz-IV-Empfänger monatlich erwarten darf. Und wenn Daniel dann anfängt, in den Erinnerungen an seinen früher gern hochtourig gefahrenen „Porsche“ zu schwelgen, spürt auch ein puritanischer Polo-Fahrer, mit welcher wahren Lust an der Erotik hier der Motor angeworfen wird. Der Mann, kein Zweifel, ist ein Macho. Dafür büßt er ja jetzt auch. Der Mann war aber vor der Untat ein Banker – und es ist nicht ohne Witz, zu sehen, wie die stinkreichen Mitpatienten, aber auch das Personal, versuchen, aus dem Insider-Wissen, das sie bei Daniel vermuten, für sich persönlich Kapital zu schlagen. Das gilt nun auch für die Leser des Schundromans. Denn das Geld für das Buch ist gut angelegt. Neben aller Lust, die der Autor produziert, enthält das Buch hilfreiche Hinweise für künftige Geldanlagen und, als weitere Zugabe, eine Anleitung zum Schreiben eines Romans. Zehn Regeln, die der erfolgreiche Schriftsteller zu beachten hat. Wer diese Regeln beachtet, kann schon ganz schön weit kommen. Kirchhoff selbst hat sich penibel an die eigenen Regeln gehalten: „Wer ein Buch schreiben will, muss Zeit und Geld haben und wenigstens einen guten Grund.“

Mit diesem Satz beginnt der Roman. Die Regel ist zweifellos ernst, sogar sehr ernst gemeint. Zugleich verweist sie auch auf den autobiografischen Kern des gesamten Vorhabens. Seit einem guten halben Jahr hat Bodo Kirchhoff unaufhörlich, weit über einen Achtstundentag hinaus, sieben Tage in der Woche daran gearbeitet. Die Zeit muss man haben. Und, mehr noch, man muss sie sich leisten können, zumal dann, wenn eine ganze Familie, mit allen Kosten, an dem einen Einkommen hängt. Der Wunsch, ein Erfolgsbuch zu schreiben, mag mitgespielt haben. Der „gute
Grund“ ist hierin nicht zu erkennen. Natürlich wollte der Autor mal wieder, ohne Scheu, die Wutz rauslassen. Aber er wollte auch mehr. Wer Kirchhoff ein bisschen kennt, weiß, wie bedingungslos er sich einem einmal gewählten Stoff restlos ausliefert. Hat er Feuer gefangen, dann brennt er regelrecht. Wenn Erotik ins Spiel kommt, fängt er leicht Feuer. Deshalb bedurfte es des Auslösers – der Charlotte Roche. Mit wahrer Lust und seinem heftig aufflammenden Feuer hat Bodo Kirchhoff die nur   s c h m u d d e l i g e n   „Feuchtgebiete“ trocken gelegt und dem Eros ein wahrhaft weites Feld eröffnet, denn, das wäre die Botschaft des Buches zu nennen: Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.


Text: Martin Lüdke
Fotos: Harald Schröder

in: JOURNAL FRANKFURT, Nr. 05/2009


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des JOURNAL FRANKFURT.
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