Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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R e z e n s i o n e n
zu »Wo das Meer beginnt«

Was geschah damals auf der Matratze im Keller?
Mit dem Roman "Wo das Meer beginnt" hat Bodo Kirchhoff seinem alten Thema Sex und Gewalt eine neue und souveräne Form gegeben

Bodo Kirchhoffs Roman Wo das Meer beginnt will, in gewollter Nähe zu den bunten Gazetten, an ein Verlangen appellieren, das ins Ungesicherte hinausweist, aber nicht nur den festen Boden, sondern mit dem Ufer auch die Grenze zwischen Romantik und Kitsch hinter sich lässt. Der Autor, darin auch Spieler, hat viel investiert und sich einiges vorgenommen. Er hat sich, scheint es, planvoll von den radikalen Anfängen seiner frühen Versuche gelöst und konsequent auf einen Weg gemacht, der mit den Titeln seiner jüngeren Bücher Infanta (1990), Parlando (2001) und Schundroman (2002) bezeichnet wäre: in die Unterhaltung.

Es geht, wie immer bei Kirchhoff, um Liebe, Sexualität und Gewalt, um homoerotische Motive und, eher neu, ums Altern. Es geht aber auch um den freien Willen und die Versuche der neurologischen Hirnforschung, den »Geist« mit Hilfe biochemischer Verfahren zu erfassen. Shakespeares Sommernachtstraum spielt eine Rolle, dazu der Kunstbesitz ehemaliger Frankfurter Juden. Mozarts Così fan tutte klingt durch. Aber vor allem das vielstimmige, oft etwas zu kernige Gerede eines überalterten Lehrerkollegiums, in dem der Fall des Helden hin und her gewendet wird. Es geht ebenfalls um eine dem Versuch angepasste Poetologie, die etwas aufgesetzt wirkt.

Am Ende bleiben dabei einige blinde Motive auf der Strecke. Entsprechend schwer, um nicht zu sagen: schwerfällig kommt die Erzählung in Gang. Dennoch bleibt die Frage, wie diese Einwände zu gewichten sind. Denn dort, Wo das Meer beginnt, beginnt auch eine nicht nur unterhaltsame und bewegende, sondern vor allem spannend erzählte Geschichte. Mit dem Ich−Erzähler, jetzt Anfang 30, einem Dr. Branzger, der 1979 bereits seinen ersten Auftritt hatte (Ohne Eifer, ohne Zorn), stellt der Autor eine facettenreiche, faszinierende Persönlichkeit vor. Branzger will von Viktor Haberland, seinem Schüler, wissen, was da im Keller des Frankfurter Gymnasiums vor sich gegangen sei. Nach einer Theaterprobe waren Haberland und eine Klassenkameradin auf einer Matratze im Keller über die bloße Probe der gespielten Liebe hörbar hinausgegangen. Am nächsten Tag hatte das Mädchen behauptet, es sei von Haberland, immerhin Sohn eines
hessischen Landesministers, vergewaltigt worden. Seitdem sind zwölf Jahre vergangen. Jetzt sitzt Haberland als Mitarbeiter des Goethe−Instituts in Lissabon, bereitet eine Veranstaltung mit dem passenden Titel Das traurige Ich vor.

Auf diesen geplanten Abend laufen die verschiedenen Erzählstränge zu. Einer der zu erwartenden Gäste ist ebenjenes Mädchen, das vor zwölf Jahren Beteiligte dieses Schulskandals war. Jetzt, zwölf Jahre danach, entwickelt Haberland im Gespräch mit dem Lehrer die ganze? Geschichte. In diesem Sinne handelt es sich hier buchstäblich um ein Experiment. Es spricht einiges für die Vermutung, dass Kirchhoff die experimentellen Energien seiner frühen Versuche neu geformt hat. Alles, was er schreibt und denkt, kreist um das Energiezentrum, das er zwischen Eros und Narzissmus lokalisiert. Wo er sich einst, beim Bodybuilding oder Bordellbesuchen, selbst zum Gegenstand der Beobachtung gemacht hatte, wo er dann später, in der Mexikanischen Novelle bis hin zu Infanta, auf exotischen Schauplätzen das Ich seiner selbstverliebten Helden
spiegelte, an dieser Stelle hat sich etwas verändert. Ein Formprinzip wird erkennbar, das sich als Ergebnis einer Reflexion auf die eigenen Voraussetzungen darstellt. Kirchhoff lässt seine Figuren nach der Genese ihrer Beschädigung forschen. Zudem stellt sich Haberland keineswegs als narzisstischer Charakter dar. Er wird vielmehr von seiner Umgebung als Narzisst eingestuft. Diese Zuschreibung markiert die Veränderung: als soziale Diagnose. Der (frühere) pathologische Befund wird (jetzt) zur konventionellen Münze, zum Gegenstand beiläufigen Geredes.

Nach dem Schundroman ist das tatsächlich ein Unterhaltungsroman. Allerdings raffiniert komponiert. In der Rekonstruktion der Gespräche, die das Geschehen im Schulkeller aufhellen sollten, rückt zugleich der Zeitpunkt der erneuten Konfrontation der einstigen Protagonisten immer näher. Dazu tritt der andere Gesprächspartner, Dr. Branzger, mit seinem eigenen Schicksal immer deutlicher ins Zentrum. Eine eher bescheidene Pointe setzt schließlich ein Frankfurter Hirnforscher. Es ist also, vom Ende her gesehen, eine ziemlich anspruchsvolle Versuchsanordnung, die Kirchhoff erzählend so abarbeitet, dass seine alte monomanische Besessenheit von Sex, Liebe und Gewalt nicht mehr verbissen exerziert werden muss, sondern
leicht und souverän entfaltet werden kann.


Martin Lüdke
in: DIE ZEIT, 23.03.2005.

Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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