Kirchhoff, der Killer und der Kritiker
Am Ende war dann doch alles halb so schlimm. Was ohnehin nur selten geschieht, dass nämlich Romane deutscher Autoren schon im Vorfeld für allerhand Aufsehen vor allem im Literaturbetrieb selbst sorgen, das gelang in den vergangenen Wochen gleich zwei Schriftstellern.
Martin Walser, der sich angesichts seines "Tod eines Kritikers" gar den Vorwurf des Antisemitismus gefallen lassen musste, und Bodo Kirchhoff, in dessen "Schundroman" ebenfalls ein Mann zu Tode kommt, für den unzweifelhaft Marcel Reich-Ranicki Pate stand. Auch Kirchhoffs Buch ist jetzt, im Windschatten der Debatte um Walsers Roman, früher als geplant im Handel. Und die erste Auflage ist bereits vergriffen. Was will ein Autor mehr? Zumal der erwartete Skandal ausblieb. Verpufft war aller Ärger der Kollegen in den Verlagen und Feuilletons noch bevor der Roman überhaupt erschienen war.
Und auch Marcel Reich-Ranicki darf nicht wirklich böse sein. Oder allenfalls darüber, dass ihm letztlich nur eine kleine (Neben-) Rolle zukommt in diesem Frankfurt-Krimi mit zahlreichen lokalen Bezügen (Kirchhoff lebt in der Stadt) und noch mehr ironisch überzeichneten Parallelen zur Literaturszene. So stirbt der Kritiker Louis Freytag bereits auf Seite 35 zwar einen qualvollen Tod durch einen Stoß gegen die Nase ("mit einem Geräusch wie beim Zertreten eines Tischtennisballs, absolut unschön"). Aber gewollt war sein Dahinscheiden keineswegs, eher ein blöder Zufall.
Schließlich weiß die Hauptperson des Romans Willem Hold, extra aus Manila angereist, um für Geld ein anderen Menschen umzubringen, zunächst gar nicht, wen er da mit dem Ellbogen ins Jenseits befördert hat. Doch plötzlich, auch dank der Bekanntschaft mit einer Edelprostituierten namens Lou, steckt er mittendrin im Betrieb der Literaten und solcher, die sich gern mit ihnen umgeben. Eine Szene, die Kirchhoff selbst natürlich bestens kennt - und die er hier auf höchst amüsante Weise demaskiert und karikiert. Angefangen bei der Buchmesse, diesem "Funftagekrieg um das abnehmendste aller irdischen Güter, die Bedeutung", bis hin zu den Autoren und denen, die sich dafür halten. Dabei sind Ähnlichkeiten mit lebenden Personen keineswegs zufällig. Im Gegenteil, sogar unbedingt gewollt.
Einem Autor namens Ollenbeck begegnen wir da beispielsweise, dem Skandalautor, der den "Sex ans Licht geholt hat wie kein anderer" und der bald selbst in Verdacht gerät, den Kritiker Freytag erschlagen zu haben. Es dürfte jedem schnell klar sein, wen Kirchhoff hier beim Schreiben vor Augen hatte: ganz sicher den Franzosen Michel Houellebecq. Dann ist das Vanilla Campus, ehemalige Nachrichten-Sprecherin und nunmehr Ehefrau eines neureichen Unternehmers sowie Autorin einer Sexfibel, über die alle Welt zwar spricht, die aber keiner wirklich gelesen hat. Susan Stahnke mag man hier wohl als Vorbild annehmen.
Besagter Killer, der ein unangenehmes Problem mit seiner Männlichkeit und ein klaffendes Loch in der Wange hat, ein Unternehmer, der mit Bohrern jeglicher Art handelt, und ein Detektivpärchen, das zusammen arbeitet und wohnt, machen das Personal dieses Krimis schließlich komplett. Ein Ensemble wie aus dem Groschenheft ... - literarisch anspruchsvoll, aber deshalb noch lange nicht skandalös.
Anja Luckas
in: Westfälische Rundschau, 02.07.2002.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin
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