Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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R e z e n s i o n e n
zu »Wo das Meer beginnt«

Die Wahrheit in der Erinnerung

Zwölf Jahre ist es her. Damals, es herrschte gerade Krieg am Golf, wurde Viktor Haberland beschuldigt, eine Mitschülerin vergewaltigt zu haben. Er und Tizia Jentsch, so ihr Name, hatten die Proben zu Shakespeares "Sommernachtstraum" sozusagen im Keller der Schule fortgesetzt, als plötzlich die Lehrer das Treiben entdeckten.

Jetzt, wieder herrscht Krieg am Golf, lebt Viktor Haberland in Portugal. Er ist Mitarbeiter des Goethe-Instituts in Lissabon, für das er einen Vortragsabend unter dem Motto "Das traurige Ich" vorbereitet. Als Schauspielerin hat er Tizia Jentsch engagiert. Das Mädchen von damals.

In Bodo Kirchhoffs neuem Roman mit dem beinahe kitschig klingenden Titel "Wo das Meer beginnt" dreht sich wieder einmal alles um Liebe und Sex, um Leidenschaft und Gewalt. Jedoch nur vordergründig. Vielmehr geht es um das Verdrängen und das Erinnern. Oder besser: um die Unfähigkeit sich zu erinnern.

Denn erst jetzt, da er Tizia nach zwölf Jahren noch einmal begegnen wird, gelingt es Viktor, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Erstmals kramt der Anfang Dreißigjährige die Notizen seines alten Lehrers Branzger hervor. Der hatte Viktor damals zu sich nach Hause bestellt, um die Wahrheit zu erfahren über das, was im Keller des "Hölderlin"-Gymnasiums passiert ist. Detailliert hatte er dem jungen Mann im Gegenzug das Protokoll der Sitzung des Lehrerkollegiums vorgelesen, das über Viktors Schulverweis entscheiden sollte.

Jenes Protokoll, ein scheinbar sachlicher, ja banaler Bericht, steht also im Mittelpunkt des Romans, der dennoch zu keiner Zeit und mit keiner Zeile zur trockenen Lektüre gerät. Im Gegenteil wird das Konferenzprotokoll zur Projektionsfläche der Leidenschaft zweier Männer. Hier der junge Viktor, der nur nach und nach bereit ist, seine Wahrheit zu offenbaren. Und dort der alte Lehrer, der mehr und mehr sein eigenes Leben preisgibt - und sich zur eigentlichen Hauptperson in Kirchhoffs Roman entwickelt. Ein scheinbar verschrobener Menschenfeind, dem die wahre und vielleicht einzige Liebe im Leben jedoch keineswegs fremd ist.

Kunstvoll, wie beiläufig, verknüpft Kirchhoff die verschiedenen Erzählstränge aus Vergangenheit, Gegenwart und letztlich ein bisschen Zukunft. Denn die ganze Zeit über möchte man als Leser auch erfahren, wie die Geschichte mit Viktor und Tizia wohl weitergeht. Wie sie endet? Oder ob sie womöglich erst beginnt ...


Anja Luckas
in: Westfälische Rundschau, 23.09.2004.


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

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