Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n

Legenden um den eigenen Körper




Legenden um den eigenen Körper

Frankfurter Vorlesungen

1. Auflage 1995
edition suhrkamp 1944, Neue Folge 944
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1995
182 Seiten
ISBN 3-518-11944-3

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Leseprobe

Guten Abend, meine Damen und Herren - fangen wir ganz einfach an, mit einem Satz aus der Rubrik ›Vermischtes‹: »In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen.«
Es fällt mir nicht schwer zu erklären, warum gerade solch eine Zeile, erschütternd lapidar, dieser Poetik-Vorlesung vorangestellt ist. Der Sog, den eben jener Satz, Beginn einer Erzählung, vor nun bald dreißig Jahren schon auf mich ausgeübt hat - mir stand damals, erstmalig, ein Weg offen, in der Welt herumzukommen: lesenderweise -, lag nämlich in dem Gefühl, auch an mir, der ich in mich vergraben war, sei in letzter Zeit das Interesse sehr zurückgegangen; und plötzlich sah sich der Leseanfänger eingeladen zu einer Erzählfahrt, in deren Verlauf, so durfte er hoffen, man doch manches erführe über die Ursachen eines derart zurückgehenden Interesses an einem selbst.
Später bin ich dann noch viel herumgekommen, lesenderweise, kehrte aber stets ins Land des Hungerkünstlers zurück; es hat mich bewegt, dieses Land, wie jene schroffen Gegenden, in die hineingeboren zu sein man sich so gern wie schaudernd vorstellt - »... an schönen Tagen«, heißt es dort, »wurde der Käfig ins Freie getragen, und nun waren es besonders die Kinder, denen der Hungerkünstler gezeigt wurde; während er für die Erwachsenen oft nur ein Spaß war, an dem sie der Mode halber teilnahmen, sahen die Kinder staunend, mit offenem Mund, der Sicherheit halber einander bei der Hand haltend, zu, wie er bleich, im schwarzen Trikot, mit mächtig vortretenden Rippen, sogar einen Sessel verschmähend, auf hingestreutem Stroh saß ...« Dies kurze Stück (aus der berühmten Erzählung, erschienen 1922) veranschaulicht schon meine Thematik: Schreiben als Legendenbildung um den eigenen Körper, gleichgültig wie kraftvoll oder wie schmächtig, wie anziehend oder abstoßend dieser in den Augen anderer ist; der Schöpfer des Hungerkünstlers hielt bekanntlich nie große Stücke auf seinen Körper; an allem schien es ihm zu gebrechen, was den Körper seines Erzeugers, aufstrebender Prager Kaufmann, auszeichnete. Verglichen mit ihm, war er buchstäblich ein Nobody, wie es im Englischen treffend heißt - dann aber die Worte: ›mit mächtig vortretenden Rippen‹.
Auf einmal verwandelt sich, schreibend, der Körper dessen, der seinen Mangel an Stattlichkeit selbst herbeigeführt hat, in einen anderen, machtvoll imaginären Körper - den unumstößlichen der Literatur, in dem Fall: jener Erzählung, über die später noch zu sprechen sein wird; zunächst ein weiterer kurzer Text, doch erschienen nicht 1922, sondern 1979 - »Ich habe es wieder zu mir genommen. Es mit Hilfe eines Fotos, welches mich und meine Mutter zeigt, aufgelesen, mit dem kleinen Finger zusammengeschoben, es abgeleckt und verschluckt. Ich habe mir über den Mund gewischt, bin aufgestanden und begann zu posen, was ich jetzt immer noch mache. Ich schaue mich an, diesen unglaublichen Körper mit seinen sagenhaften Einzelheiten, und weiß inzwischen genau: Jene Angst, die alles begleitet, stammt überhaupt nicht von mir.«
Und auch in diesen Zeilen aus meinem Band ›Die Einsamkeit der Haut‹ das Bemühen doppelter Neuerschaffung: eines unvergänglichen Körpers als Teil der Erzählung (so aussichtslos es sein mag, durch Schlucken des eigenen Samens dessen Verlust auszugleichen), und jenes imaginären, den der Gesamttext verkörpert: nämlich das zu Lesende, die Legende um den gegebenen, durch Torturen des Sports zwar zu verformenden, nie aber zu objektivierenden Körper; erinnern wir uns nur all der Versuche, uns einmal ganz von hinten zu sehen ...
In meiner Arbeit ging es von Anfang an, darum das zweite Zitat, um Körper und Schrift, um die Spannungen zwischen Soma und Sema, vermutlich, weil es auch in meinem Leben schon recht früh um diese beiden Pole ging - ›Das Kind und die Buchstaben‹, heißt daher das heutige Thema. Beim nächsten Mal steht die Wahrheit als eine hergestellte, ›Orthopädische Wahrheit‹ im Mittelpunkt, die Macht und Ohnmacht der Fiktion; in der dritten Vorlesung wird es um ›Schreiben und Narzißmus‹ gehen - etwas, das für sich spricht; oder gegen mich. Und am vierten Abend der Versuch, das Leitmotiv meiner Poetologie, ›Legenden um den eigenen Körper‹, mit unserer Zeit in Verbindung zu bringen - ›Dem Schmerz eine Welt geben‹, lautet das Thema. Die letzte Veranstaltung dürfen Sie sich dann als eine Art Theaterabend vorstellen; sie wird an einem anderen Ort stattfinden und einiges von dem, was vorher behauptet wurde, demonstrieren, zum Beispiel, daß jedes Wort im Grunde ein Abtasten des Körpers ist - Titel: ›Der Ansager einer Stripteasenummer gibt nicht auf‹.

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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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