Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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P u b l i k a t i o n e n



Laudatio auf Bodo Kirchhoff
Petra Gerster anläßlich der Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille, Mainz, 18. Januar 2008



Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Bodo, liebe Uli, meine Damen und Herren!

Schön, wenn ich meine Laudatio so beginnen könnte: Seit Bodo Kirchhoff schreibt, bin ich seine Leserin. Seit den ersten Texten, die soviel Aufsehen erregten in den frühen 80er Jahren, seit ich die Einsamkeit der Haut, um gleich den wichtigsten zu nennen, in Händen hielt und gebannt und auch ein bisschen schockiert mit dem Autor durch bestimmte Ecken Frankfurts strich, wusste ich....

Aber - so kann ich leider nicht beginnen.

Denn als ich Bodo Kirchhoff im Jahr 2001 kennenlernte, in einer Frankfurter Gesellschaft, also einem eher untypischen Ort für Bodo Kirchhoff, wie ich aus heutiger Sicht sagen kann, befand ich mich in der unangenehmen Situation, kein einziges seiner Bücher gelesen zu haben, nicht mal Parlando, das damals gerade in aller Munde war, nur war mir wenigstens das bekannt, und außerdem konnte ich anmerken, wie sehr das Buch meinem Bruder gefallen hatte. Besser als nichts. Aber es zeigte sich: Für das Gespräch, das sich sogleich entspann, war es nicht wichtig, was ich von Kirchhoff gelesen oder nicht gelesen hatte - wir sprachen von anderen Dingen, dem Gardasee, zudem wir zufälligerweise im selben Sommer aufzubrechen gedachten, seine See also, der in Bodo Kirchhoffs Leben und in seinen Texten eine so prominente Rolle spielt, doch das konnte ich natürlich erst später feststellen, als ich meine Leselücken Buch für Buch schloss; wir sprachen also von diesem See, von unseren Ehepartnern und Kindern, wie das Leute tun, wenn sie das erste Mal beisammen sind und überrascht feststellen, dass sie einander gern etwas von sich erzählen und sich ebenso gern zuhören.

Seit dem ist viel geschehen. Eine Freundschaft ist entstanden, wenig später haben wir Deine erste Literatursendung im HR - ich übertreibe meinen Anteil ein wenig - zusammen be-stritten und über Paula Fox ge-stritten oder doch lebhaft diskutiert, die ich auch durch Dich entdeckte, vor allem aber habe ich seitdem Bodo Kirchhoff entdeckt und ziemlich gründlich gelesen. Vielleicht war das gar keine so schlechte Voraussetzung, die Offenheit und Neugier, mit denen ich mich also vor sieben Jahren an seine Texte machte, um nach dem Menschen Bodo Kirchhoff auch den Erzähler kennenzulernen, der mich sofort faszinierte.
Ich lernte ihn ja gleich auf einem Gipfel seiner Romankunst kennen, denn Parlando wurde mein erstes Kirchhoff-Buch, und es traf mich mit seiner Sprachgewalt, der raffinierten Erzählweise und der anrührenden Liebesgeschichte ins Herz - wie das eben nur bei großer Literatur passiert.
Und wenn ich Gipfel sage, so ist damit nicht eine einsame Spitze, sondern in diesem Fall einer von mehreren gemeint, eine ganze Gipfelkette, an deren Eroberung ich mich nun mit Verspätung machte.

Ihre erste Spitze Infanta ragt schon im Jahr 1990 hinauf: Das ist jener hinreißende Roman über fünf alte Missionare im philippinischen Urwald mit schriftstellerischen Neigungen, die ihre kluge und schöne Haushaltshilfe, die junge Waise Mayla, in die alle ein wenig verliebt sind, an den Mann bringen wollen und dafür den zufällig dort gestrandeten Kurt Lukas, ein männliches Fotomodell ohne nennenswerte Eigenschaften, zu sich auf die Station in den Dschungel lotsen, wo er sich ohne Gegenwehr in die ausgetüftelten Liebeshändel verstricken lässt und selbst verstrickt, vom Verführer zum Verführten wird und schließlich liebt; und an dieser Liebe wächst und am Ende jemand mit Eigenschaften wird - auch wenn es da schon keine Zukunft mehr gibt führ ihn. Ein Entwicklungsroman im klassischen Sinn, aber auch eine komplizierte Liebesgeschichte, wie Parlando; aber um die Liebe geht es bei diesem Autor eigentlich immer (wie Sie nachher auch bei der kleinen Lesung feststellen werden): Um Liebe und Begehren und die Suche danach und natürlich den Tod. Also - das ganze Leben.

Aber wie es erzählt wird, das Leben, das macht den Unterschied. Und entscheidet darüber, ob es neue Saiten in uns berührt oder ob es uns kalt lässt. Was aber ist das Berührende bei Bodo Kirchhoff? Verblüffend ist ja zunächst ein Gegenteil von Berührung, das, was wir wahrscheinlich als so modern und intellektuell an seinen Texten empfinden: die hohe Reflexivität seines Schreibens. "Was ist eine Geschichte? Wie erzählt man? Wer spricht? Bewältigung der Zeit. Bedeutung von Namen. Führung des Helden. Fluss der Sprache, Gesetze der Sprache; durfte man sie beugen, brechen? Und durfte man erfinden, lügen?" All dies Fragen und Überlegungen, die der Autor Kirchhoff in Infanta einem seiner Missionare, dem Pater Butterworth als Mit- oder Sub-Erzähler jener am Ende tragischen Liebesgeschichte in den Mund legt.

Oder wie Kirchhoff selbst definiert: Schreiben heißt: Abgrund plus Handwerk, das eine ohne das andere ist nicht. Das bekommen auch die zu hören, die das Schreiben von ihm lernen wollen, am Gardasee, in den Seminaren, die Bodo Kirchhoff dort zusammen mit seiner Frau Ulrike Bauer gibt. Das und wahrscheinlich immer wieder den Appell an das Erinnern - an alles, was einem den Boden unter den Füßen wegzieht oder einen Dinge tun lässt, für die man keine Zeugen will -, so steht es in Eros und Asche, dem jüngsten und autobiografischsten seiner Bücher.

Abgrund plus Handwerk also und eine dritte Bedingung des Schreibens nennt er dort: sich zeigen wollen und sich zeigen können: Wer Ich sagt, schreibt Kirchhoff an anderer Stelle, muss auch sagen, was mit diesem Ich los ist; es genügt nicht, sich selber zu meinen, man muss sich auch selbst zur Anzeige bringen. Das also sind - sehr verkürzt - die Rahmenbedingungen seines Schreibens. Bleiben wir deshalb ein wenig bei diesen Bedingungen, beim Handwerk, dem Abgrund und der Bereitschaft, uns etwas von diesem Abgrund zu zeigen, also von sich.

Aber vielleicht gehört es zum Handwerk einer Laudatio, auch erst mal ein paar biografische Fakten zu nennen, wenn denn das Schreiben eines Schriftstellers nicht von seinem Leben zu trennen ist - wovon sollte ein guter Schriftsteller auch sonst erzählen als von der Welt in seinem Kopf, die nun mal Teil jener Welt ist, in der wir alle leben. Dabei wird deutlich werden, wie sehr gerade bei Bodo Kirchhoff Leben und Schreiben zusammengehören, ja so miteinander verzahnt sind, dass genau das seine Erzählweise und sein Erkenntnisinteresse bestimmt: Unsere Biografie formt unseren Blick auf die Welt.

1948 in Hamburg geboren verbringt Bodo Kirchhoff nach dem frühen Umzug in den Schwarzwald den größten Teil seiner Schulzeit in einem Internat am Bodensee - schon da ein See, den wir als Schicksals-Ort und Zeichen für das Unbewusste öfter wiederfinden in seinem Werk, er leistet anschließend zwei Jahre Militärdienst und studiert nach längerem Amerika-Aufenthalt in Frankfurt - sehr zeitgemäß - Pädagogik, Psychologie und Soziologie; er beginnt eine Psychoanalyse und bricht sie - im Theorie-Streit mit dem Analytiker - vorzeitig ab, promoviert über den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan.
Seit 1981 reist er viel und lange ins Ausland, an reizvolle und wüste Orte, manchmal gerät er mitten in einen Putsch oder Bürgerkrieg, wie auf den Philippinen oder in Somalia, und er beschreibt alles in Reportagen für die Zeitschrift Transatlantik. Vieles davon finden wir auch in den fiktiven Texten wieder; vor allem das Reisen selbst, die äußere Bewegung, die auf die innere verweist, ein Getriebensein, die ständige Suche nach dem Ort, der ein Glücksversprechen bereithält.

Erste Veröffentlichungen ab 1979, Theaterstücke und Erzählungen, der erste ganz große Erfolg kommt - wie schon erwähnt - 1990 mit Infanta, ein zweiter großer oder noch größerer Erfolg 2001 mit Parlando. Bis zum jüngsten Werk Eros und Asche, einem Roman über seine Lebensfreundschaft mit M., seinem radikaleren, verzweifelteren Alter Ego aus dem Internat, dessen Tod Bodo Kirchhoff nicht in Ruhe lässt, bis er die Geschichte dieser Freundschaft, die auch eine Liebesgeschichte ist, erzählt hat, bis zu diesem ganz autobiografischen Text also, der im letzten Jahr erschien, eine solche Fülle an Erzählungen, Romanen, Novellen und Drehbüchern, dass ich mich hier auf die eben genannten drei Titel beschränke und nicht mal von allen spreche, die mir wichtig sind.

Soweit die dürren Fakten. Das was dazwischen gehört, was ein Menschenleben ausmacht, Sehnsucht, Einsamkeit, Leid und natürlich die Liebe oder die Suche danach - das können wir - verändert, verdichtet, verfremdet - in seinen Texten lesen und noch mehr.

Natürlich beginnen die Verletzungen früh, im Elternhaus, wo sonst, das in diesem Fall ein besonderes ist: die außerordentlich schöne Wiener Mutter, die am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg Komödien spielt und nach einer großen Bühnenkarriere strebt, wie auch deren Mutter, Kirchhoffs Großmutter, schon auf der Bühne stand, als Opernsängerin in der Wiener Volksoper - wenn man das weiß, wird übrigens ein bisschen klarer, woher er das hat, dieses äußerst Bühnenwirksame seiner Lesungen, seine Stentorstimme und das ein klein wenig Theatralische (ich hoffe, Sie bekommen gleich eine Kostprobe davon) -; beide Frauen sind mit ihren Karrieren offenbar an den Standesregeln eines gehobenen Bürgertums gescheitert, wenn ich das richtig verstanden habe, oder auch an den Ehemännern; der Vater, ebenso gut aussehend wie die Mutter, auch dies wird vererbt, der die Familie aus unternehmerischen Gründen aus Hamburg in den Schwarzwald verfrachtet - drei Egozentriker, wie Kirchhoff in seinen Poetikvorlesungen Legenden um den eigenen Körper erzählt, die dem Kind Bodo zwar sehr zugetan sind, es aber miteinander nicht aushalten können. Und so zerbricht die Kirchzartener Familienidylle jäh, da ist das Kind erst zehn und muss in jenes Internat am Bodensee, von dem schon die Rede war.

Die Scheidung der Eltern und die frühe Abschiebung ins Internat - wer Kinder hat oder ein gutes Gedächtnis an sich selber in diesem Alter, weiß, was das bedeutet für einen sensiblen Zehnjährigen, das erste Trauma im Leben von Bodo Kirchhoff, aber nicht das letzte. Aber damit hier nicht alles nur behauptet wird wie in schlechten Rezensionen, will ich Ihnen gleich - etwas unüblich vielleicht - ein Stück aus Parlando vorlesen, das deutlich macht, was ich mit der Verdichtung und Verfremdung solcher Traumata, ihrer Verarbeitung im Erzählen meine, damit etwas vom Handwerk Kirchhoffs, das ja vor allem Sprache ist, deutlich wird. Den Abgrund sehen Sie schon selbst.

Doch zuvor noch ein paar Worte zum Kontext: Parlando ist die Geschichte des jungen Drehbuchautors Karl Faller, der in der Neujahrsnacht verletzt neben einer Toten gefunden und zunächst des Mordes verdächtigt wird; bei der Vernehmung durch die Staatsanwältin Suse Stein passiert nun das für den Leser Unerwartete: Er sagt nicht: Ich war's nicht, sondern bezichtigt sich vielmehr selber des Mordes an der Unbekannten und schiebt diesem merkwürdig unplausiblen Geständnis gleich noch die früheren Morde am Kantor im Internat und an seinen Eltern hinterher.
Doch ohne Preis sind solche Geständnisse bei Bodo Kirchhoff nicht zu haben, Karl Faller stellt die Staatsanwältin, die im Verhör auf kurze Aussagen drängt, vor die Alternative: Entweder erzähle ich alles oder nichts. Denn nur im Erzählen kann sich der junge Mann öffnen, erzählend umkreist er sein ganzes Leben, die verhängnisvolle Beziehung zum früh die Familie im Stich lassenden Vater; erzählend versucht er, seine eigene Identität, sein Ich zu finden und die Wahrheit dessen, was wirklich geschehen ist.
Er redet sich - um ein Sprichwort umzudrehen - also nicht um Kopf und Kragen, sondern behauptet oder findet sich erst im Gegenteil durch sein Reden: Ich bin, was ich erzähle, sagt er einmal, und die Staatsanwältin fungiert als eine Art Therapeutin, die ihm die Fragen stellt, die ihn weiter erzählen lassen. Dass es die richtigen Fragen sind, liegt wiederum nicht daran, dass Suse Stein etwa analytisch geschult wäre, sondern daran, dass sie - liebt. Die Liebe bringt diese Zwiesprache, diesen Dialog, hervor, nicht ihr Beruf, und hält das Gespräch zwischen beiden auch über große Entfernungen in Gang. So kommt am Ende die Wahrheit ans Licht.

Dieser Staatsanwältin also erzählt Karl Faller, wie er als Kind die Trennung seiner Eltern erlebt hat, eine Passage, die sich bei Kirchhoff über acht Buchseiten erstreckt, und die ich jetzt eigenmächtig auf eine Seite verkürze:
Er beginnt also: Stell Dir vor: eine junge Frau, ein junger Mann und ein Kind, meine Mutter, mein Vater und ich. Die Frau, seit den frühen Morgenstunden unter einem Bettuch sitzend, weint. Das Kind - nackt auf einem Ziegenhaarteppich - dreht ohne Unterlaß an einer Spieluhr, deren verborgenes Werk für immer auf O Tannenbaum eingestellt ist... Sie weint, weil der Mann geht. Ich gehe, hat er nachts auf einmal gerufen und alle Lichter angeschaltet, Ich gehe. Das Licht in jedem Zimmer und draußen schon die Vögel, pfeifend, und die Kartons vor den Bücherwänden und das laute Weinen unter dem weißen Tuch, davon erwachte das Kind und griff nach der Spieluhr; jetzt stehen schon überall Kartons und in den Regalen klaffen Löcher. Wie durch Sturm herabstürzende Ziegel fallen die Bücher herunter, lärmend, staubend, und auf einmal brüllt meine verhüllte Mutter, als zöge man ihr einen Nagel aus, brüllt etwas von einer anderen, derentwegen er gehe ... Verreck doch bei der. Danach verliert sich ihr Weinen in Schnaufen und Wimmern, einer Art Pause, die sie gewissermaßen einräumt für rettende Worte, und nimmt erst wieder zu, als er von einem neuen Gefühl des Lebendigseins redet ... jäh nimmt es zu, schlägt um in Gebrüll, Ich will, nur einmal, einen einfachen wahren Satz von Dir hören! Das Kind schnappt nach Luft, nun ist es eingeweiht. Es zieht seine Spieluhr auf, es schaut am Vater vorbei, es sucht an dessen Stelle nach diesem einfachen wahren Satz, ... hoft auf den einfachen, wahren Satz, schaut mal zum Vater, mal zum Bett ... Nichts fällt dir ein, kein Wort, schreit die junge Frau unter dem Tuch, meine Mutter, und der Bücher in Kartons befördernde Mann, er fragt sich, was er sagen soll, als sei alles nur ein Schaden, der sich mit Worten reparieren ließe, und selbst das Kind ... erwägt jetzt Möglichkeiten einer Reparatur. Es muss doch etwas geben, ein Wort oder Tun, das den Vater wieder auspacken und die Mutter lächelnd unter dem Tuch hervorkommen lässt, es sitzt da, das Kind, und träumt mit offenen Augen einen hausbackenen Traum vom Frieden, einem Leben ohne Neins, denn damit hatte aller Hass und Wahnsinn angefangen, mit einem Nein ... Und dann noch einmal ihr Brüllen: Nimm sie, nimm alles. Und das Kind, sich selbst zu diesem Alles zählend, stößt einen langen, zum O Tannenbaum der Spieluhr fast feierlich klingenden Schrei aus, seine Mutter wirft das Tuch ab, ein nicht mehr erwarteter Akt, Arme weit offen. Aufflatternd wie eine Schwänin reißt Kathi mich an sich, und rückwärts, Hände erhoben, verlässt mein Vater die Wohnung, das Wort Eltern beginnt zu zerfallen.

Das ist so grandios erzählt, dass ich eigentlich nicht mehr begründen muss, warum Bodo Kirchhoff heute die Carl-Zuckmayer-Medaille bekommt, welche Richtung dieser Schriftsteller genommen hat, der zunächst - in den frühen 80ern - ungeachtet des neuen Tons vor allem als kalter Beobachter, als Erotoman und Narzist, gar als Zyniker wahrgenommen wurde.
In diser kurzen Passage - und es gibt viele von ähnlicher Dichte und Intensität - wird deutlich, was Bodo Kirchhoff mit Handwerk plus Abgrund meint und als Drittem das Sich-zeigen-Wollen. Hier kommt der unerträgliche Verlust eines Kindes von allem, was seine Welt ausmacht, zur Sprache: der Verlust von Schutz und Geborgenheit und Zuhausesein - erzählt aus der Perspektive des Kindes, das nichts versteht und alles.

Und diese Sprache ist es, die Kirchhoffs Texte einzigartig macht, neben der raffinierten Romankonstruktion; eine Sprache, die einen mit dem ersten Satz am Angelhaken hat und hineinzieht ins Geschehen, wie Sie gemerkt haben, in einem atemlosen Sog, ohne Absätze, so, dass man selber auch beim leisen Lesen fast außer Atem gerät. Die Sprache, bei der jeder einzelne Satz wie in Form gehauen dasteht, bringt - als Signatur des Unbewussten - an den Tag, was man zuvor nur dunkel ahnt. Sie gibt - um es mit den Worten des Autors zu sagen - dem Schmerz eine Welt.

Indem Karl Faller der Staatsanwältin und uns von diesem Kindheitstrauma erzählt, dem Verlust seines Elternhauses, wie er ihr alles erzählt, nicht nur die Verletzungen, sondern auch das, was ihm peinlich ist, seine Schuld und sein Versagen, und in dem Maße, in dem Suse Stein sich das alles anhört, ja erst aus ihm herauslockt, wird am Ende überhaupt eine Art Glück möglich. Glück als Folge eines gegenseitigen Erkennens, seiner selbst und des anderen, wie das Erkennen ja schon in der Bibel ein anderes Wort für Liebe ist.
Wir stehen den schmerzhaften Selbsterkennungsprozess des Helden mit ihm durch, der dabei auch unseren Blick schärft - das ist unser Gewinn dabei; bringt die dichterische Einbildungskraft - oder moderner gesagt: die Fiktion - doch andere Wahrheiten ans Licht als Psychoanalyse oder Gesprächstherapie, so vermute ich jedenfalls - zumindest haben die dichterischen Wahrheiten den großen Vorteil, dass die Leser an ihnen teilhaben können. Und ist dies nicht genau das, was wir uns wünschen, wenn wir lesen? Nach einem Buch zu merken, dass die verlesene Zeit keine verlorene war, dass wir möglicherweise etwas vom Leben begriffen haben? Ist das nicht die größtmögliche Wirkung, die Literatur haben kann?

Dazu gratuliere ich Dir, lieber Bodo, und Ihnen, meine Damen und Herren, empfehle ich sehr, Kirchhoff zu lesen.


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Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis der Autorin

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