Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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R e z e n s i o n e n
zu »Eros und Asche«

Das Ende eines Zeitalters
Der Apotheker hat seine Faust in das Fell des Dackels gedrückt, seine Frau reibt ihre Fingerknöchel gegeneinander. Leise tickt die Standuhr. M., der Freund, wippt mit den Knien, und der junge Bodo Kirchhoff empfindet die ganze Situation als "eine Art Folter". Es stehen Kekse auf dem Tisch, der Autor überlegt, sekundenlang, ob er damit den Dackel auf seine Seite ziehen könnte. Eine groteske Szene, die sich, später, als "Nagelprobe" ihrer Freundschaft erweisen wird. Kirchhoff war mitgegangen zu dem katholischen Elternpaar, "um die Schwangerschaft einer der Töchter als gemeinsame Tat zu gestehen". In dem "Schweigen dieser beiden Leute, nachdem das Ungeheure heraus war", einer endlosen Peinlichkeit, wird die lebenslange Beziehung der beiden Internatsschüler besiegelt. Von Abtreibung kann keine Rede sein. M., der Freund, fürchtet zu Recht um seine Zukunft. Beide Mädchen müssen die Schule verlassen. Die Jungs, gemeinsam in einem Zimmer untergebracht, rücken nun noch näher zusammen. Aus Kindern wurden - plötzlich - Männer.

Eros und Asche heißt der neue Roman von Bodo Kirchhoff. Ein Freundschaftsroman, der das Frühlingserwachen beschreibt, den Ort des Ursprungs, und (natürlich vergeblich) versucht, etwas von der Glut, die damals entfacht wurde, am Lodern zu halten. Die Freundschaft kannte, als sie entstand, noch keine Grenzen. Sie findet später, deshalb, auch kein Ende.

Am 20. August 2005 wird Bodo Kirchhoff von einer Nachricht auf seiner Mailbox überrascht: "mit schleppender Stimme" gesprochen, hört er die Worte: "Hier ist die Lebensgefährtin von deinem Freund". Noch bevor sie ausgesprochen ist, hat er die Botschaft verstanden. Später wird er dann schreiben:
"M. starb im Spätsommer, sein Tod fiel auf einen noch strahlenden Tag, morgens schon warm, schräge Sonnenstrahlen in einem Kiefernwald, also wohl Harzduft und vermutlich das Klöppeln von Spechten, einem Wald bei seinem versteckten See (nördlich von Berlin ...), zwischen den Kiefern versteckt ein paar Hütten, je ein Raum mit zwei Schlafplätzen und Kochecke - H., die Gefährtin, hatte entsprechende Fotos geschickt, auf einem sie, blond zerzaust; im Türrahmen der Hütte, mit ernstem Blick in die Kamera, auf einem anderen M., noch halb im Schlafsack, ein greiser Pfadfinder."
Es war der Wunsch des Freundes gewesen, ihre Geschichte zu erzählen. "Pack unsere Dinge in einen Roman."
Doch die Lektüre dieses Romans, der eher einem Tagebuch gleicht, irritiert. In jeder Zeile spürt man den Willen, ja den Zwang, dieses Buch zu schreiben. Doch lange bleibt offen: warum. Der Tod des Freundes bietet den Anlass. Erinnerungen werden wach. Dazu kommt das schlechte Gewissen (je)des Überlebenden. Aber: Es geht nur nebenei um den Freund. Mehr geht es, wie immer bei diesem Schriftsteller, um ihn selbst, Bodo Kirchhoff.

Nicht nur, weil M., der verstorbene Freund, wenig Besonderheiten zu bieten hatte. Er sammelte Bücher. Er lebte, von jeher, mit der Literatur. Hölderlin hat er, offenbar immer wieder, gelesen. Benn-Verse - "Spät im Jahre, tief im Schweigen/ dem, der ganz sich selbst gehört,/ werden Blicke niedersteigen,/ neue, Blicke, unzerstört" - waren ihm wichtig. Er ist Arzt geworden, hat aber, konsequent wie er wohl zeitlebens war, als er selbst erkrankte, seinen Beruf an den Nagel gehängt und sich an "seinen versteckten See" zurückgezogen, mit geringem Einkommen anspruchslos gelebt, und er ist offenbar bewusst gestorben.

Sein Wunsch, ihre Geschichtre aufzuschreiben, kommt den Bedürfnissen des Autors entgegen. Nur schreibt Kirchhoff ersichtlich nicht dem Freund zuliebe. Ja, er sagt sogar offen, selbst wenn es "rettend gewesen wäre", er hätte M. keine Niere gespendet, "eher nein". Er schreibt aus Selbstliebe. Sein Narzissmus hatte sich damals, auch in der Freundschaft mit M., entwickelt. Diese "jungen Wünsche" treiben sein Schreiben bis heute an. Denn, das spürt er, diese "Wünsche altern nicht mit uns". Zur Beerdigung, es wäre ihm auch von Italien aus möglich gewesen, dort hinzukommen, ist er nicht gefahren. Dafür schreibt er. Das Schreiben hilft, den Tod zu verdrängen, ihn sogar, zeitweilig, ungeschehen zu machen. Diese Tatsache kommt seinem Narzissmus entgegen. Denn: Die Totel leben, wenn wir es nur wollen. Nicht nur die Erinnerung hält sie lebendig, mehr noch unsere Weigerung, ihren Tod zu akzeptieren. Johann Peter Hebels Unverhofftes Wiedersehen erzählt von einer alten Frau, die als junge Braut ihren Bräutigam bei einem Grubenunglück verloren hat. Nach Jahrzehnten wird der Bergmann, wie unversehrt, aus dem Stollen geborgen. Ihr Warten wurde belohnt; und, nebenbei, wird daran die Wirkungsmacht solchen Willens sichtbar. Auch Bodo Kirchhoff, der über Jahrzehnte hin von seinem Freund mit der Forderung verabschiedet wurde: "Halt die Ohren steif" - kann diese Worte noch hören, obwohl ihr Sprecher längst begraben ist.

Vermutlich lässt sich aus dieser Tatsache das etwas befremdliche Verfahren erklären, das Bodo Kirchhoff für seinen neuen Roman gewählt hat, weniger Erinnerungen aufzurufen, sondern von der Gegenwart zu berichten. Es gehe ihm zwar um den Freund, sagt er, aber dabei gehe "es nicht weniger um das Heute, um eine Chronik der laufenden Erinnerungen entlang des laufenden Geschehens". Also um seinen Alltag im Jahr 2006.

Vermutlich will Kirchhoff seine Pubertätsgeschichte, diese "lang zurückliegende, unerledigte Liebe", die zwar "homoerotisch mit jeder Faser", aber "mit keiner homosexuell" gewesen sei, wieder aufladen, indem er sie in den laufenden Ereignissen der fortlaufenden Gegenwart spiegelt. Einmal erzählt er von der "Glückssucht" seines Freundes, einem Sehnen, in dem er doch nur seine eigenen Sehnsüchte gespiegelt sieht.

Das Zeitalter des Narzissmus, wie Christopher Lasch noch 1980 seine Diagnose unserer Gesellschaft betitelte, ist vorbei. Auch der Typus des Narzissten hat sich in der Folge der globalisierten Verhältnisse gleichsam verflüchtigt. Kirchhoffs Haltung erscheint darum unzeitgemäß, seine Lebensgeschichte brüchig, denn die erinnerte Vergangenheit und die beschriebene Gegenwart gehen nicht ineinander über. Der Wechsel vom Heute ins Damals erscheint eher mechanisch. Kontinuität gibt es nur in der Freundschaft.

Solche intensiven Freundschaften können sich nur entwickeln, wenn die Menschen noch offen, unfertig, auch unsicher sind, in ihren Gefühlen und Empfindungen, ebenso in ihren Erwartungen vom Leben, gemeinsam suchen, tasten, probieren. Sie verlieren auch nach Jahrzehnten nicht ihre Qualität. Deshalb spielt es keine Rolle, dass der Autor nur wenig von dem Freund zu erzählen weiß. Fluchtpunkte aller Erinnerungen, von den gelegentlichen Treffen, der späten Krankheit, bleibt die frühe Nähe, die Aufbruchs- und Ausbruchsversuche, wie damals die Reise nach Rom, mit den beiden Schwestern.

Solche Episoden, wie der gemeinsame Bußgang, sind selten. Es dominiert die Gegenwart. Doch ihr Glutkern liegt in der Vergangenheit. Die Freunde sind gemeinsam Männer geworden. Sie haben ihre Hoffnungen, Sehnsüchte, sogar ihre Fantasien geteilt. Sie sind sich, heute eine exotische Vorstellung, in der gemeinsamen Lektüre nahe gewesen.

Ihre Wege sind nach der Schule auseinandergegangen, obwohl M. ganze vierzehn Jahre noch mit Bodo Kirchhoffs Schwester zusammengewesen war. Sie haben gelegentlich telefoniert. Kirchhoff hat von seinen Reisen in die große, weite Welt öfter Karten geschrieben. Viel zu erinnern gab es nicht mehr. Doch viel zu verlieren: das alte Inbild des möglichen Glücks. Darum musste Bodo Kirchhoff dieses Buch schreiben: Eros und Asche, auch ein Abgesang auf eine Epoche, das Zeitalter des Narzissmus.



Martin Lüdke
in: DIE ZEIT, Literaturbeilage, 04.10.2007


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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