Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


    home  news   werke   biographie   gespräche   sekundärliteratur   newsletter   gästebuch   dank  




[ zurück ]




R e z e n s i o n e n
DAS LITERARISCHE QUARTETT zu »Parlando«

DAS LITERARISCHE QUARTETT
mit Marcel Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek, Iris Radisch und Josef Haslinger


Jawohl, Schluß, einverstanden!
EIN DRAMOLETT AUS DER WELT DES FERNSEHENS

Mitwirkende in der Reihenfolge ihres Auftretens : Iris Radisch, Hellmuth Karasek, Marcel Reich-Ranicki, Josef Haslinger, abwesend-anwesend: Bodo Kirchhoff
Wortwörtlich wiedergegeben, leicht gekürzt

19. Oktober 2001, 22.45 Uhr. Festsaal der Börse, Wien. Vier Sessel. Darauf: Iris Radisch, Hellmuth Karasek, Marcel Reich-Ranicki, Josef Haslinger.
Im Saal erwartungsvolles Publikum.

Radisch: Parlando ist -nach Infanta- wieder ein großes, äh umfangreiches Buch des Autors. Eine lange Beichte, die Beichte Karl Fallers an die Staatsanwältin Suse Stein. Der Held wird immer unschuldiger im Laufe des Buchs. Er lebt seinem Vater nach, einem 68er Casanova. Er reist seinem Vater nach, folgt ihm durch die Betten seiner Freundinnen, um ihn am Ende in gewisser Weise loszuwerden. Das Thema des Romans ist es, zur eigenen Stimme zu finden.
 
Karasek:
Kirchhoff versteht es glänzend, Kinderperspektiven in der Erinnerung einzusetzen, um familiäre Katastrophen zu schildern. Es gibt die Szene, wo sich die Eltern trennen, wo eine Fledermaus getötet wird in Italien am Gardasee, das ist eine Szene von beklemmender Kraft. Wirklich aus der Kinderperspektive erzählt, aber mit einer solchen Kraft, daß man weiß, woran eine Ehe scheitert. Kirchhoff ist ein verblüffender Erzähler von magischer Kraft. Ich habe diese Städteporträts, etwa das Tschechow-Museum in Moskau, einen römischen protestantischen Friedhof, mexikanische Straßen, Buenos Aires- ich habe das mit einer großen Bewunderung gelesen, welche Kraft der Autor hat, etwas durch das Wort zu beschwören. Und ich habe auch mit großer Bewunderung gelesen, welche Kraft er hat, die Katastrophe der 68er im sexuellen Bereich zu schildern. Die kommen alle aus der Frankfurter Szene, es wird ein Frankfurter geschildert, der es bis zum Minister gebracht hat. Dreimal darf man raten, wer das war, der war früher Taxifahrer in Frankfurt. Alle diese Figuren werden so geschildert, daß man sowohl die Befreiung der damaligen Zeit, als das Entsetzliche dieser Befreiung sehr genau mitbekommt. Ich würde sagen: Dies ist ein imponierender Erzähler, bei dem ich den Glauben an die Sprache wiedergewonnen habe.

Reich-Ranicki: Ja, also ich muß sagen, zu meiner eigenen Überraschung, ich bin weitgehend mit Herrn Karasek einverstanden!

Karasek:
Ja!

Reich-Ranicki:
Oh, was sind da für erzählende Sachen in diesem Buch! Zunächst einmal: Die Beziehung zwischen dem Ich-Erzähler und der Staatsanwältin, wie das entwickelt wird, wie das dargestellt wird: Natürlich wissen wir, daß sie am Ende ins Bett miteinander gehen werden, kommt ja auch so, wie erwartet. Aber diese Beziehung zwischen zwei Menschen ist fabelhaft dargestellt! Die Fledermausszene wurde hier erwähnt, ein Glanzstück. Die erste Bettszene, die erste Nacht, die er mit der Staatsanwältin verbracht hat, fabelhaft geschrieben, das ist glänzend geschrieben. Und in dem ganzen Buch: eine grandiose Episode nach der anderen. Und eins ist ja so gut: Das ist ja das Buch eines erwachsenen Autors, sehr erwachsen, eines reifen und nachdenklichen Autors. Alles in allem: ein großartiger Schriftsteller, aber ein mißratenes Buch, das man hätte retten können, wenn man 150 Seiten rausgenommen hätte, glaube ich.

Radisch:
Nein, nein!

Haslinger:
Ich glaube nicht, das es eine Frage der Länge ist. Das Buch ist von vornherein auf diese Länge angelegt. So wie die Dinge sich entwickeln, so wie die Szenen sich entwickeln, es kann nicht kürzer sein. Zunächst einmal bin ich voller Bewunderung für diese Sprache, diese hohe Instrumentalisierung dieser Sprache, und auch so wie das Buch ansetzt, mit diesen unendlich langen Sätzen, in die direkte Rede und direkte Gegenrede sozusagen hineingebaut sind, das ist alles verständlich aus der Erzählhaltung heraus, und die Erzählhaltung des Beginns ist keine andere, als daß jemand eine Staatsanwältin von Gott und der Welt zu überzeugen versucht. Der redet sich in einen Roman hinein, in seinen eigenen Lebensroman hinein, und der Lebensroman ist das ödipale Problem mit seinem Vater.

Reich-Ranicki:
Das ist nicht langweilig!

Haslinger:
Nein, nein, das fängt sehr gut an, gleich das zweite Kapitel, diese Erinnerung an die Dresche als Kind, großartig geschrieben. Das ist alles sozusagen - dieser autistische Mensch, der hier spricht. Ein bisserl erinnert's mich an Thomas Bernhard und seine Konstellation der Erzählung. Das funktioniert wunderbar...

Reich-Ranicki:
Ich glaube, dieser Reisebuchteil des Buches ist eigentlich nicht nötig. Der überzeugt mich gar nicht!

Radisch:
Doch!

Reich-Ranicki:
Mich überzeugt der Ich-Erzähler in seinem Verhältnis zu den Eltern und zu der Staatsanwältin. Das Ganze, das hier erzählt wird, soll doch die Staatsanwältin verführen helfen, die Gott sei dank eine erwachsene und nicht dumme Frau ist, die ist sehr intelligent, die Staatsanwältin, Kirchhoff hat genau gewußt, was er tut, beide Figuren, der Ich-Erzähler und die Staatsanwältin, sind intelligent: Das ist schon mal gut! Ich habe gern intelligente Figuren, ich lese ungern Bücher über Doofköppe!

Radisch:
Das Buch muß so lang sein, weil, es ist das Buch selber, der Held erzählt es ja, also das Buch selber ist ja die Erzählung des Helden, und das Buch soll ihn von seinem Vater befreien. Deswegen kann er nicht aufhören zu reden, bis er das geschafft hat!

Haslinger:
Ja!

Radisch:
Und auch all diese Reisen dienen der Befreiung vom Vater, weil der Vater ist der Reiseschriftsteller, der hat die sprachliche Gewalt über diese Städte, er hat die beschrieben, das sind diese berühmten Stadtführer für Alleinreisende. Das macht er ja nach, indem er in seinem Buch diese Städte selber noch mal beschreibt, imitiert er seinen Vater wie er ihn im Bett mit den Frauen imitiert, wie er ihn bei den Huren imitiert, er imitiert seinen Vater das ganze Buch über! Mein Problem ist, daß ich die Neurose dieses Karl Faller nicht verstehe. Warum muß der, Entschuldigung, mit allen Frauen schlafen, mit denen sein Vater geschlafen hat? Warum muß der alle Städte beschreiben, die sein Vater beschrieben hat?

Reich-Ranicki:
Er leidet daran, daß seine Eltern ihn zur Welt gebracht haben, als sie beide 16,17 Jahre alt waren, und weil er von den Eltern nie richtig betreut wurde. Er leidet an seinen Eltern, das ist es. Haben Sie das noch nie gehört? In der Weltliteratur kommt das vor!

Radisch:
Und deswegen geht man gleich mit allen Leuten ins Bett, mit denen die Eltern auch im Bett waren?

Reich-Ranicki:
Nein, es gibt verschiedene Möglichkeiten, das was Kirchhoff offeriert, ist eine Möglichkeit, man muß nicht immer dasselbe machen.

Karasek:
Der Entwurf, ob der überzeugt oder nicht, das laß ich jetzt mal offen, das gebe ich dem Autor als Vorgabe. Ich sage, wenn das dein Entwurf ist, dann folge ich dir, und ich folge Kirchhoff fasziniert, ich folge ihm fasziniert durch Lissabon, ich sehe diese Stillsteherinnen in all den Städten, ich sehe Rom, ich sehe Goethes Sohn, diese Anspielung auf Goethes Sohn ist eine so geschickte und so zarte, daß sie gleichzeitig doch eine autobiographische ist, ich sehe das Schulelend, die Eltern, die sozusagen in totaler Freiheit leben, schieben den Sohn auf die Schule ab, und ich sehe eine Szene wie die Weihnachtsszene, wo er zurückkommt in die Kirche seiner Kindheit, wo die Mutter aus formalen Gründen immer noch gebetet hat, und er sitzt hinter der Mutter an Weihnachten und reist heimlich ab...

Radisch:
Ja, Sie wollen einfach, und das ist ja auch legitim, die starken Szenen retten, die starken Szenen gibt es in diesem Buch, die Fledermausszene und viele andere, aber das nutzt doch nichts, wenn einen die ganze Komposition des Buches nicht überzeugt, da immer wieder zu sagen, es gibt aber sehr schöne Stellen. Also diese Blütenlese...

Reich-Ranicki:
Deswegen habe ich ja am Anfang gesagt: Ein fabelhafter Erzähler, ein mißratener Roman. Herr Haslinger, haben Sie noch was?

Haslinger:
Das ist kein mißratener Roman. Das ist viel zu stark ...

Reich-Ranicki:
Ja, gut: nicht ganz gelungener Roman ...

Haslinger:
...nirgendwo langweilig.

Radisch:
Zu viele Leichen ...

Haslinger:
Aber der Kirchhoff, der schreibt ja auch Tatort ...

Karasek: Ich würde nur noch einen Satz gerne sagen: Wer eine solche Szene wie das Tiervarieté mit den beiden Pelikanen in Moskau beschreiben kann, der hat sich für die Literatur legitimiert.

Reich-Ranicki:
Jawohl, Schluß, einverstanden!


Quelle: www.frankfurter-verlagsanstalt.de
[ zurück ]










   impressum