Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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R e z e n s i o n e n
zu »Parlando«

Die Bewegung hinter dem Stillstand hinter dem Sprechen

Virtuoses Leerstück: Bodo Kirchhoffs Frankfurt-Roman "Parlando" lässt mit Karl Faller den fast schon vergessenen Typus des Narzissten auferstehen

Ausgerechnet in der Silvesternacht der Jahrtausendwende wurde hinter der Alten Oper in Frankfurt am Main eine Frau erstochen. Eine sogenannte Stillsteherin, die in den letzten Dezembertagen reglos vor dem Brunnen auf dem Opernplatz gestanden hatte. Neben der Leiche fand man, bewusstlos, mit schweren Kopfverletzungen, einen jungen Mann. Auf der Tatwaffe seine Fingerabdrücke. Das ergibt: Mordverdacht. Natürlich wird gegen ihn ermittelt.

Der Verdächtigte erweist sich, noch im Krankenhaus, als äußerst gesprächig, fast schon begierig, der jungen Staatsanwältin, die mit den Ermittlungen in dieser Mordsache beauftragt ist, seine komplette Lebensgeschichte in teilweise erstaunlicher Ausführlichkeit zu erzählen. Allerdings lebt der junge Mann, als Drehbuchschreiber, vom Fabulieren. Er verzichtet auf kein Detail, holt stets weit aus und stellt die Staatsgewalt vor die fatale Alternative: entweder erzähle er alles oder nichts. Doch gerade an den entscheidenden Stellen seiner Erzählung vermeidet dieser Karl Faller, der Held aus Bodo Kirchhoffs neuem Roman Parlando, glücklicherweise, jede Eindeutigkeit, ohne jedoch, nicht weniger erfreulich, seine penible Genauigkeit zu vermindern. Das führt, zwangsläufig, zu einem sogenannten Paradox. Die freundliche Anweisung "Sei spontan!" ist ein Beispiel für ein solches Paradox. Der Versuch, die Anweisung zu befolgen, führt notwendig zum gegenteiligen Ergebnis, das heißt: zur Verhinderung jeder Spontaneität.

Der Autor arbeitet, fürchte ich, sogar mit einem (sozusagen) doppelten Paradox. Denn Kirchhoff hat nicht nur einen sehr gescheiten Roman geschrieben, sondern seine Klugheit und sein Wissen geschickt hinter einer oft hanebüchen Handlung versteckt. Kirchhoff will (scheinbar) nichts beweisen, sondern nur erzählen. Er will zwar auch in diesem Roman imponieren, doch vor allem mit dem Resultat, nicht, wie zuweilen zuvor, mit kraftprotzender Rhetorik. Zudem dürfte Parlando der persönlichste von Kirchhoffs immer autobiographisch ausgepolsterten Romanen (und Erzählungen) sein. Doch nicht, weil der Autor dem Ich-Erzähler und Helden gleicht, sondern weil er sich in der Differenz versteckt zwischen dem Helden Karl Faller und dessen Vater Kristian, einem Alt-Achtundsechziger und Verfasser von Reiseführern für Alleinreisende.

Paradox ist auch die Behauptung Karl Fallers: "Ich bin, was ich erzähle." Stimmt die Behauptung, dann ist sie falsch. Ist die Behauptung falsch, stimmt sie. Das alles klingt vielleicht unnötig kompliziert, trägt aber wesentllich zur Erklärung einer Spannung bei, die diesen keineswegs schmalbrüstigen Roman auszeichnet, zumindest über weite Strecken. Faller erzählt der Staatsanwältin Suse Stein nämlich nicht irgendeinen Stuss sondern, schlicht und ausführlich: sein Leben, die Geschichten seiner Geschichte, anfangs noch im Krankenhaus, kaum aus dem Koma erwacht, später bei allen möglichen Gelegenheiten, über die halbe Welt verstreut. Dabei wird die Unterscheidung zwischen Realität und, sagen wir der Einfachheit halber, Fantasie ziemlich konsequent unterlaufen.

Also: "Ich bin, was ich erzähle." Das nervt zuweilen. Es erinnert auf weite Strecken an das psychoanalytische Setting und, im gleichen Maße, an die Schehezerade, also den Versuch, sich - erzählend - als Subjekt zu behaupten. Darum kann die Staatsanwältin schließlich klagen: "Seit Tagen frage ich mich, was Sie mir seit Wochen erzählt haben. War das eine Vater-Sohn-Geschichte, eine von Sieg und Niederlage, im günstigsten Fall vom Überleben des Jungen nach dem Tod des Alten, und im Ungünstigsten, wie man es im neuen Testament nachschlagen kann? Oder war das alles schon eine Geschichte zwischen Ihnen und mir?"

"Ich bin, was ich erzähle." Dabei geht es, naturgemäß, nicht nur über Stock und Stein und quer durch die Kontinente, sondern auch hoch her. Karl Faller scheint bereit, alle mögliche Verbrechen zu gestehen. Er fühlt sich schuldig. Er behauptet, gleich eingangs, als Schüler einen Lehrer in seinem Internat am Bodensee erschlagen zu haben, nachdem der ihn (wohl eher verführt als) sexuell missbraucht hatte. Später bezichtigt er sich auch noch des Mordes an seinen Eltern. Karl Faller fühlt sich in einem nicht nur metaphysischen Sinn schuldig, keineswegs vor Gott oder den Menschen, sondern vor sich selbst.

Der Mann hat mithin, wie es neudeutsch heißt, ein Problem. Vor allem mit seinem Vater, der nur siebzehn Jahre älter war als der Sohn. Kristian Faller, stark von Achtundsechzig, dem antiautoritären Aufbegehren geprägt, hat früh schon die insgesamt sehr junge Familie verlassen. Er war, alles in allem, als Vater ein glatter Ausfall. Karl Faller leidet also mitnichten an einem Ödipus-Komplex, sondern im Gegenteil an einer narzisstischen Kränkung, dem Entzug von väterlicher Liebe und Anerkennung. So wird auch er, getreu dem antiken Mythos, zum bloßen Echo. Er wiederholt, was (ihm) sein Vater vorgemacht hatte: Er vögelt sich durch die Frankfurter Szene und die halbe Weltgeschichte. Weil sein Vater meist an jüngeren Frauen Gefallen fand, und wie gesagt, nicht wesentlich älter, bewegt sich Karl bei Vera, Gabi, Elke, Charlotte, Claudia, Regina, Hilde, Monika, ja sogar bei seiner Stiefmutter Irene in seiner eigenen Altersgruppe. Die beiden Fallers sind zwar noch keine "Rudelbumser" wie Edmund Gern, der Nebenheld aus Martin Walsers jüngstem Roman, aber echte Könner in ihrem Fach.

Die Verführungsszene einer jungen Berberin gehört zu den Kabinettstückchen des Romans, der wahrlich nicht arm ist an Höhepunkten der einen und anderen Art. Kristian Faller gelingt es in Marrakesch, ein junges Berbermädchen mehr zu ver- als zu entführen, das heißt zur der gemeinsamen Flucht nach Lissabon zu überreden, um sie dort nach allen Regeln der Liebes-Kunst zu traktieren. Doch schon bald hat er auch sie satt, und so drückt er ihr eines Tages ein One-Way-Ticket zur Rückreise in die Hand und verschwindet, mit einem Taxi. Während sie, wie erstarrt, bewegungslos stehen bleibt, bis die Passanten auf sie aufmerksam werden, und ihr, der Stillsteherin, zu der sie unwillkürlich geworden ist, Geld vor die Füße legen.

Die Stillsteherin, ein ebenso ausgefallenes wie einsichtiges Bild, wird damit zur Chiffre des Entsetzens, das Kirchhoff überaus virtuos handhabt. Acht Jahre hat er schließlich auch an diesem Buch gearbeitet. Acht Jahre lang hat er konsequent alle historischen, sozialen, politischen Bezüge bis auf das äußerste Minimum reduziert. Einer der alten Kumpels aus der Frankfurter Szene, der - wie es der kleine Karl fast unfreiwillig beobachten musste - einmal mit seinem Gesicht in den großen Brüsten der Mutter verschwunden war, während sie ihre Hand in seiner Hose deponiert hatte, ist unterdessen in Berlin Minister geworden. Basta. Die Sache der Fallers ist und bleibt: Nabelschau. Kristian Faller - ein Narziss wie er im Lehrbuch steht. Und Karl, der Sohn, sein Echo. Schön der Reihe nach, so wie sie auch in die Reiseführer für Alleinreisende eingegangen sind, oft als Stillsteherin oder anderweitig versteckt so vögelt sich Karl durch die stattliche Reihe der Liebhaberinnen seines Vaters, in der offenbaren Hoffnung, damit seine "langwierige Heilung von Kristian" zu befördern.

"Immer wieder sagte ich mir das oder erdachte es mir, wie ich mir überhaupt meinen Vater erdachte". Das heißt, auch Kristian Faller, der bumsende Reiseschrifttseller existiert (für uns) nur in den Erzählungen, Beschreibungen, Vorstellungen seines Sohnes Karls, der sich wiederum im Bildes seines Vaters zu spiegeln meint. Damit ist ein beträchtlicher Grad der Irrealisierung erreicht. Die Projektion einer Projektion. Der Narzissmus dieser Figuren scheint also jeweils - und damit doppelt - gebrochen. Die beiden Männer rennen hinter einer Stillsteherin her, der junge auf den Spuren des Alten. Karl, nach dem Tod seiner Eltern, Erbe geworden, auch des Laptops, auf dem sein Vater seine Bücher geschrieben hat, sucht mit Hilfe der Staatsanwältin versteckte Dateien und wir von einer "mit ruhiger Stimme gestellten Frage" überrascht: "Haben Sie je geliebt, Herr Faller?, einer Frage, auf die ich ohne weiteres hätte antworten können, O ja". Nur, fragt sich, wen?

Vater Faller hatte als bekennender Linker, nach 68, von der Lizenz Gebrauch gemacht, die ihm die Zeit damals bot. Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment. Sein Sohn begreift sich entsprechend als Opfer dieser Verhältnisse. Die politische Begründung wendet sich ins Psychologische. Der Wiederholungszwang wird aber auch zum Problem des Romans. Mögen die Unwahrscheinlichkeiten noch gedeckt sein durch das poetische Prinzip: "Ich bin, was ich erzähle." Die Exotik der Schauplätze aber und ihre Vielzahl begründen sich allenfalls durch einen weiteren Wiederholungszwang. Kirchhoff hat Parlando offensichtlich als einen Gang durch seine Werkgeschichte angelegt.

In einem gewissen Sinn hat er selber diese Reiseführer für Alleinreisende geschrieben und präsentiert sich nun als Vater und Sohn zugleich. Das heißt - und damit löst sich das Paradox in seiner Potenzierung auf - der Autor spiegelt sich nicht nur in seinen Helden, Vater und Sohn Faller, er inszeniert sich selbst als ästhetische Erscheinung. Eine konstitutive Differenz wird gelöscht. Es bleibt die seltsame Leere eines Typus, den der amerikanische Soziologe Christopher Lasch einmal zu Ehren brachte: des Narzissten. Er war fast schon in Vergessenheit geraten und ist doch - vermutlich - aktueller denn je. Wer diesem Typus begegnet, erstarrt. Doch nur in seltenen Ausnahmefällen auch äußerlich, somit wahrnehmbar. Die Erstarrung, die uns alle betrifft, versteckt sich hinter der Bewegung. So gesehen ist Parlando ein wirkliches Leerstück. "Ich bin, was ich erzähle" - sagt Karl Faller. Und das ist wahr.



Martin Lüdke
in: Frankfurter Rundschau, 10.10.2001.


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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